index     vollmacht     impressum     disclaimer     CCAA     Archiv der Gründer - Der Roman     Akte Hunnenschlacht     Akte Hunnenschlacht 2

Dossier Kaiser Otto III.     Dossier Störtebeker     Dossier Jan van Werth     Akte Petersburg     Dossier Casanova 2    
Akte 9/11     Nota Agrippae

Columnae     collection widerwort     Akte Orgacons     Akte Datacons    
LC-reviewed     
Aurum Agrippae     Zett ...?     Plumbum Agrippae

illigdebatte

alte editorials:

Köln, im Juni 2012

Zurück! Immer noch da!

Als Ai Wei-Wei zur documenta 2007 die SkulpturTemplate aus Fenstern und Türen Pekinger Abrisshäuser errichtete, begannen für mich wie auch für meine Auftraggeber fünf schwierige Jahre. Kurz nach Eröffnung der Ausstellung faltete ein Gewittersturm die mehr als zehn Meter hohe Skulptur in sich zusammen. Chaos vollendete das Werk des Künstlers.

Man soll das Chaos nicht verachten. Oft ist es produktiver als die raffiniertesten ästhetischen oder politischen Kalküle.

Man soll das Schweigen nicht verachten. Im Schweigen reifen Pläne, die durch das Plappern abgewürgt würden.

Man soll die Untätigkeit nicht verachten. Oft rollt auf diesem Karren die Welt.

Man soll die Griechen, die spanischen Banken, die missglückten französischen Wahlen nicht gering schätzen. All dieses Faktische mag noch im besten Sinne normativ werden.

Wenn man bedenkt, dass Frau Merkel einfach nur das griechische Referendum hätte zulassen müssen! Die damalige Regierung in Athen hätte sich so beim Volk direkt die Legitimation geholt, um alle Klientelstrukturen der großen Parteien aufzubrechen.

Es ist ja keine Schande, nicht zu wissen, was man tun soll. Aber dann tut man auch gefälligst nichts!

Aufmerksamkeit ist angebracht. Furcht kontraproduktiv.

Ruhe bleibt erste Europäerpflicht.

Köln, im Juli 2012

Friedhof der Diplomaten. So heißt das Land, das ausgerechnet jetzt die EU-Präsidentschaft innehat. So nennt der UNO-Slang Südzypern, seit die Wiedervereinigung der Insel am chauvinistischen Starrsinn der Inselgriechen gescheitert ist. Wobei die Inselgriechen sich auf das Festland unbedingt verlassen konnten. Damals drohte Athen, gleich die komplette EU-Osterweiterung per Veto zu stoppen, sollte die Südhälfte Zyperns nicht ohne Zugeständnis in die Union aufgenommen werden. Pure Erpressung durch eben die korrupte Politikerbande, die sich knapp auf spitz in den Euro reingeschwindelt hatte. Weshalb heutzutage Festlandsgriechen mit griechischen Zyprioten in trauter Eintracht unterm Rettungsschirm hocken, während zugleich dieses Zypern die Rettung von EU und Euro moderieren soll. Da muss sich Aphrodites Kinderstube ordentlich ins Zeug legen, nachdem die russischen Kredite ausgelaufen sind, so wie die Frachtschiffe aus Limassol mit Munition für Syriens Assad. Der zyprische Regierungschef, studiert hat er an der KPdSU-Parteihochschule Moskau, übt schon mal und blafft deutsche Journalisten an, die lediglich nachfragen, wie viele Milliarden die Solidarität mit Zypern denn wohl kostet. Friedhof der Diplomaten.

Mit einiger Beklemmung erinnert man, wie Bucholtz vor über zwanzig Jahren als junger legat gar nicht begeistert war von Deutschlands Wiedervereinigung. Seine These: Das vereinigte Land sei zu groß für Europa. Zu gewichtig. Zu belastet durch Geschichte. Nun verlangt man von Deutschland eine Führung, die auf nahezu selbstmörderisches Opfer vitaler Interessen hinausläuft. Welche Optionen gibt es eigentlich für das Land?
Bankrott und politisch isoliert. Oder bankrott im Kreise schadenfroher, ebenso bankrotter Freunde. Wahrscheinlich hat Bucholtz dieses Dilemma am Horizont heraufdämmern sehen.
Oder doch die andere Version? Reich und politisch isoliert. Oder reich im Kreis geretteter Freunde.
Reich und politisch isoliert - das klappt wohl nicht. Deutschland kann seinen exportabhängigen Wohlstand nicht bewahren in einem Umfeld von Ressentiments, ja Rachegelüsten der engsten Nachbarn.
Reich im Kreis geretteter Freunde - das wäre der Traum. Doch vor den Gewinn haben die Götter das Risiko gesetzt. Und so wird Deutschland wohl zuerst riskieren müssen, bankrott zu gehen im Kreise schadenfroher, ebenso bankrotter Freunde.

