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Aurum Agrippae     Zett ...?      illigdebatte
Plumbum Agrippae ... archiviert, wie seit Oktober 2008, was Adam Bonaventura Czartoryski uns hinterließ. Er deponierte es auf seinen Schreibtisch, bevor er sich für unser Bündnis mit dem Orakelrat opferte. Entnehmen Sie die näheren Umstände dem widerwort vom 18.08.2008.

Wir veröffentlichen hier sein Vermächtnis Folge für Folge als plumbum agrippae 3.0.

Gegeben zu Venedig im Großen Archiv, Mai 2019

Antje Peeters, successor principis

I.

1 Begreife doch! Links Laub-, rechts Nadelholz. An jedem Ufer drei Baumsorten für die drei Striche der Urzeichen des I Ching. Zusammen sechs, entsprechend den sechs Strichen eines fertigen Orakelzeichens. Vereint im selben System, dem Garten – und zugleich durch den Bach getrennt. Denk an die durchgängigen Yang- und die geteilten Yinstriche!

2 Bedenke, wie sie als Ergebnisse des Schafgarbenzählens stark oder schwach, veränderlich oder stabil vorkommen.

3 Wie du siehst, stehen in allen acht Uferabschnitten, die von den Steinen begrenzt werden,  jeweils acht Bäume.

4 Wir rechnen für jedes Ufer acht mal acht, gleich vierundsechzig Bäume: einen für jedes Orakelzeichen. Wo wir gerade stehen, wachsen eine Ulme, drei Ahorne und vier Buchen.

5 Im nächsten Abschnitt erkennst du drei Ulmen, vier Ahorne und eine Buche, und sobald wir das Zeichen des Erregenden im Bach passieren, beträgt das Verhältnis vier zu eins zu drei.

6 So überwiegt stets ein Gehölz, während das Zweite stark, das letzte nur mit einem Exemplar vertreten ist.

7 Im folgenden Abschnitt wächst das Starke zur Übermacht heran, die fast verschwundene Baumsorte wird stark und die einst Übermächtige verschwindet bis auf das Restexemplar. Immerwährendes Wachstum und Schrumpfen nach ewig gleichem Gesetz – den Gezeiten der Kausalität.

8 Er rieb sich die Hände, was deren faltige Haut sekundenweise straffte und die leberfleckigen Handrücken um zwanzig Jahre verjüngte. Ich habe Hesse widerlegt, trompetete er stolz.

9 Hermann Hesse, bekräftigte er. Das Glasperlenspiel. Erinnere dich, wie Josef Knecht, der nachmalige Glasperlenspielmeister den alten Orakelsteller um Rat bittet! Knecht will die Zeichenwelt des I Ching in die Spielsprache einbauen, und der Orakelsteller sagt ihm, ich zitiere sehr frei:

10 Es mag ja ganz schön sein, einen kleinen Garten wie das Glasperlenspiel, in die Welt zu setzen, aber, Freundchen, die Welt, das I Ching, in sein Gärtlein zu pflanzen – das ist vermessen.

11 Ich aber habe die Welt des I Ching in mein Gärtlein gepflanzt. Wenn du Lust hast, such weitere Parallelen ...! Nach ein paar Sekunden sprachlosen Staunens fiel mir Josef Knechts Rücktritt vom Amt des Magister Ludi ein.

12 Hundert Meter weiter stand Chous Haus, wo außer ihm nur seine beiden Lieblingsschüler und Gehilfen wohnten, die auch für des Meisters leibliches Wohl sorgten, ein Wohlergehen, um das es bescheiden genug bestellt war.

13 Entweder hat das Leben den alten Gourmet und Gourmand zum Asketen geläutert oder sein Körper ist mittlerweile so alt, dass er ihn für jeden Genuss straft.

14 Ich fand die Behausung schmucklos und mit karger Küche.

15 Selbstverständlich wies das Gebäude achteckigen Grundriss auf, und acht Stufen führten zum Eingang.

16 Nur eins noch sei erwähnt, bevor ich auf unsere Beratungen zu sprechen komme: Im Empfangszimmer sah ich die Kopie eines Bildes, das ich aus dem Stockholmer Ostasienmuseum kenne.

17 Ich besuche dieses Bild, wann immer ich den Behördensitz verlasse, um via Stockholm zu fliegen.

18 Siau Chou hatte es eigenhändig kopiert, mit feinem Gespür für die nuancenreiche Wirkung von Papier und Tusche.

19 Es war: Bananenbaum, Pflaumenbaum und Felsen des armen Säufers und Mörders – des genialen Malers Hsü Wei. In dessen ekstatischer Kalligrafie, die ich mir einmal übersetzen ließ, heißt es:

20 Obwohl der Winter noch dauert, sendet die üppige Banane ihre Frühlingstriebe aus und über die trennende Mauer lächelt der alte Pflaumenbaum mit jungen Blüten.

21 Wie können wir dies Wunder verstehen, wie es begreifen? Hast du genug Fisch, rufst du nicht nach Garnelen.

22 Neben dieser Kopie hing eine selbständige Arbeit Siau Chous, ein aufgespanntes Rollbild. Zwischen Harmonie und Wildheit zerrissen, zeigte es den Bachlauf und Motive aus seinem Garten.

23 Die Schrift des Gedichtes, das Chou dreispaltig neben den schlanken Stamm eines Fächerahorns gesetzt hatte, stellte für mein Laienauge ein Meisterwerk dar.

24 Kurz vor dem Lebensende noch pflanzen wir Bäume, hoffen auf sanften Schatten für alte Tage.

25 Und nachts sehnen wir durch das Blätterdach hoch zu den blinkenden Sternen, den Schuppen des himmlischen Drachen.

26 Wohl weiß ich, mein Trachten nach Harmonie ist vergeblich, doch kann ich nicht davon lassen.

27 Erdnussbauernsohn. Teilnehmer am Langen Marsch. Einer der wichtigsten Interviewpartner, die Edgar Snow damals fand für Red Star over China. Rotarmist, Kommunist und zugleich chinesischer Nationalist. Goldbarrendieb und Millionär. Gelehrter Schreiber, hundert Jahre zuvor hätte er als Mandarin steile Karriere gemacht. Orakelsteller. Beamter der Hohen Behörde.

28 Schließlich der Sternenputzer bis zum skandalösen Rücktritt. Gärtner. Lehrer. Weiser. Verräter. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte. So vieler Wandlungen fähig.

29 Eine schräge Type?

30 Siau Chou war kein bisschen beleidigt, als ich ihn so nannte, ließ sich vielmehr zu einem Akt der Unbescheidenheit hinreißen und proklamierte, die Welt brauche viel mehr solch schräger Typen.

31 Nur Sucher auf Irrwegen fänden irgendetwas von Belang, manchmal, an selten günstigen Knotenpunkten des kausalen Geflechtes, haarscharf am Scheitern vorbei.

32 Dem Rest der Menschheit gebühre das selbstgerechte Urteil: auf Staatsbanketten und am Stammtisch.

33 Solche Leute vertrauten ihrer Rentenversicherung.

II.

1 In das flache Stück weißen Marmors war deutlich SPQR gemeißelt, Senatus Populusque Romanus, denn Guardinis Anliegen war der Hinweis auf den römischen Ursprung seiner Reichsidee.

