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Plumbum Agrippae ... archiviert, wie seit Oktober 2008, was Adam Bonaventura Czartoryski uns hinterließ. Er deponierte es auf seinen Schreibtisch, bevor er sich für unser Bündnis mit dem Orakelrat opferte. Entnehmen Sie die näheren Umstände dem widerwort vom 18.08.2008.

Wir veröffentlichen hier sein Vermächtnis Folge für Folge als plumbum agrippae 3.0.

Gegeben zu Venedig im Großen Archiv, Mai 2019

Antje Peeters, successor principis

I.

1 Begreife doch! Links Laub-, rechts Nadelholz. An jedem Ufer drei Baumsorten für die drei Striche der Urzeichen des I Ching. Zusammen sechs, entsprechend den sechs Strichen eines fertigen Orakelzeichens. Vereint im selben System, dem Garten – und zugleich durch den Bach getrennt. Denk an die durchgängigen Yang- und die geteilten Yinstriche!

2 Bedenke, wie sie als Ergebnisse des Schafgarbenzählens stark oder schwach, veränderlich oder stabil vorkommen.

3 Wie du siehst, stehen in allen acht Uferabschnitten, die von den Steinen begrenzt werden,  jeweils acht Bäume.

4 Wir rechnen für jedes Ufer acht mal acht, gleich vierundsechzig Bäume: einen für jedes Orakelzeichen. Wo wir gerade stehen, wachsen eine Ulme, drei Ahorne und vier Buchen.

5 Im nächsten Abschnitt erkennst du drei Ulmen, vier Ahorne und eine Buche, und sobald wir das Zeichen des Erregenden im Bach passieren, beträgt das Verhältnis vier zu eins zu drei.

6 So überwiegt stets ein Gehölz, während das Zweite stark, das letzte nur mit einem Exemplar vertreten ist.

7 Im folgenden Abschnitt wächst das Starke zur Übermacht heran, die fast verschwundene Baumsorte wird stark und die einst Übermächtige verschwindet bis auf das Restexemplar. Immerwährendes Wachstum und Schrumpfen nach ewig gleichem Gesetz – den Gezeiten der Kausalität.

8 Er rieb sich die Hände, was deren faltige Haut sekundenweise straffte und die leberfleckigen Handrücken um zwanzig Jahre verjüngte. Ich habe Hesse widerlegt, trompetete er stolz.

9 Hermann Hesse, bekräftigte er. Das Glasperlenspiel. Erinnere dich, wie Josef Knecht, der nachmalige Glasperlenspielmeister den alten Orakelsteller um Rat bittet! Knecht will die Zeichenwelt des I Ching in die Spielsprache einbauen, und der Orakelsteller sagt ihm, ich zitiere sehr frei:

10 Es mag ja ganz schön sein, einen kleinen Garten wie das Glasperlenspiel, in die Welt zu setzen, aber, Freundchen, die Welt, das I Ching, in sein Gärtlein zu pflanzen – das ist vermessen.

11 Ich aber habe die Welt des I Ching in mein Gärtlein gepflanzt. Wenn du Lust hast, such weitere Parallelen ...! Nach ein paar Sekunden sprachlosen Staunens fiel mir Josef Knechts Rücktritt vom Amt des Magister Ludi ein.

12 Hundert Meter weiter stand Chous Haus, wo außer ihm nur seine beiden Lieblingsschüler und Gehilfen wohnten, die auch für des Meisters leibliches Wohl sorgten, ein Wohlergehen, um das es bescheiden genug bestellt war.

13 Entweder hat das Leben den alten Gourmet und Gourmand zum Asketen geläutert oder sein Körper ist mittlerweile so alt, dass er ihn für jeden Genuss straft.

14 Ich fand die Behausung schmucklos und mit karger Küche.

15 Selbstverständlich wies das Gebäude achteckigen Grundriss auf, und acht Stufen führten zum Eingang.

16 Nur eins noch sei erwähnt, bevor ich auf unsere Beratungen zu sprechen komme: Im Empfangszimmer sah ich die Kopie eines Bildes, das ich aus dem Stockholmer Ostasienmuseum kenne.

17 Ich besuche dieses Bild, wann immer ich den Behördensitz verlasse, um via Stockholm zu fliegen.

18 Siau Chou hatte es eigenhändig kopiert, mit feinem Gespür für die nuancenreiche Wirkung von Papier und Tusche.

19 Es war: Bananenbaum, Pflaumenbaum und Felsen des armen Säufers und Mörders – des genialen Malers Hsü Wei. In dessen ekstatischer Kalligrafie, die ich mir einmal übersetzen ließ, heißt es:

20 Obwohl der Winter noch dauert, sendet die üppige Banane ihre Frühlingstriebe aus und über die trennende Mauer lächelt der alte Pflaumenbaum mit jungen Blüten.

21 Wie können wir dies Wunder verstehen, wie es begreifen? Hast du genug Fisch, rufst du nicht nach Garnelen.

22 Neben dieser Kopie hing eine selbständige Arbeit Siau Chous, ein aufgespanntes Rollbild. Zwischen Harmonie und Wildheit zerrissen, zeigte es den Bachlauf und Motive aus seinem Garten.

23 Die Schrift des Gedichtes, das Chou dreispaltig neben den schlanken Stamm eines Fächerahorns gesetzt hatte, stellte für mein Laienauge ein Meisterwerk dar.

24 Kurz vor dem Lebensende noch pflanzen wir Bäume, hoffen auf sanften Schatten für alte Tage.

25 Und nachts sehnen wir durch das Blätterdach hoch zu den blinkenden Sternen, den Schuppen des himmlischen Drachen.

26 Wohl weiß ich, mein Trachten nach Harmonie ist vergeblich, doch kann ich nicht davon lassen.

27 Erdnussbauernsohn. Teilnehmer am Langen Marsch. Einer der wichtigsten Interviewpartner, die Edgar Snow damals fand für Red Star over China. Rotarmist, Kommunist und zugleich chinesischer Nationalist. Goldbarrendieb und Millionär. Gelehrter Schreiber, hundert Jahre zuvor hätte er als Mandarin steile Karriere gemacht. Orakelsteller. Beamter der Hohen Behörde.

28 Schließlich der Sternenputzer bis zum skandalösen Rücktritt. Gärtner. Lehrer. Weiser. Verräter. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte. So vieler Wandlungen fähig.

29 Eine schräge Type?

30 Siau Chou war kein bisschen beleidigt, als ich ihn so nannte, ließ sich vielmehr zu einem Akt der Unbescheidenheit hinreißen und proklamierte, die Welt brauche viel mehr solch schräger Typen.

31 Nur Sucher auf Irrwegen fänden irgendetwas von Belang, manchmal, an selten günstigen Knotenpunkten des kausalen Geflechtes, haarscharf am Scheitern vorbei.

32 Dem Rest der Menschheit gebühre das selbstgerechte Urteil: auf Staatsbanketten und am Stammtisch.

33 Solche Leute vertrauten ihrer Rentenversicherung