Oder pokern die Freunde nur. Haben selbst nicht gut gewirtschaftet. Haben nicht viel auf der Hand. Und bluffen jetzt, in der Hoffnung, dass Deutschlands Politik die Nerven verliert? Möglich wär’s. Aber wie gesagt: Hinter das Risiko haben die Götter oft auch den Totalverlust gesetzt.

Was wäre der Totalverlust, die größte vorstellbare Pleite?

Wenigstens sind wir noch Papst. Jedenfalls so lange, wie die Vatikanbank nicht endgültig, siehe agrippas mund, den Lehman macht.

Warum nicht einmal ein paar Banken hopps gehen lassen?
Staatsbankrotte sind, zugegebenermaßen heikel. Aber Banken? Ich zitiere Andrew Bosomworth, den Deutschlandchef von Pimco aus seinem Interview in
DIE ZEIT, 27/2012:

"Ja, eine Bankenpleite wird Folgen haben, aber sie werden weniger dramatisch sein, als wenn wir so weitermachen wie bisher und alle Banken retten. Deshalb sage ich: Es ist höchste Zeit, diese Verluste nicht mehr zu sozialisieren, sondern auch an die Kreditgeber und Aktionäre weiterzugeben. Lasst insolvente Banken pleitegehen!"

Totalverlust, die größte vorstellbare Pleite überhaupt wäre die Pleite der politischen Systeme, der Rückfall Europas in Chauvinismus und Nationalismus. Krieg würde wieder führbar. Das muss vermieden werden, koste es, was es wolle.

Ich denke, eine neue Zeit beginnt. Deshalb wird - mit diesem Update - bei den alten editorials ein bisschen ausgemistet. Das, immerhin, entscheide ich noch selbst.

Die Anweisung der Peeters, succ. princ., das komplette bisherige plumbum agrippae von der Website zu nehmen, befolge ich nur zähneknirschend. Das Textkonvolut soll überarbeitet werden.

Wie bitte? Überarbeitet?

In der Tat. Es sollen die archivierten und codierten legaten-Orders, in der VERGANGENHEIT vor 2008 entworfen für eine damals noch unabsehbare Zukunft, überarbeitet werden. In und für eine(r) ZUKUNFT der ZUKUNFT.

Köln, im August und September 2012

Ein paar Stunden bis zur Olympiaeröffnung. Nach dem Telefonat mit Hollande gibt Merkel bekannt, sie toleriere nun die Pläne Herrn Draghis von der EZB. Deutschland erschrickt kurz und vergisst sofort. Für so was sind sie gut, die Arenen der Welt.
Rom cancelt die Olympiabewerbung, das Kolosseum dient einem spendierfreudigen Konzern als Plakatwand, aber die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London zeigt der Welt noch mal, was eine Arena des freien Westens leistet.

Synchron trägt man zu den politischen Sommerspielen 2012 die härtesten Bandagen.

Deutsche, finnische, österreichische, holländische Sparer bangen um ihre Lebensleistung. Spanische Hochschulabsolventen kriechen bei den Eltern unter. Griechische Reeder, immer noch effektiv steuerbefreit, schaufeln Milliarden aus ihrem Heimatland in den DAX.
Ein Jahrzehnt lang hat der Süden geglaubt, zwei plus zwei wäre irgendwie acht - und wenn nicht, werde Deutschland die Differenz schon begleichen. Falls aber Deutschland sich weigere, werde man es zum dritten Mal als Europas Zerstörer ächten. Deshalb könne sich Deutschland gar nicht weigern.

Kann Deutschland doch. Sollte es aber tunlichst vermeiden, so frustrierend auch Solidarität mit den Unsolidarischen ist. Es macht wütend, wenn man gespart hat, blöd genug war, Steuern zu bezahlen und jetzt Opfer bringen soll, um Schuldenmacher und Steuertrickser zu retten. Trotzdem müssen wir solidarisch bleiben. Wobei es, genau besehen, weniger darum geht, was unserem Export blüht, wenn die Euro-Aussteiger ihre neuen Währungen abwerten. Der Exportwirtschaft ist es egal, ob der Süden nicht kauft, weil er mit schwacher Währung nicht kaufen kann - oder weil er sich mit starker Währung langsam totspart.
Nein, letztlich geht es hier um projezierte Schuld. Machen wir uns nichts vor: Die Trickser werden in ihrer akuten Not nicht vor der eigenen Haustür kehren. Auch nicht den Finnen, Österreichern oder Holländern, die in der Eurofrage an der Seite Deutschlands stehen, würde die Schuld gegeben. Noch weniger den anonymen, schwer fassbaren Märkten.
Deutschland allein wäre schuld, würde zum Sündenbock, wäre verhasst. Und Deutschland könnte zwar Spaniens Hass aushalten, ganz locker den Hass Griechenlands und des so tapferen Portugal, in allergrößter Not sogar den Hass Italiens. Nie und nimmer jedoch den Hass der Franzosen, die als nächste von den Märkten zerlegt würden. Das sprengt nicht nur den Euro, es wäre das Ende Europas.
 