2 Er dachte geostrategisch. Die Provence im Westen. Neapel beherrschte den Süden des italienischen Stiefels. Im Osten würde bald der größte Länderblock in die Hände der Anjou fallen. Wer sollte sie dann noch hindern, die gewaltige Macht im oberitalienischen Raum zu vereinen?

3 Natürliches Zentrum dieses Reiches wäre Venedig.

4 Doch Venedig musste erst erobert werden.

5 Ob das dem Anjou klar war? Wie lenkte man die Aufmerksamkeit Ludwigs auf Venedig?

6 Durch einen überaus geschickten Steinmetzen der Prager Gilde ließ Guardini die Beutestücke so bearbeiten, dass sich alle Einzelteile zu einem pflastersteinähnlichen Gebilde  zusammenstecken ließen.

7 Mit dem Ergebnis hochzufrieden, machte er sich nach Venedig auf ...

8 Offenbar war eine schlecht geführte Pilgergesellschaft eingetroffen – hundert, wenn nicht zweihundert Leute schwärmten rings um den Broglio in die Portiken der Prokurazien aus, um chaotisch mit Kapitänen und Schiffseignern zu verhandeln.

9 Es ging um die Überfahrt ins Heilige Land, um Preise, Bakschisch für die Sarazenen, die Besatzer der heiligen Stätten.

10 Wie viel Raum stand jedem Passagier auf und unter Deck zu?

11 Wie viele Bewaffnete schützten das Schiff vor Piraten?

12 Wie viele Mahlzeiten täglich waren im Preis der Passage inbegriffen und was wurde gekocht?

13 Würde der Kapitän selbst die Pilger zu den heiligen Stätten führen oder sie durch einheimische Führer geleiten lassen, die nochmals Löhnung forderten?

14 Durften Hühnerkäfige mit an Bord?

15 Frische Eier wehrten jeder Schwäche und ein kräftiges Süppchen kurierte Landratten, sobald die schlimmste Kotzerei der Seekrankheit vorüber war.

16 Schreien, Keifen, Feilschen, anstelle des üblichen diskreten Geflüsters.

17 Pilger von Stand gestikulierten aufgeregt, wie der Geringste der vielköpfigen Schar.

18 Venedigs Kaufmannsblicke taxierten: Der ist nicht helle, dem rupfen wir die Börse, der kommt zu uns an Bord.

19 Dazwischen die Notare der Dogenkanzlei.

20 Sie beglaubigten die Schandverträge.

21 Tauben schissen grüngrau aufs Pflaster.

22 Nichts davon ging Marian Guardini an.

23 Hinter einem Holzverschlag, wo der Schreiber einer Seitenlinie der Dandolo Hof hielt, fügte Guardini seinen Stein ins aufgemeißelte Pflaster der Piazza San Marco.

24 Ludwig der Große d’Anjou war nun steinern verankert in seiner künftigen Residenz.

25 Eine Stunde, schwül von Symbolik.

26 Selbst der Schreiber passte ins Bild, hatte doch vor rund hundert Jahren ein greiser Dandolo Konstantinopel erobert, das Zweite Rom.

27 Verzeiht Signor, aber was tut ihr da? Der junge Venezianer hinter Guardini staunte. Das wäre neu: ein Dieb der Pflastersteine?

28 Mein Herr, ich trachte vielmehr, diese schöne Stadt zu bereichern, antwortete Guardini.

29 Vor Euch kniet ein wandernder Scholar im Staub der Serenissima und hat soeben Venedig, die Krone der Städte, mit einem neuen Edelstein geschmückt.

30 Ächzend stemmte er sich hoch und rieb die schmerzenden Knie.

31 Zu oft in feuchter Kälte übernachtet, zu weit gewandert, ganz taufrisch war er nicht mehr, unser Scholar.

32 Und wozu ist das gut, fragte der Mann in patrizischer Tracht. Ich sehe wohl, dass Ihr kein Loch im Pflaster hinterlassen habt, aber der Teufel mag mich holen, wenn ich es begreife!

33 So bückt Euch halt, sagte Guardini.

III.

1 Topraks Arbeitgeber ist mittlerweile der Berliner Senat, genauer, jene Abteilung des Tiefbauamtes, der die Wartung der Kanalisation obliegt.

2 Vor zwei Monaten hat er seinen Gesellenbrief als Maurer gemacht und wurde daraufhin zum stellvertretenden Vorarbeiter einer gemischten deutsch-türkisch-spanischen Kolonne befördert.

3 Jetzt ist Toprak auf dem Weg in den wohlverdienten Feierabend, den er heute nicht beim Billard in seiner Stammkneipe verbringt, sondern im etwas trist möblierten Zimmer in der Pücklerstraße.

4 Bald wird er umziehen, Westberlins Norden – schon ist die Wohnung gemietet, muss aber noch tapeziert werden. Deshalb heute Richtung Pücklerstraße.

5 Dass ein Fürst dieses Namens die Eisbombe erfand und paradiesische Gärten anlegte, weiß Toprak nicht, noch nicht, wie ich betonen will.

6 Nur, dass die Überstunden Kräfte zehren, weiß er. Vor Wintereinbruch ist noch viel zu flicken in der Kanalisation.

7 Außerdem hat er es die letzten Wochen ein bisschen toll getrieben: sieben Uhr auf der Arbeit, frühestens um vier, meist erst um fünf Uhr abends Schluss, dann Essen und bis Mitternacht Billard, Bier, Raki – das frisst den stärksten Mann.

8 Hundemüde ist er, fix und fertig, so kaputt, dass seine Sinne mit unheimlicher Präzision auf Umweltreize reagieren. Übermüdet glaubt man das tatsächlich.

9 Das Aluminiumpapier einer Zigarettenschachtel schwimmt als Papierschiffchen, weiß oben, auf einer Pfütze, als Insel in den Regenbogenfarben des Ölfilms. Noch nicht durchnässt vom Nieselregen. Der Raucher hat das Papier gerade erst weggeworfen. Da vorn, rund zwanzig Schritt. Sogar die Marke ist noch zu erkennen, ecksteingrün, bevor die Packung in die Manteltasche gleitet.

10 Unmittelbar vor der Trinkhalle zwei Rauchwölkchen kurz nacheinander, die ihren Weg zwischen Kopf und Regenschirm in die Berliner Luft finden. Er hat sich selbst Feuer gegeben. Eckstein: So hässlich ist das Grün eigentlich gar nicht. Stellt man es sich ein wenig dunkler vor, erinnert es sogar an Küstenstriche in der Bucht von Izmir.

11 Überhaupt, das heimatliche Wasser, ganz anderes Grün und Blau, wird sogar rot, bei Sonnenauf- und -untergängen. Nie aber dieses Grau, nein, Toprak will gerecht sein! Keine traurigen Vergleiche! Die führen einen nur in Versuchung, doch auf einen Raki bei den Freunden einzukehren.

12 Ein Bauzaun längs der Manteuffelstraße. Ausgediente Verschalungsbretter erwecken fast Topraks Mitleid. Ob man sie zählen kann? Toprak zügelt seinen Schritt. Eins, zwei, drei ..., schließlich vierundsechzig als er aufgibt, einsieht, dass es keinen Zweck hat. Plakatwerbung bedeckt die Latten, und er müsste auf allen Vieren krabbeln, um weiter zu zählen:

13 Universum Filmtheater zeigt High Noon – Zwölf Uhr mittags, Regie Fred Zinnemann ... Universum Filmtheater zeigt High ...