José Maria Ridao schreibt in LI 97 “ ... die Absurdität, mit der die Union bis zu den französischen Präsidentschaftswahlen gelebt hat, besteht darin, dass die wenigen Instrumente, über die sie verfügte, bewußt auf ein einziges beschränkt wurden: auf die äußerst rigorose Sparpolitik. Die Ergebnisse sind offensichtlich: Rezession, Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung sowie eine für mehrere Jahre und, wer weiß, für mehrere Jahrzehnte gefährdete Zukunft. Und all das, ohne die Eurokrise zu lösen. ‘Merkozy‘ muss nicht durch ‘Merkollande‘, sondern durch ein Europa ohne Schachtelwörter und ohne Direktorien ersetzt werden.”

Wohl wahr. Es ist das Versagen der Gründer, dass wir diesen Zustand nicht längst erreicht haben. Dass gemeinsame Währungspolitik nicht funktioniert ohne gemeinsame Finanzpolitik ist inzwischen eine Binsenweisheit. Dass der Euro mit diesem Fehler geboren wurde, war die Schuld Mitterands, der das wiedervereinigte Deutschland währungspolitisch einbinden wollte, ohne Frankreichs Souveränität in Finanzfragen zu opfern. Kohl war - für Deutschland - zu selbigem Opfer bereit.
Die Gründer haben diesen Geburtsfehler des Euro toleriert, weil sie davon überzeugt waren, Einsicht in die blanke Notwendigkeit würde das Wünschenswerte früher oder später herbeiführen. Hierin haben sie geirrt. Entweder haben sie die Einsicht der europäischen Politik überschätzt oder ihren eigenen Einfluss.
Adam Bonaventura Czartoryski, der verstorbene princeps, aus dessen Nachlass immer noch agrippas mund bestritten wird, hätte den Fehler vermeiden müssen.
Karl Bucholtz, regierender princeps, einst voller Sorge, das wiedervereinigte Deutschland könnte zu groß werden, um noch europäisch integrierbar zu sein, muss den Fehler jetzt beheben und eine effiziente Rekonstruktion für Euroland und die EU herbeiführen.

Sonst wird in der Arena bald auf Leben und Tod gekämpft.

Köln, im Oktober 2012

Vorab: Herbert Rosendorfer ist tot. Möge ihm die Erde leicht sein. Es lebe Der Ruinenbaumeister !

Alsdann: Für welche Art von Partnerschaft hat ABC sich eigentlich geopfert 2008 am Sitz des COR? Man hört doch seitdem kaum Ersprießliches. Da werden Ehefrauen von Prinzlingen der KPCh wegen Mordes verurteilt. Die befreundete Generalität schmollt deshalb mit dem Politbüro. Wochenlang verschwinden designierte Funktionäre innerster Zirkel aus den Medien. Wachstumsverlierer aus der chinesischen Industriearbeiterschaft liefern sich Massenschlägereien, zweitausend Mann hoch. Und in Brüssel werden nach Pekings Belieben die Mikrofone ein- und abgeschaltet.

Zu allem Überdruss die Inselfrage, offenbar das Ventil, da im Kessel nun mal zu viel Druck herrscht:
„Die maritimen Grenzkonflikte bezüglich der Kurilen, im Takeshima-Gebiet und im Senkaku-Archipel werden, wenn unsere Informationen stimmen, nie zur militärischen Virulenz reifen.“ So schrieb Benjamin Manners in Nota Agrippae, als er noch praefectus extra war, vor seiner Berufung zum magister imperii des Orakelrats. War wohl nicht so weit her mit der Information!

Nicht, dass es in Europas schwerster Krise seit dem zweiten Weltkrieg um die Beziehung zu den anderen Bruderräten besser bestellt wäre! Die Amerikaner orientieren sich zum Pazifik. Die Japaner spielen mit sich selbst und bei Senkaku den dicken Fisch. Und das Verhältnis zu CLU hat unlängst einen neuen Tiefpunkt erreicht. Wobei - heute kein Wort über islamistisch dahergeifernden Mörderpöbel, so wenig wie über Nazibengels, die das alberne Schmähfilmchen um den Propheten Mohammed öffentlich aufführen wollen, ausgerechnet unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit, ausgerechnet dieses Gesocks! Auch kein Wort über Politiker, die sich von supersensiblen Gläubigen, die gern hart austeilen, ohne je mit Anstand einzustecken, das Gewaltmonopol aus der Hand nehmen lassen.
Nein, heute schauen wir mal den großen Jungs beim Spielen zu. Und da ist leider festzustellen, dass COT seinen Sitz in Timbuktu aufgeben musste, wobei es sich nicht um eine geordnete Schließung handelte, vielmehr um turbulente Flucht. Die Schwarzen Hände mussten den Weg regelrecht freischießen, um das Leben von legatus extra Oskar Nagy zu retten.
Schon seit Anfang April 2012 war die Lage prekär, seit die Tuareg-Miliz MNLA zusammen mit der Islamistenbande Ansar Dine alle Regierungstruppen der Republik Mali aus Timbuktu vertrieben und den unabhängigen Gottesstaat Azawad proklamiert hatte. Das Weltkulturerbe der Stadt war gefährdet. Moscheen wurden attackiert. Die Mausoleen ruhmreicher islamischer Gelehrter wurden mit Schaufel und Spitzhacke in Schutt gelegt. Timbuktus Christen flohen. Timbuktus einzigartiger Schatz, die siebenhunderttausend Manuskripte seiner legendären Medressen, schweben seitdem in höchster Gefahr. Kein Wunder, dass den neuen Herren auch der Sitz des legaten der Gründer bald ein Dorn im Auge war. Al-Fasi, den der Westen Leo Africanus nennt, hatte die Residenz mit Wissen und Billigung Papst Leo X. gegründet, als gemeinsames Forschungszentrum der Gründer und des Halbmondrats, noch zu Zeiten des großen christlich-muslimischen Weltkriegs. Diese Tradition war längst bedeutungslos, als im August bewaffnete Islamisten Oskar Nagys Haus umstellten und begannen, ihm und seinen drei Mitarbeitern das Leben schwer zu machen. Bald drangen sie auch ins Innere des Hauses und schikanierten seine Bewohner. Der Halbmondrat, von Venedig um Hilfe gebeten, erklärte sich für nicht zuständig. Scheinheilige Lügner, stellten sie doch zugleich Forderungen, bei deren Bewilligung Nagy möglicherweise hätte freigelassen werden können!
Ein Kommando der Schwarzen Hände unter Führung von Zett infiltrierte die Stadt. Am vierzehnten September, einem Freitag, gab praefect Ghika den Einsatzbefehl. Das Haus nahe dem alten Touristenhotel Bouctou wurde gestürmt, wobei alle illegalen Eindringlinge zu Tode kamen. Tribun Zett brachte den legaten und seine Mitarbeiter in Sicherheit. Die Flucht gelang, weil die Islamisten zwar das Flugfeld und den von Libyen gesponserten Kanal bewachten, der Timbuktus traditionellen Hafen Kabara mit dem Niger verbindet. Zett jedoch rettete seine Schützlinge zum weiter entfernten Flusshafen Korioume und von dort mit einer Pinasse nigerabwärts, wo erst nach zwanzig Kilometern der Helikopter wartete.
Womöglich war dies der letzte Feldeinsatz des nicht mehr ganz taufrischen Haudegen, dem eigentlich längst die Position eines magisters unter praefect Ghika zustünde - wären nicht beide Planstellen hervorragend besetzt, mit Albert Delombre und Sabine Dusch.
(Völlig überflüssig zu erwähnen, dass das Publikationsverbot für mein Buch Zett immer noch gilt, während pakistanische Minister inzwischen Kopfgelder auf amerikanische Möchtegernregisseure ausloben.)

Was Oskar Nagy betrifft, so habe ich ihn und seine Residenz noch nicht aus Akte Orgacons gestrichen, als Geste trotzigen Respekts. Zwar weiß ich nicht, was aus ihm wird, und ob der Rat noch eine andere Verwendung für ihn hat. Aber ich bin dem charmanten Ungarn einmal auf Madeira begegnet, im Urlaub. Sein köstlich akzentuiertes Deutsch mit den vielen ’ööööö’s vergisst man nicht so bald. Wer ihm zuhört, fühlt sich versetzt in einen deutschen Schnulzenfilm der fünfziger Jahre, als der Balaton noch nicht trocken gefallen war. Meine Reverenz, Oskar pannonicus! Deine Versetzung nach Budapest mit dem Auftrag, die dortigen Rechtspopulisten endlich in ihre Schranken zu weisen, scheint mir überfällig.