14 Da: eine Ratte! Sie zwängt sich durch die Stäbe des Kanalgitters und huscht am Bordstein durch die Gosse. Quer über den Gehweg spurtet sie zum Bretterzaun und ist verschwunden. Lücke im Zaun. Lücken hat jeder Zaun, doch gleich ... eins, zwei ... acht lose Bretter? Toprak bleibt stehen.

15 So ein Leichtsinn! Wenn nun Kinder kämen, um auf der Baustelle zu spielen? So schnell ist was passiert! Von wegen: Betreten verboten ... Eltern haften! Schlimm genug, dass er auf die eigene Tochter nicht aufpassen kann, die bei der Frau in der Türkei geblieben ist!

16 Die Bretter hängen noch an ihren oberen Schrauben, sind nur unten lose, rechts und links zu viert übereinander geschoben, vom Regen aufgeweicht und fest miteinander verquollen. Dreieckige Pforte. Wie ein hölzerner Theatervorhang, der gerade aufgezogen wird.

17 Bücken, mal sehen. Lehmiger Bodenstreifen, paar Meter breit, dahinter eine Grube. Ausschachtungsarbeiten für den Keller eines Kaufhauses. Wenn nun ein Kind abrutschte, hilflos im Loch und dann die Ratte ... unausdenklich!

18 Schon ist Toprak auf der Rückseite des Bauzauns. Scheißtag. Scheißschraube. Scheißriss: Der Blaumann war fast neu. Das kommt davon, wenn man sich kümmern will! Trotzdem beruhigt es ihn, dass er nachgeschaut hat, es gibt so ganz kleine Gedanken, die rauben einem den Schlaf.

19 Und da ist die Ratte wieder, ignoriert Toprak völlig und nagt hingebungsvoll irgendwas von den Brettern. Das Tier lässt sich nicht stören, frisst wie süchtig Plakatfetzen, auf denen regennasser, schleimiger Kleister glänzt.

20 Dämlich, die Werbung hinten auf den Zaun zu kleben, wo nur Bauarbeiter sie sehen!

21 Besuchen Sie die Kleinkunstbühne Vanitas! Berlin 61, Mauerweg 138. Top-Acts im neuen Programm:

22 Träume sind Schäume.

23 Lustig war einst das Wandererleben.

24 Markuslöwe – Pflasterstein, wollen stets beisammen sein.

25 Überall Venedig.

26 Abendunterhaltung für vier Söldner.

27 Das Festbankett beim Erzbischof.

28 Loyang und seine Ratten – die Lust zum Reisen ...

29 Den Schluss des Relativsatzes hat die Ratte gefressen. Kopfschüttelnd über die Deutschen und ihre versponnenen Künstler, macht Toprak sich endgültig auf den Weg zu seinem Zimmer, wo er tief und erholsam schläft.

30 Am nächsten Abend veranlasst ihn eine unbestimmte Neugier, nochmal nach dem Plakat zu schauen.

31 Es ist fort. Nur glibberiger Kleisterschleim haftet an den Brettern.

32 Während Azim Toprak sich fragt, wie die Ratte den oberen Teil des Plakats hat abfressen können, wird er von zwei Polizisten gestellt.

33 Nach Aufnahme seiner Personalien muss er wegen unbefugten Betretens ein Bußgeld in Höhe von zwanzig Mark (West) entrichten.


IV.

1 Während das Gespräch dahinplätschert, erreichen wir die alte Landstraße, ein Weg, der mir von Kindesbeinen an vertraut ist.

2 Alleebäume auf den ersten paar hundert Metern.

3 Linker Hand die Burgruine Klingenhov.

4 Dort soll, im Turm, Carolus Magnus übernachtet haben.

5 mehrhundertjährige Gehöfte, in die banausenhafte Neureiche mit Faible für das Landleben falsche Fenster hineinrestauriert haben.
.
6 Weite, Ebene, nur von vereinzelten Streifen Raingestrüpp, Waldflecken und den Hochspannungsmasten gegliederte Agrarlandschaft des Niederrheins.

7 Bekannte Häuser, oft gesehen.

8 Dann die Windmühle ohne Flügel, halbwegs schon in Creyfeld, im Ortskern eines Kaffs wie des Meinigen.

9 Reifenquietschend hält Herbert an der Ampel. Herbert fährt sportlich.

10 Doch gibt die rote Ampel mir Gelegenheit, die modern ausgebaute Kreuzung in Augenschein zu nehmen.

11 Der Gehsteig, der sich zuvor weit ausladend, in elegantem Dreiviertelkreis um das Mühlentorhaus geschwungen hat, ist nun auf die Breite zweier Platten reduziert.

12 In seitlichem Krebsgang quetscht sich an der Mauer entlang, wer nicht vom vorbeirauschenden Verkehr zu Tode geschleift werden will.

13 Und selbst dann gibt es nur eine Überlebenschance, solange kein Fußgänger aus der Gegenrichtung kommt.

14 Dahinter steckt Methode.

15 Nach dem ersten Unfall mit Personenschaden hätten die Städteplaner Grund, das überflüssige Mühlentorhaus einzureißen.

16 Mir kommt der schwarze Mann in den Sinn, der Astrolog, wie andere Lokalsagen ihn nennen, die Hauptfigur einer Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg.

17 Als Sekretär hatte er sich auf einem der beiden Lobberter Adelssitze verdingt und unsterblich in ins wohlgestaltete Töchterlein seines Brotherrn verliebt.

18 Jedoch verweigerte die hochwohl geborene Maid ihm ihre Gunst, worunter er schrecklich gelitten haben soll.

19 Im Durcheinander, das ausbrach, als Spinola 1625 eins seiner Kroatenregimenter bei uns ins Winterquartier warf, um es im Jahr darauf gen Breda marschieren zu lassen, als alles rannte, um wenigstens die Sau oder ein paar Silberstücke vor den gut katholisch habsburgischen Reiterscharen zu verbergen, da habe der Astrolog die junge Frau geschändet und sei auf Schleichwegen, die seither jeder Grundschüler in Heimatkunde-Aufsätzen beschreiben muss, entkommen.

20 Den Schülern wird natürlich nichts von Vergewaltigung erzählt! Ihre Light-Version spricht von Diebstahl.

21 Er soll nach Vierst geflohen sein, zur Mühle, bei der wir jetzt vor roter Ampel halten, und soll Einlass verlangt haben.

22 Windstill soll es gewesen sein, kein Lüftchen habe sich geregt und dennoch hätten urplötzlich die Windmühlenflügel wie rasend Kreise geschlagen, einer habe sich im unerklärlich bauschig wehenden Gewand des Astrologen verfangen, diesen empor gerissen und nach einer Umdrehung tot zu Boden geschleudert, woraus sich schließen lasse, dass Strafe jeder Schandtat auf dem Fuß folge.

23 Dies nur für die Grundschüler.

24 Laut zweiter Version wurde der Astrolog in den Himmel geschleudert und zerplatzte dort in tausend Stücke, woraufhin Schwefelgestank sich im ganzen Ort verbreitete.

25 Eine dritte Lesart besagt, der ahnungslose Müller habe ihm Obdach gewährt, am Morgen sei der Astrolog ohne ein Wort des Dankes verschwunden, und viele Wochen hindurch sei in dieser Mühle auch das beste Korn zu schwarzem, ungenießbarem Mehl gemahlen worden.

26 Dies Mehl, keinesfalls jedoch die Kroaten, habe die Pest eingeschleppt und dafür sei der unschuldige Müller aufgeknüpft worden. Der Astrolog aber sei nach Creyfeld entkommen.

27 Oder ins Kurkölnische.

28 Wie ich befürchtet habe: Gerade, als die Ampel auf Grün umspringt, balanciert eine Frau mit Kleinkind über den Gehsteig.

29 Herbert fährt los.

30 Die Kurze an Mutters Hand bückt sich, greift ein händchenvoll herausgestaubten Mörtels vom Boden und versucht, das Zeug in die Mauerfugen des Torhauses zu stopfen.

31 Entnervt zerrt die Mutter sie weiter.

32 Gerade noch rechtzeitig, bevor eine Kurve mir den Blick im Rückspiegel nimmt, sehe ich, wie das Mädchen sich losreißt und zu seiner spielerischen Arbeit zurückläuft, halsbrecherisch nah an fahrenden Autos vorbei.

33 Man kann nur hoffen, dass sie, zur Baumeisterin geboren, nicht unter die Räder kommt und dem Stadtrat Anlass bietet, diese gefährliche Mühle abzureißen!

V.


1 Lorwitz sprach weiter: 101 Jahre der militärischen Exzesse stehen 239 Jahren friedlicher Prosperität gegenüber, wenn wir der Alternativgeschichte von 1390 bis 1730 folgen.

2 Immerhin! Er schmatzte erneut beim Kauen, als freute er sich schlechter Manieren oder des eigenen Untergangs.

3 Nach 1730 gibt es laut diesen Aufzeichnungen gar keinen Krieg mehr in Europa! Der gewaltsame Tod findet nur noch als persönliches Schicksal statt, durch Allerweltsdinge wie Verbrechen oder Unfälle – die Mehrzahl der Menschen stirbt im Bett.

4 Sonst kommt nichts vor. Ist das nicht wunderbar!? Lorwitz schlürfte einen großen Schluck Chablis. Nirgends stehn in Reih und Glied Soldatenkreuze, niemand erwacht schweißgebadet aus bösem Traum, weil wieder Bomben fallen auf Guernica, auf  Coventry, Monte Cassino oder Dresden, ganz zu schweigen von Hiroschima und Nagasaki

 5 Ein Paradies ... obwohl natürlich zuvor die Bucholtz ihr Gärtlein mit Blut düngten, bis alles hoch genug gewachsen war, um den Stürmen zu trotzen.

6 Sie kennen das ja – man datiert Gewalt die zurück in kontrafaktische Vergangenheit, nimmt sie aber grundsätzlich in kauf? Böse funkelte er mich an.

7 Im Park pflegten städtische Bedienstete ein kleines Paradies. Acht uns bekannte Herren rauchten auf Bänken Zigaretten.

8 Draußen dachten sie: Die können doch nicht ewig drin bleiben! Wir dachten: Wann verschwinden sie endlich? Wir leerten unsere Gläser und stiegen in den Keller.

9 Lang gereiht reckten Flaschen ihre Hälse aus stabilen Holzregalen und warteten darauf, geköpft zu werden.

10 Doch für diese Pracht hatte Lorwitz keinen Blick mehr. Er führte uns in die Naumachia des letzten Bucholtz.

11 Naumachia?

12 Wenn auch nicht aus Cäsarenwahn, so hatte Bucholtz hier doch ein künstliches Manövergebiet für Seeschlachten konstruiert, das der Naumachia Vaticana, der Naumachia Augusti, sogar dem flavischen Amphitheater, das vollgepumpt mit Wasser, mancher Seeschlacht Raum geboten hatte, lediglich an Größe nachstand.

13 Technische Perfektion und Ausstattung aber hätten den antiken Römer vor Neid erblassen lassen.

14 Das abgetrennte Gewölbe war etwa halb so groß wie die Grundfläche des komplett unterkellerten Schlosses.

15 Das eigentliche Bassin maß 15 mal 20 Meter und wurde vom Weiher mit Wasser gespeist, durch ein kompliziertes Filtersystem – es sollte frei von Algen und Gestank die Schifflein tanzen lassen, auch durften keine Schmutzpartikel in die Mechanik geraten, die für den Seegang sorgte, stufenlos regelbar von Flaute bis Orkan.

16 Avanti Zubehör, krähte Lorwitz und zog uns weiter.

17 Wohin? Monica war nervös.

18 Die Küstenlinien, sagte Lorwitz. Oder hast du schon mal ein rechteckiges Meer gesehen?

19 Außer vielen hundert ferngesteuerten Schiffsmodellen aller Epochen und Typen lagern drüben etwa 80 vollplastische, lackierte, maßstabgetreue Küstenattrappen aus imprägniertem Balsaholz, handlich zerlegt in Einzelteile.

20 Sobald Bucholtz sich für eine bestimmte Seeschlacht entschieden hatte, verankerte er die entsprechende Modellküste entlang der Bassineinfassung und schon lag der Schauplatz gut übersichtlich auf Augenhöhe.

21 Alles vorrätig: Von der venezianischen Lagune bis zum dänischen Sund, er wies auf eine Holzkiste und prüfte kurz deren Beschriftung. Das ist der Bosporus. Sogar außereuropäische Küsten kann ich anbieten, etwa die Straße von Malakka, wo 1763 ...

22 Ich wollte intime Kenntnis meiner eigenen, von Bucholtz nur plagiierten, Erfindung beweisen: Wo 1763 eine Flotte unter Geert van Rijndsberck aufständische Einheiten der Reichsfaktoreien niederkämpfte, beendete ich Lorwitz‘ Satz.

23 Nein, entgegnete er scharf. Rijndsberck war nicht allein und auch nicht Oberbefehlshaber dieser Flotte. Sie werden in der Bibliothek nicht jeden Punkt Ihrer Anjouchronik bestätigt finden. Sie werden sich noch wundern!

24 Es waren eingekellert: Dschunken. Arabische Schnellsegler. Griechische, römische, phönizische Zweiruderer, Triremen und Vierruderer.

25 Neben Hansekoggen lagen Galeeren des Bei von Tunis im Karton vor Anker und stritten nicht mit schweren Galeassen der Serenissima Repubblica, die erst von beweglicheren Schiffen in Position geschleppt werden mussten, ehe sie ins Gefecht eingriffen. Karacken, Korvetten, Fregatten, Linienschiffe der Jahrhunderte 17 und 18.

26 Sie alle lagen zeigefingerlang mit winzigen Stückpforten, bindfadendünner Takelage, streichholzstarken Masten und noch dünneren Riemen in blau ausgepolsterten Schachteln.

27 Jeder Mastkorb mit einem Ausguck besetzt. Seit Jahren nur noch: Land in Sicht!

28 Jeder Fetzen Tuch geheißt vor Winden, die Passat oder Monsun, Taifun, Zyklon, Hurricane oder Tornado, Mistral, Ghibli oder Schirokko hießen – und in dem Keller niemals wehten. Jedes Schiff über alle Toppen beflaggt.