Derweil bleibt völlig schleierhaft, was praefectus strategus Jessen in Russland treibt. Unter Opferung der tapferen Ladies von Pussy Riot hat er es zwar geschafft, Moskaus Patriarchat und Putins Fratze bis zur Kenntlichkeit zu entstellen, doch warum es erst so weit kommen musste, soll man mir bitteschön erklären. Man kannte Kyrill doch. Gab es denn wirklich keine Möglichkeit, ihn im eisigen russischen Winter ausrutschen zu lassen? Kyrill, mit bürgerlichem Namen Gundjajew, der seit 2009 als Patriarch der russischen Orthodoxie vorsitzt, arbeitet nun an der unheiligen Zweifaltigkeit von Präsidentensessel und Altar, wobei er dreist seine Beute aus den wilden Neunzigern einsetzt, als er mit Petroleum, Tabak und Meeresfrüchten ein Privatvermögen von schätzungsweise vier Milliarden Euro zusammenraffte. Am Handgelenk trägt der Mönch eine Uhr für dreißigtausend Euro. Seine Privatwohnung in Moskau hat anderthalb Millionen gekostet, die Autoflotte hört auf die Namen Cadillac, Mercedes und Toyota Land Cruiser. In der Schweiz hat Kyrill eine VilIa und in der Luft Privatflugzeuge. Das Ego solcher Leute ist definitiv zu klein, als dass sie Spott ertragen könnten. Da gibt es dann eher Knast für den holprigen Gesang von Pussy Riot.

Verglichen damit sind die vatikanischen Greise Waisenknaben, trotz der von Vatileaks erst oberflächlich angekratzten Skandale. Warum der Papst den getreulichen Reformator Tedeschi rausgeworfen hat, weiß ich nicht. Ich bin ja nun beileibe kein Freund des Opus Dei, aber wer gut genug ist für Banco Santander, wäre auch gut genug gewesen für das IOR.
Wenigstens findet man nirgendwo Uhren für dreißigtausend Euro an diesen Handgelenken. Nicht beim Leiter der Präfektur für die Ökonomischen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls, Kardinal Guiseppe Versaldi, nicht beim Chef der Güterverwaltung ASPA, Kardinal Domenico Cakagno, nicht beim Finanzaufseher Kardinal Attilio Nicota, und auch nicht bei Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der bekanntlich die Kardinalskommission für die Vatikanbank, das Istituto per le Opere di Religione anführt. Fraglich, wer aus dieser Rige zum Schluss als Nachfolger von Erzbischof Marcinkus entlarvt wird, dem früheren Organisator der Beziehungen zwischen MAFIA und Heiligem Stuhl. Fest steht jedoch, dass selbst so anrüchige Finanzinstitute wie JP Morgan jede Geschäftsverbindung zur Vatikanbank kappen.

Vielleicht liegt hier in diesem Dickicht das Kalkül Adam Bonaventura Czartoryskis, der Sinn des plumbum agrippae. Zwei Dinge weiß man über ABC, den princeps aus Polen. Er war mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. befreundet und zugleich gnadenloser Kritiker monotheistischer Verirrungen.

Köln, im November 2012

Vielleicht hat Sandy ihn gerettet, vielleicht nicht. Der Gouverneur von New Jersey (Republikaner), der in der heißen Wahlkampfphase Präsident Obama (Demokrat) als großartigen Krisenmanager pries - das hatte schon was.

Ansonsten war es gut zu wissen, dass Amerikas Militär nicht nur weniger Kriegsschiffe einsetzt, sondern auch weniger Pferde und Bajonette als im Ersten Weltkrieg, wie Obama seinem Herausforderer im dritten TV-Duell bestätigte. Zum Gesprächssieg führte die einsame Pointe nicht. Romneys schmieriges Grinsen, mit dem er sich durch die Debatte log, spiegelte sich auf Obamas Gesicht lange nur in fassungslosem Staunen. Da fehlte wieder der Biss, der alte Kampfgeist.
Zu Beginn von Obamas Präsidentschaft lästerte ich den Gott aller deutschen Amerikafreunde, Obama habe bislang nicht einmal eine Stadtverwaltung geführt. Er könne vielleicht gar nichts - außer charismatisch reden. Inzwischen kann er nicht mal das mehr mit der alten Zuverlässigkeit. Da half es dann auch nicht, tags darauf nachzutreten, die Behandlung von Anfällen akuter Romnitis sei durch Obama-Care gedeckt.
Dabei ist Obamas Leistungsbilanz gar nicht so übel für den Chef des müden Imperiums. Gut - die Wirtschaftspolitik seit 2008, Medizin gegen chronische Bushitis, wird früher oder später zur Neubewertung des Dollars führen, mit weltweiten Folgen, die heute niemand seriös prognostizieren kann. Sollte Amerika versuchen, diesen Prozess zu Lasten des Euro abzuwickeln, wofür manches spricht, dann muss Europa, müssen die Gründer sich energisch gegen ihren engsten Partner wehren. Aber so weit sind wir vorläufig noch nicht.
Pro Obama spricht, dass in den USA kein Kranker mehr sterben muss, weil die Solidargemeinschaft ihn unter dem Banner der Freiheit im Stich lässt. Es muss niemand mehr fürchten, dass im Gehirn Osama Bin Ladens neue Anschlagspläne reifen. Der irrwitzige Krieg im Irak geht zuende. Der sinnvolle Afghanistan-Einsatz, den Amerikas Öffentlichkeit nicht mehr trägt, wird zumindest halbwegs besonnen beendet.