29 Im Trockendock.

30 Höchst interessant ist auch das Innenleben, dozierte Lorwitz und nahm ein spanisches Linienschiff mit drei Batteriedecks auseinander.

31 Tatsächlich enthielt es nur eine einzige Batterie – jene, die den Modellantrieb mit Strom versorgte.

32 Ein Motörchen sirrte, und rasend wirbelte die winzige Schiffsschraube Luft, als wollte sie den ohne jedes Lüftchen bauschig geschwellten Segeln Hohn sprechen.

33 Der Hauptmast dient zugleich als Antenne der Fernsteuerung, erklärte Lorwitz und knipste den Motor aus.

VI.

1 Der Kern der Bibliothek ist knapp fünfhundert Jahre alt, erklärte Lorwitz.

2 Wenn Sie bedenken, dass dies rund zwanzig Generationen sind, und jede Generation vielleicht fünf Schreiber hervorbringt, so kann die Autobiografien-Sammlung nicht mehr als etwa hundert Bände umfassen.

3 Allerdings mächtige Wälzer, wohl keiner unter tausend Seiten stark.

4 Im halb offenen Barockschrank mit flammenden Nussbaumintarsien standen diese Kernstücke der Sammlung, jedes in kaisergelbe chinesische Seide gebunden, und beinahe so dick wie hoch.

5 Ohne die Verfallserscheinungen, die Bücher solchen Alters aufzuweisen pflegen. Offenbar waren sie vor nicht allzu langer Zeit beim Restaurator und beim Buchbinder gewesen.

6 Anders verhält es sich mit peripheren Werken, bemerkte unser Gastgeber und winkte uns in den nächsten Raum.

7 Winzige Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. Da kommt manches zusammen!

8 Hier die gefälschten Quellentexte und fiktiven allgemeinen Geschichtswerke, die nicht unmittelbar mit der Familie Klingenhoven zu Bucholtz zusammenhängen – abgesehen davon, dass ihre Mitglieder sie verfassten.

9 Bändeweise fiktive Korrespondenz mit historischen und erfundenen Personen.

10 Wobei natürlich Brief und Antwort denselben Autor haben.

11 Außer, wenn beispielsweise Bucholtz A als Bucholtz an Bucholtz B schrieb, wobei B in dem Spiel meinethalben als Gouverneur einer fernen Provinz antwortete.

12 Manchmal lassen sich anhand dieser Briefwechsel regelrechte Tauschgeschäfte nachweisen.

13 Denn B verlangte irgendwann eine Gegenleistung für seine Arbeit als fiktiver Korrespondenzpartner.

14 So erwartete er zum Beispiel von A, dass der ihm nun seinerseits als Adressat zur Verfügung stand, als ferne Geliebte, als Dichterfürst zu Weimar oder Papst in Rom.

15 Und das sind nur die Bände mit der Korrespondenz!

16 Dazu kommen Lebensbeschreibungen von Knechten und Sekretären.

17 Auch die meines mutmaßlichen Urahns, des Astrologen, findet sich und deckt seine Zeit hier im Haus ab – mit Ausnahme der letzten entscheidenden Stunden.

18 Biografien aller Pfarrherren aus der Umgebung – einer Umgebung, mit der wir stark fremdeln, denn selbst die ewige Kirche und ihr Volk wandeln sich im veränderten politischen Rahmen.

19 Biografien erfundener Herzöge von Geldern.

20 Biografien der Äbte von Corvey und Erb-Provinzialstatthalter zu Köln, denen die fiktive Familie verbunden gewesen sein will.

21 Die Liste ließe sich fortsetzen.

22 Bis an die Decke des großen Raumes reichten hier die Regale.

23 Nebenan lagerte in einer parallelen Zimmerflucht die Wahrheit.

24 Jedermann hatte ja zwei Ebenen beschrieben – neben der Fiktion auch die Realität. So fanden sich Wand an Wand mit geträumten Leben hundert Zweit-Autobiografien, verfasst in knochentrockener historischer Akribie. Gelocht und mit Seidenschnüren gebündelt lag tatsächliche Korrespondenz zuhauf.

25 Es stapelten sich erfüllte und vor dem Reichskammergericht angefochtene Verträge über Stundung von Reichssteuern gegen Bürgschaft in Form der Überlassung von Fischereirechten am Flüsslein Beek.

26 Die wahre Lebensgeschichte des wahren Astrologen (wieder unter Auslassung der letzten maßgeblichen Stunden).

27 Biografische Skizzen felsenfest sicher in sich und ihrer Kirche ruhender Pfarr- und Dekanatsherren. Et cetera.

28 Die Bibliothek nahm den kompletten ersten Stock ein. Hinter den beiden parallelen Zimmerfluchten stießen wir auf einen saalähnlichen Raum, in den sie beide mündeten. Hier waren die Bücher nicht mehr säuberlich in Regale gereiht, sondern lagen zahllos gestopft, gestapelt, gehäuft und pisanisch getürmt.

29 Dies war die ganz normale Schlossbibliothek mit Allerweltswerken, die auch in anderen Bibliotheken stehen.

30 Allerdings mit ein paar seltenen Preziosen, darunter Inkunabeln aus der Pariser Druckerei Guy Marchant, darunter dem Danse Macabre von 1485, den es, meines Wissens, abgesehen vom Exemplar in unserem eigenen Archiv, sonst nur noch in der Stadtbibliothek von Grenoble gibt.

31 Zum Schluss führte Lorwitz uns in das Turmgelass, wo er sein persönliches Arbeitszimmer eingerichtet hatte. Es nahm die erste Etage des grauenvollen neugotischen Türmchens ein, das dem Herrensitz geschmacklos angeklatscht worden war, während man zu Köln den Dom fertig stellte.

32 Ein hoher, quadratischer, palisandergetäfelter Raum mit Spitzbogenfenstern, der außer Lorwitz’ eigenen Manuskripten und wenigen Folianten auf dem Schreibtisch keine weiteren Bücher enthielt.

33 Der Hausherr bot uns Platz an. Wir sahen, wie ermattet er in seinen Schreibtischsessel sank.


VII.

1 Zurück zum Anfang der Geschichte! Alles begann mit Rainhard Arnaldus von Klingenhoven zu Bucholtz.

2 Er verließ den verfallenden Stammsitz der Familie, wenige Kilometer von hier – Sie kennen ja den Turm, wo Karl der Große einmal übernachtet hat.

3 Rainhard Arnaldus zog in dieses Schloss, das er von einer Seitenlinie des Geschlechtes erwarb.

4 Die Sekundogenitur übrigens erlosch mit ihrer letzten Angehörigen, die unter Stand nach Kurland verheiratet wurde, in die Nähe von Mitau, an einen Burgvogt Hartbeyn.

5 Sie sehen, wir befinden uns wieder ganz in der Nähe von Königsberg, da alle Kreise sich irgendwann schließen. Doch zurück zu Rainhard Arnaldus.

6 Am Beginn seiner Aufzeichnungen steht die ungemein dreiste Behauptung, sein Geschlecht habe seit 1493 stets treu und fest zum Kaiser gehalten.

7 Dabei hegten die wirklichen Klingenhoven tiefen Groll gegen den Kaiser, speziell gegen die Habsburger, denen sie Hausmachtpolitik vorwarfen, wo Reichspolitik nötig gewesen wäre.

8 Und ganz besonders hassten sie, man kann es nur absurd nennen, den letzten Ritter Maximilian.

9 Ihm verübelten sie, dass er 1495 bei Verkündung des Ewigen Landfriedens die Einrichtung des Reichskammergerichtes erlaubte, selbst wenn er wenige Jahre danach den Reichshofrat als Gegengewicht schuf.

10 Sogleich brachen die Klingenhoven dann ja auch ihren aussichtslosen Steuer- und Bürgschaftsprozess vom Zaun, der immer noch anhängig war, als am 25. Februar 1803 der Reichsdeputationshauptschluss dem Kammergericht buchstäblich den Boden entzog.

11 Maximilian war ihnen so zuwider, dass sie hier in Lobbert den reichen Gutshof Haus Heyt und drei weitere Gehöfte verkauften, um ein Fähnlein Söldner zu rüsten, mit dem sie im 1499er Schwabenkrieg den Schweizern zu Hilfe eilten.

12 Aus purem Trotz, denn im Grunde waren sie ja zentralistisch gesonnen und auf Reichseinheit bedacht, also gegen die Loslösung der Schweiz.

13 Vielleicht wurzelt in diesem Zwiespalt die Geschichtsverdopplung. Wie es ist – wie es sein sollte, Sie verstehen!?

14 Vom Niederrhein zog Rainhard Arnaldus also in den Süden des Reiches und berichtet darüber wahrheitsgemäß in seiner Autobiografie Nummer Eins.

15 Des Weiteren schreibt er über eine Italienreise, die er im Anschluss an den Krieg unternahm.

16 Sie führte ihn bis nach Rom.

17 Er erwähnt diverse alchemistische Rezepturen zur Herstellung halluzinogener Substanzen auf Fliegenpilzbasis und verbreitet sich über ein Buchprojekt, das alle je zuvor geschriebenen Bücher, ja alle zukünftigen Schriften in sich aufnehmen sollte.

18 Humbug natürlich, im biografischen Sinne aber zumindest wahrheitsgetreu.

19 Er war jedoch auch der Erste in seiner Familie, der eine alternative Biografie vorlegte: 1493 will er nach einer Schlacht bei Aachen, die niemals stattfand, seinem neuen Herrn, dem Kaiser Ludwig, der nie regierte, den Lehnseid geschworen haben und reichsunmittelbar geworden sein.

20 Zwei Jahre darauf will er an der Eroberung Dänemarks durch den Kaiser teilgenommen haben.

21 Und 1498 schließlich befehligte er, laut Autobiografie Zwei, die Kampftruppen auf einer Reichsflotte, die Tunis genommen und seine Hafenwerke geschleift haben soll.

22 Damals begann also die verzweifelte Liebe dieser Landadligen zur See und zu den Schiffen.

23 Ich überließ Monica das Zuhören. Gedanken waren zu ordnen.

24 Ludwig I. d'Anjou, auch der Große genannt, hatte gemäß Anjouchronik ein Reich von Sizilien bis zur Ostsee geschaffen, ein Reich, dessen Hauptstadt Venedig wurde.

25 Sein Sohn, Ludwig II. der Prächtige, verjagte 1453 die Türken vom Balkan, verleibte dem Reich die bosnischen, walachischen, serbischen und albanischen Restgebiete sowie ganz Griechenland und die meisten Ägäisinseln ein.

26 Er schloss Bündnisse mit dem Kaiser von Trapezunt, dem er Kleinasien schenkte, dem Litauer und dem Großfürsten von Moskau, da er die geostrategisch perfekte Ostgrenze seines Staatsgebildes in Gestalt von Pruth und Schwarzmeerküste erreicht träumte.

27 Danach gab es jahrhundertelang im Osten nichts Neues.

28 Im Westen hingegen quetschte Ludwigs Landmasse das Heilige Römische Reich wie eine Kneifzange, von der Provence bis Danzig. Schließlich wählten die Kurfürsten, durch Geld und Drohung gefügig gemacht, Ludwig III., den Enkel des Reichsgründers, auch noch zum Römischen Kaiser.

29 Die übrige Reichsfürstenschaft jedoch fürchtete den neu gewählten Herrn, da die völlige Machtlosigkeit, ja teilweise Ausrottung des Hochadels in dessen Stammlanden nur allzu bekannt war.

30 Die deutschen Fürsten also frondierten. Verstärkt durch eine imponierende Koalition aus Burgund, Frankreich, England, den iberischen und skandinavischen Staaten, spielten sie zu einem Schlachtfest auf, wie es die Welt noch nie gesehen hatte.

31 Vor Aachen endete im Jahre 1493 dieses zehnjährige Gemetzel. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation in Gänze, weite Gebiete Ostfrankreichs und der europäische Norden fielen an Ludwig III. und mussten nur noch kassiert werden.

32 Das war die Schlacht von Aachen: 313 Jahre bevor konventionelle Geschichtsschreibung den Habsburger Franz II. die Römische Kaiserkrone niederlegen lässt – ging das Römische Reich Deutscher Nation in einem weitaus Größeren auf.

33 So will es die Anjouchronik. Wie aber hatte sich Rainhard Arnaldus von Klingenhoven zu Bucholtz ihr verpflichtet fühlen können – 482 Jahre ehe Rechenblatt und ich die ersten Zeilen über Marian Guardini und seinen Traum aufschrieben?

IIX.

1 Wir sprechen wenig, während Monica das Nötigste einpackt.

2 Zu mir fahren wir gar nicht erst, wahrscheinlich warten dort ein paar überlebende Mafiosi.

3 Nur, als ich unseren Kölner Korrespondenten anrufe und zwei falsche Pässe bestelle, will sie protestieren.

4 Und was, frage ich, wenn bei der Einreisekontrolle in Cinisi ein Beamter den Namen Hockenbrannt liest? Stell dir vor, der Beamte verdient ein Zubrot als Mafiaspitzel! Dann kommen wir nichtmal die paar Kilometer von Cinisi bis Palermo!

5 Sizilien ist inzwischen ein Hexenkessel, du glaubst doch nicht, die bitten mich noch einmal höflich, mitzuwirken bei der Suche nach ihrem Pergament!

6 Indes ging Monsignore Klangauers verblüffter Ausruf mir nicht aus dem Kopf. Da wir zwei Pässe brauchten, wusste er jetzt, dass ich in Begleitung einer jungen Frau reiste.

7 Lange würde er das nicht für sich behalten. Ich kenne ihn als spitzfindigen Kirchenrechtler und – obwohl rheinische Frohnatur – vehementen Verfechter der südamerikanischen Befreiungstheologie.

8 Darüber hinaus leistet er mir treue Dienste bei der Aufrechterhaltung des Kontaktes zu meiner Familie. Aber er brüstet sich auch gern mit den neusten Neuigkeiten.

9 Er würde unsere Pässe zum Flughafen bringen. Wir mussten die Fotos aber noch einkleben, mit Ösen verbördeln, die Ränder perforieren, dann mussten noch die Stempel drauf – Klangauer würde Werkzeug mitbringen.

10 Er würde Monica sehen! Und noch von Köln-Bonn aus den Behördensitz anrufen.

11 Fast leichtsinnig schnell steuert Monica den Jaguar.

12 Sie hat sich bei ihrem Verwaltungsrat abgemeldet, hat einen Börsenmakler unter seiner Privatnummer erreicht und größte Vorsicht bei italienischen Wertpapieren angeordnet, man könnte sagen, sie hat ihr Haus bestellt.