Aber, so quengelt es aus Deutschland, das große Versprechen - Guantanamo abzuschaffen? Kann man Obama wirklich übel nehmen, dass die Auflösung dieser illegalen Gefangenenkolonie gescheitert ist? Das unlösbare Dilemma war doch vorher aufgestellt. Bush hätte sich frühzeitig entscheiden müssen. Entweder die Terroristen sind Kriegsgefangene mit international vereinbarten Rechten, wozu gehört, dass sie irgendwann wieder frei gelassen werden. Oder die Terroristen sind normale Verbrecher, die vor Gericht gestellt und abgeurteilt werden. Dann stünden ihnen alle Rechte eines Angeklagten zu, inklusive Unschuldsvermutung, freier Wahl des Anwalts, Verwandtenbesuchen et cetara. Dieser Zwitter, dass man einerseits ein bisschen foltern wollte, dann absurde Sicherheitsstandarts aufbaute, um zum Schluss dennoch die Farce eines rechtsstaatlichen Urteils aufzuführen, dieser Zwitter war von Anbeginn eine Totgeburt. Es gab nur einen Weg, dem auszuweichen, wenn nämlich ein Befehlshaber irgendwo in der Kette die Schuldigen auf der Flucht hätte erschießen lassen. Er hätte sich als Person besudelt. Nicht aber den Rechtsstaat. Wie die Dinge gelaufen sind, habe ich Verständnis für jedes County in den USA, das nicht unmittelbar nach Überstellung von Guantanamo-Häftlingen zum Hochsicherheitstrakt mutieren wollte. Und die Gefangenen auf europäische Länder zu verteilen, war nun wirklich eine der weniger originellen Ideen Obamas.

Seine wichtigste Leistung - ausgerechnet jene, die in Amerika am schwersten zu kommunizieren ist - bleibt der Wechsel der Tonlage. Dass sich Amerikas Präsident nicht mehr aufplustert, weil unter jedem Aktendeckel die Luft raus ist. Dass der mächtigste Mann der Welt als Mensch reif genug ist, um seinem Land, das nicht hören will, trotzdem das Ende der unipolaren Weltsekunde zu erklären. Amerika wird fortan seine Kräfte konzentrieren - im Pazifik. Das ist nicht das, was wir uns in Europa wünschen. Es ist das, womit wir uns abzufinden haben.

Trotzdem überwiegen die Gründe, in Europa auf Obamas Wiederwahl zu hoffen. Man stelle sich nur einmal vor, unser zur Säkularität strebender Kontinent stünde als Partner dem Mormonenbischof Romney gegenüber, den die evangelikalen Klerikalfaschisten aus der Tea Party immer noch nicht für religiös und rechts genug halten! Europas sozialstaatliche und säkulare Verfasstheit ist die Horrorvision dieser Rechtsaußen. Erst bekam Obama den sinnlosen Friedensnobelpreis, diesmal Europa - da wäre der Feind doch gleich sauber verortet.
Nur in zweierlei Hinsicht könnte Romney positiv überraschen. Einmal durch seine komplette Rückgratlosigkeit, die ihm ermöglicht, am Ende gegen die eigenen Wähler eine pragmatische Präsidentschaft abzuliefern. Dann jedoch, ganz konkret, durch den strategischen Neuansatz, weniger Konfrontation mit China durch mehr Kooperation mit Lateinamerika auszutarieren. Man muss gespannt sein, ob die Länder südlich Mexikos den Gringos mittlerweile verziehen haben. Vielleicht funktioniert das ja, weil der demografische Wandel der USA langsam eine Mehrheit von Bürgern mit lateinamerikanischen Wurzeln erzeugt.

Schräg gegenüber der Verbotenen Stadt, gut einen Kilometer vom Regierungsviertel Zhongnanhai entfernt, liegt auf der Insel im Nördlichen See versteckt die Pekinger Dependance des Orakelrats COR. Gern hätte ich mir von diesen Leuten die Gruppendynamik der abtretenden chinesischen Führung erklären lassen. Mich interessiert zum Beispiel, warum die klugen Äußerungen des Ministerpräsidenten Wen Jiabao, die auf Entflechtung von Partei und Wirtschaft hinausliefen, von den staatlich gelenkten Medien flächendeckend totgeschwiegen wurden. War das ein Akt vorauseilenden Gehorsams? Oder hatte der scheidende Staats- und KP-Chef Hu Jintao seine Hand im Spiel, vielleicht um Jiang Zemins Gefolgsleute nicht allzu sehr gegen den moderaten Wandel in Stellung zu bringen? Wenn das so wäre, wieso konnte sich Wen Jiabao trotzdem bis heute im Amt halten?
Aber keine Chance: Die Außenstelle in der Hauptstadt schweigt so kryptisch wie die Gelbe Pagode in Loyang.
Nur, wer in Peking dem neuen amerikanischen Präsidenten gegenüber sitzen wird, ist vergleichsweise klar. Xi Jinping als Generalsekretär und Staatspräsident, flankiert von Li Keqiang, dem designierten Ministerpräsidenten. Beide sind Kandidaten, die der scheidende Chef Hu Jintao gegen die Favoriten seines Vorgängers Jiang Zemin durchsetzen konnte, womöglich auf Messers Schneide, weil es ihm gelang, im Senkaku-Konflikt nicht vollends das Gesicht zu verlieren.