13 Geht das mit den gefälschten Pässen nicht ein bisschen schnell, Cheri? Sie ringt um Worte, lacht verlegen. Ich meine, ich wüsste ja eventuell, wen ich fragen würde, wenn ich einen falschen Pass bräuchte. Aber ein paar Tage müsste ich schon drauf warten.

14 Und du, Meister Seriös? Rufst an, sagst: in zwei Stunden, hopp, hopp!

15 Und dann legst du auf, machst so ein verdammt selbstgefälliges Gesicht, lächelst so arrogant, hast auf den Lippen: Keine Sorge, Kleines, das regele ich schon.

16 Das hab ich nie gesagt, wehre ich mich. Sie übergeht mich motzend ...

17 Das regele ich schon! Paartausend Jahre Weltgeschichte? Kein Problem! Killerkommandos? Auch null Problem, man muss sie nur überleben!

18 Packen? Ach was, wir kaufen alles Nötige in Palermo!

19 Falsche Pässe? Kein Problem! Anruf genügt! Meister Seriös klärt das!

20 Meister Seriös ist der stellvertretende Boss der allmächtigen Allesklärer! Nee – ihr nennt euch ja Putzer!

21 Wütend prügelt sie das Lenkrad, als vor uns ein Lastwagen auf die Überholspur ausschert, steigt in die Bremsen, was auch dringend erforderlich ist.

22 Nichtmal, ob ich mitkommen will, hast du gefragt!

23 Das also ist des Pudels Kern!

24 Nichtmal gefragt!

25 Du bist unfair.

26 Kann sein. Aber du hättest mich wenigstens fragen können, warum ich mitkomme.

27 Na endlich! Der LKW, der einen lahmen VW-Bus überholt hat, lenkt auf die rechte Spur.

28 Warum also kommst du mit, frage ich ergeben.

29 Kuck nicht so leidend, schimpft sie. Weil ich dich drankriegen will. Weißt du nämlich, was ich gemacht habe, während du gütigerweise meine Reisetasche in den Kofferraum stelltest? Ins Lexikon hab ich geschaut. Und weißt du, was da steht?

30 Dass euer bekloppter erster Anjoukönig keinen männlichen Thronfolger hatte und deshalb umständlich mit den Polen einen Vertrag von Koszyce aushandeln musste, um die weibliche Thronfolge zu sichern. Woher kam dann bitteschön euer Ludwig Zwo? Hm?

31 Betrachte ihn als eine unserer Abweichungen.

32 Ha, weißt du, was ich glaube? Ich wartete ergeben.

33 Euch war Ludwigs Tochter, qua weiblich, schlichtweg nicht gut genug.


IX.

1 Sturmgepeitschtes Gestade. Vielleicht dreihundert Männer stemmen sich gegen den Wind und starren aufs Meer, wo ich nichts vor dem Horizont erkenne.

2 Sie jedoch warten so gespannt, dass manche weinen.

3 Sie tragen purpurne, goldbestickte Gewänder, die ihnen der Sturm landeinwärts an Brust und Beine presst und hinter den Rücken in wütigem Flattern bauscht.

4 Über dem Horizont, zunächst unscheinbar, steigen weiße Wölkchen auf. Rasch türmen sie sich hoch und nehmen schon wenige Minuten später ein Gutteil des Himmels ein.

5 Die Männer warten, keiner rührt sich, bis auf jenen, der das bizarre technische Gerät bedient, mit dem er offenbar kommuniziert.

6 Inmitten der Männer zwei schwangere Frauen in Purpur und Gold. Täusche ich mich, oder sind sie isoliert im Kreis der Genossen? Gibt es abfällige Blicke?

7 Später. So weit das Auge reicht weiße Nebelberge. Ein Raunen geht durch die Harrenden, als der Mann an der Maschine abgehackte Sätze ausstößt wie Schreie.

8 Jemand weist auf den dunkelblauen Streifen, der sich nun vor das Dampfgebirge schiebt. Doch der Streifen vor dem Horizont schwillt nicht einfach – nein, er nähert sich der Küste. Rasend schnell. Die Flutwelle, die sie erwartet haben!

9 Die Rotgoldenen rennen bergauf. Dort warten Flugmaschinen, sehr weit oben. Immer steiler geht der Weg.

10 Die beiden Schwangeren sind auf dem Geröll nicht schnell genug. Schon weit im Hintertreffen rufen sie in ihrer Not um Hilfe. Die Männer schenken ihnen nur kalte Blicke über die Schulter. Die Flugmaschinen heben ab.

11 Dieselben Frauen in einem primitiven Hüttenkreis, auf einem Höhenkamm. Dörfler glotzen, als sie wankend zwischen die Hütten treten. Erst Furcht, dann Neugier.

12 Sie sammeln sich um die erschöpften Frauen, und endlich wagt ein Greis mit Raubtierzähnen um den Hals, die goldbestickte Robe schüchtern zu berühren.

13 Die Primitiven haben so etwas noch nie gesehen.

14 Mehr Dörfler greifen an die Roben, befingern Stoff, kratzen mit blödem Ausdruck an der Stickerei. Schon flackert Gier in manchem Augenpaar.

15 Doch die Frauen haben mittlerweile Atem geschöpft und nehmen wahr, dass die Stimmung der Dörfler kippt.

16 Sie sind weise Frauen, befehlsgewohnt, haben gelernt, zu herrschen.

17 Eine erhebt sich mühsam und stützt ihre Gefährtin, die kurz vor der Entbindung steht. Majestätisch stehen sie da, bohren ihre Blicke in die Augen der Dorfbewohner. Schweigend.

18 Einen Blick nach dem anderen fangen sie, halten ihn fest, zwingen ihn nieder.

19 Es fällt kein Wort. Der Greis mit der Raubtierzahnkette am Hals sinkt als Erster auf die Knie und gräbt seine Stirn in die weiche Erde.

20 Andere folgen dem Beispiel.

21 Die Letzten gehorchen einem barschen Wink des Alten.

22 Segnend heben die Frauen ihre Hände über die knienden Dörflern. An diesem Höhenzug bricht die Flutwelle.

23 Jahre später. Inmitten der Dorfkinder spielen ein Junge und ein Mädchen, die anders sind. Obwohl kleiner von Gestalt, führen sie die Spiele an.

24 So unumschränkt befehlen sie, wie ihre Mütter den Erwachsenen gebieten.

25 Großer Verehrung erfreuen sich die Frauen im Dorf und weithin in den Siedlungen der Landschaft.

26 Überall findet man Spuren ihrer Wirkens: einfache technische Gerätschaften aus Holz. Kundigen Umgang mit Früchten und Kräutern.

27 Bescheidene Versuche der Metallbearbeitung.

28 Klug und geduldig sind die Frauen, überfordern ihre simplen Schützlinge nie mit Errungenschaften der versunkenen Hochkultur.