Genug der Faktenhuberei! Jetzt kommt die Zumutung des editorials. Ich soll hier nämlich mit einem I-Ching-Symbol schließen. Sofern ich Richard Lank korrekt interpretiere, benutzt der Orakelrat die vierundsechzig Zeichen des I-Ching nicht in irgendeiner magischen oder metaphysischen Geistesverirrung, sondern als Gerüst für strukturiertes Denken.
Wenn der Westen sich am Konferenztisch einer Frage widmet, dann spielen immer außerthematische Zufälle eine Rolle: Die Kaffeesahne hat einen Stich ins Saure. Der Tischnachbar hat nicht respektvoll genug zurückgegrüßt. Oder ein Schnupfen bahnt sich an. Solch zufälligen Nebenüberlegungen begleiten jede westliche Hauptüberlegung.
Das mag auch im Orakelrat so sein. Anfangs. Doch dann unterzieht er sich ganz bewusst einer Übung und konzentriert sich darauf, welcher von vierundsechzig Zufällen, die garantiert nichts mit dem Schulzeugnis der mittleren Tochter zu tun haben, zum Ausgangspunkt der Diskussion wird. Das mag durchaus den Blick klären.
Ein Selbstversuch schadet nicht. Es ist so lehrreich wie disziplinierend, die Schafgarbenstengel zu zählen, oder, wenn man es nicht ganz so aufwendig mag, drei Messing-Cashs zu werfen.

Ich persönlich habe für dieses Update nichts dergleichen getan, ich folge nur dem Auftrag, ein Zeichen zu zitieren, Man darf hier eine öffentliche Botschaft vermuten. Die Dreiunddreißig wenden sich an die Vierundsechzig in Loyang wie auch an CNM im sturmgepeitschten Boston der historischen Tea Party, wo sich heute ja nicht nur die Zentrale des Neuweltrats befindet, sondern auch der Sessel, auf dem Gouverneur Mitt Romney gesessen hat:

Ding / Der Tiegel. Oben Li, das Haftende, das Feuer. Unten Sun, das Sanfte, der Wind, das Holz.
Der Bronzetiegel, aus dem der Hausherr Speisen in die Schüsseln seiner Gäste schöpft - die Ernährung der “tüchtigen Männer”. Der Brunnen, aus dem das Wasser geschöpft wird - für das “gemeine Volk”.

Ein Lump, wer das für venezianischen Sarkasmus hält!

Köln, im Dezember 2012

Amerika und China gehen ihren gewohnten Gang. Der Euro geht heute den Bach runter, morgen dann wieder nicht. Arabiens Frühling geht vor die islamistischen Hunde. Israel keinen guten Weg. Die Gründer gehen in Klausur - eine wahnsinnig innovative Erfindung von Karl Bucholtz, derzufolge princeps, successor/in und praefecten zum Jahresende eine Woche unter sich bleiben. Weltweit gehen die Geschäfte ziemlich mau. Den Armen geht es immer dreckiger. Uns allen gehen Luft und Wasser aus. Beim Hawelka gingen die Buchteln früher schöner auf. Drum geh ich jetzt ein' Gansl-Suppen essen, danach Mastochsenbrust und vielleicht noch zwei Palatschinken, aber nur hauchdünn.
Bleibt nur zu hoffen, dass der Maya-Kalender mit seinem Weltuntergang uns nichts angeht, so dass es für die meisten weitergeht im nächsten Jahr und wieder ganz neu um die Wurst.

Köln, im Januar 2013

Zum Jahresauftakt allenthalben italienische Verhältnisse, im editorial wie in agrippas mund! Da gibt es einen fiktionalen, vielleicht sogar befehlshaberischen Text, der etwa zu der Zeit spielt, als Berlusconi mit Mafiageld seine Trabantenstadt Milano Due hochzogen haben soll. Wenn nun der Cavaliere, statt endlich im Knast einzufahren, im Februar noch einmal politisch wieder aufersteht, bleibt es dabei, dass Italiens Innenpolitik nach wie vor am besten von Coppolas Der Pate, Teil III analysiert wird. Italien würde das überleben. Deutschland auch. Die Europäische Union oder der Euro eher nicht.
Im Paten, Teil III, spricht die dem historischen Erzbischof Marcinkus nachempfundene Figur in höchster Verzweiflung den merkwürdigen Satz: "Es kommt vor, sagt man, dass sich sogar die Ewigkeit verlängern lässt." Hoffen wir, dass der Satz Quatsch ist, und dass der Cavaliere, zu unser aller Bestem, dort landet, wo er hingehört. Und dass meine überaus verehrten Auftraggeber, um ihres eigenen Ansehens willen, dazu beitragen! Irgendwann müssen sie schließlich ja auch mal liefern.