29 Viele weitere Jahre später. In mondheller Nacht machen sich die Frauen, sie sind nun sehr alt, auf den Weg zum Meer.

30 Seit ihrer Ankunft haben sie es nicht wieder gesehen. Sie gehen ins Meer, kehren nicht um.

31 Der Junge und das Mädchen werden ein Paar und bauen ein festes Haus aus behauenem Stein. Das Erste weit im Umkreis.

32 Auch sie gehen ans Meer. Jedoch kehren sie um und sterben, hoch geehrt, an Land.

33 Ihre Kinder mischen sich mit der Dorfbevölkerung. Keines von ihnen besucht vor seinem Tod das Meer.

X.


1 Nur die Häuptlinge kennen den Weg zum Handelsplatz am großen Fluss im Norden. Morgen brechen sie wieder auf. Erstmals seit zwei Kreisläufen der Sonne. Der letzte Bernsteinvorrat war zu klein.

2 Länger als sechs Monde wird der Ritt dauern. Dreimal zehn kommen mit, die Hälfte der Waffenfähigen.

3 Einige werden ihr Leben lassen auf dem Zug. Für sie wird heute Nacht das große Fest gefeiert, für sie und zu Ehren der Götter, des großen Vaters und der großen Mutter, deren geschnitzte Holzidole hinter den Sitzen der Häuptlingspaare in der Halle stehen.

4 Beim ersten Sonnenlicht reitet der Zug.

5 Dreißig Wochen später. Der Handelszug kehrt heim. Magere Männer auf dürren Pferden. Nur zwanzig Pferde und zehn Mann. Darunter beide Häuptlinge. Und der allermeiste Bernstein, den sie für Gold getauscht haben.

6 Der Zug stand nicht unter dem Schutz der Götter. Eben davor hatten die Häuptlingsfrauen gewarnt.

7 Bald nach dem Aufbruch schon das Unglück bei einem reißenden Gebirgsbach. Dann der Kampf mit den Blondbärten am großen Fluss, Tage nachdem man längst handelseins war, nur noch der Rast halber beisammen.

8 Am wärmenden Feuer, des Abends, als einer Geschichten erzählte, war Streit ausgebrochen. Aus dem Nichts, voreiliger, missverstandener Worte wegen. So unnütz!

9 Auf dem Rückweg ein Bär, der es auf die angepflockten Pferde abgesehen hatte. Sieben Mann fielen, fünf sogleich, die letzten beiden erlagen, als das Schlafkraut ausging, schreiend den Wunden.

10 Und schließlich in den Wäldern nördlich der Berge, der Überfall eines wilden Stammes aus dem Hinterhalt. Nur ihre Pferde retteten die Zehn vor Speeren und Pfeilen, die aus den Baumkronen schwirrten.

11 Die Dämmerung bricht an. Die Männer treiben ihre Pferde, sie  wollen vor der Dunkelheit in ihren Häusern sein, schauen, ob Frau, ob Vater und Mutter noch leben, ob die Kinder gewachsen sind.

12 Sie wollen vom schweren dunklen Wein trinken, den die fremden Händler bringen und von dem ein jeder seinen Vorrat hält in schlankem Tongefäß mit schön geschwungenen Henkeln.

13 Sie wollen wieder Brot beißen nach dem halb rohen Fleisch des Zuges, das, kaum erjagt, verschlungen wurde. Wollen in die Arme genommen werden und dann schlafen, sicher, zum ersten Mal seit zweihundert Nächten.

14 Endlich die schwarze Silhouette des Walles, als sie den letzten Höhenzug vor dem Fluss überqueren. Bald schon werden Witwen und Waisen nun klagen.

15 Nun, da das Dorf zum Greifen nahe liegt, zügeln sie die Pferde, wollen Aufschub, wollen nicht Rede und Antwort stehen müssen über Bär, reißendes Wasser, sinnlose Rauferei und Pfeile aus dem Hinterhalt.

16 Wollen noch kein Schluchzen hören, keinen Vorwurf in den Augen lesen. Hättet ihr ihn nicht doch? War er wirklich schon tot, als Ihr geflohen seid? Und du, gerade du, der stets Rücken an Rücken mit ihm focht, du lebst?

17 Verflucht sei der Bernstein!

18 Aber was helfen Klagen und Zaudern? Die wenigen Steinwürfe Entfernung schwinden. Unruhige Blicke: Warum steht kein Rauch über dem Wall? So düster ist der Himmel doch gar nicht, dass man vor seinem Hintergrund den Rauch nicht sähe!

19 Der Rauch der Herdstellen, wo steigt er denn und kräuselt sich im Abendwind? Zungenschnalzen. Fersen in Pferdeflanken. Trab. Müder Galopp. Schließlich Panik auf dem letzten Stück Wegs zum aufgebrochenen Tor.

20 Nur Trümmer. Kein Haus, nicht Mensch noch Vieh mehr. Nur verkohlte Holzhaufen auf den Fundamenten, längst ausgebrannt. Schlammige Wege. Seit der Verwüstung muss es oft geregnet haben.

21 Im Licht des nächsten Tages zählen die Männer Schädel. Wer fehlt? Die Jünglinge oben im Berg bei der Goldwäsche? Frauen, als Sklavinnen verschleppt? Tagelang suchen sie überall, wo Gold gewaschen wurde, je einen Tagesritt in jede Richtung und an beiden Flussufern. Sie finden nichts.

22 Wiederum Wochen später. Die Knochen haben sie bestattet in kreisrunder Grube. Darüber in zermürbender Arbeit Felsbrocken aufgetürmt.

23 Mit ins Grab kamen die Götteridole, die brutal von Äxten der Feinde zerhackt und  verstümmelt im Schlamm gesteckt hatten, kopfunter ins matschige Erdreich gerammt. So schlammig. So viel Regen in diesem Jahr!

24 Auch ohne die verästelten Bewässerungsgräben wäre die Ernte reich gewesen. Nun ist die Frucht am Halm verfault. Keine Schnitter.

25 Womöglich erfüllen die Götter jetzt ihre Pflicht und schützen wenigstens die Totenruhe!

26 Als keine Hoffnung mehr ist, teilen die Männer. Jeder erhält zwei Pferde, bis auf die Häuptlinge – die bleiben zusammen und nehmen gemeinsam nur drei Tiere an.

27 Ein Gaul ist beim Steineschleppen für das Grab krepiert, nun muss jemand den Schaden tragen. Sie teilen und nehmen wortkarg Abschied.

28 Sie reiten in verschiedene Richtungen davon, sternförmig, einzeln oder zu zweit.

29 Sie brauchen nicht mehr Gold zu schürfen. Der Bernstein macht sie reich. Für hundert Familien wurde er geholt, nicht für zehn einsame Männer.

30 Die Häuptlinge haben jede Bitte abgewiesen, unter ihrer Führung das Dorf wieder aufzubauen. Sie sind zu wenige, nicht einmal stark genug, Rache zu üben, wüssten auch gar nicht, an wem. Und dann fehlen die Frauen.

31 Einen weiteren Beweggrund begraben die Häuptlinge in ihrem Herzen. Sie wollen nicht mehr herrschen! Keine Verantwortung mehr. Sie suchen fremden Frieden.

32 Nach Gadira wollen sie, tief in den Süden und dann weiter übers Meer nach Osten, wo mächtige Könige in Marmorpalästen Frieden erzwingen. So heißt es.

33 Die Häuptlinge reiten zügig, um vor Wintereinbruch in dem phönizischen Stützpunkt zu sein. Und in Gadira sehen sie, Urenkel der Frauen, die übers Meer kamen, erstmals im Leben Schiffe.