Köln, im Februar 2013

Da haben wir es wieder: "1950 wurde Dellarda unehrenhaft entlassen. Er hatte seine Stellung beim Art Collection Point missbraucht, um sich eine ansehnliche graphische Sammlung zuzulegen."
Die zitierte Passage aus dem Update agrippas mund, siehe unten, passt frappierend zum Titel des Spiegel 5/13. Solche vermeintlichen Koinzidenzen bei der Themensetzung, hier dem weiten Feld nazistischer Kunsträuberei, fallen mir in letzter Zeit gehäuft auf, wann immer ich Czartoryskis Text für die Website redigiere. Wobei ich gar nicht spekulieren will über mögliche Zusammenhänge oder gar Motive. Ich wüsste nur gern, wie viele solcher Fälle es tatsächlich gibt. Dazu müsste ich allerdings die gesamte europäische Qualitätspresse, im Grunde die Weltpresse, einem permanenten Monitoring unterziehen - wofür mir die Zeit fehlt. Tipps aufmerksamer Leser sind daher jederzeit willkommen. Vorab schon einmal vielen Dank!

Alsdann ein Hinweis aus Gründen der Continuity: Oskar Nagy ist zurück in Timbuktu. Wünschen wir ihm Glück, zehntausend Jahre, sowie die Weisheit, zu unterscheiden zwischen Erbarmen und Leichtsinn gegenüber den mörderischen Islamisten Sahelistans.

So, jetzt aber zum Hauptthema des editorials, nicht weil Tony (der Lächler) Blair im Spiegel 5/13 hierzu ein Interview gibt, sondern weil David Cameron es ruppig auf die europäische Agenda gesetzt hat:

Nicht nur Cameron's politisch unreifer Aktionismus - ganz England war, ist und bleibt speziell. Beginnen wir im hohen Mittelalter: England war schwer beleidigt, bar jeder sportlichen Fairness, sobald sich Frankreich selbst gehören wollte - wovon noch Shakespeares Königsdramen zeugen. Dann musste auf Teufel komm raus die eigene Kirche her, auf dass König Heinrich ungebannt Gattinnenmord und serieller Vielweiberei fröne. England knüppelte Schotten, Iren und Waliser gnadenlos in die Unterwerfung. Kaum hatte Drake Spaniens Armada zu den Fischen geschickt, riss die City den Fernhandel an sich nd baute ihr erstes Kolonialreich. Als sich die Amerikaner nicht länger aus London kujonieren lassen wollten, raubte England Stück für Stück sein zweites Empire zusammen, diesmal vorwiegend asiatisch situiert. Man plünderte die halbe Welt und lamentierte dazu "white man‘s burden". Damit man stets den Rücken frei behielt, ließ England wechselnde Festlandsdegen für sich fechten - will sagen, sobald sich ein kontinentales Zentrum zu etablieren drohte, finanzierte London Widerstand. Klassische Gleichgewichtspolitik. Aus Inselsicht ungeheuer weise - alle Schlachtfelder lagen auf dem Festland. Die Weltmeere zu beherrschen hielt England für sein gottgegebenes Recht. In den Ersten Weltkrieg schlitterte es nolens volens, wie andere Mächte auch. Gegen die Nazibarbarei aus Deutschland stand es auf der richtigen Seite der Geschichte: Finest hour! Danach war das Empire futsch, herrschte der Kalte Krieg, vor dem England unter die Fittiche der Special Relationship mit den USA kroch. Mit seinem Spielbein trampelte es dennoch durch Europa, forderte penetrant maximalen Einfluss für minimales Engagement. In der EU erpresste England eine Ausnahme nach der anderen, von der Schengenverweigerung bis zum Zweidrittelrabatt. Beim Euro will es heute mitbestimmen, ganz ohne sich zu engagieren. Nun soll, zuguterletzt, Europa englisch werden, sonst mag England nicht länger europäisch sein.

Haben Sie schon mal Plumpudding gekocht? Allein, das Rindernierenfett beim Metzger zu besorgen, ist eine üble Plackerei! Manches Dessert lohnt schlicht den Aufwand nicht. Das gilt vielleicht auch für die britische Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Warten wir also ab. Zum Schluss werden sie rechnen. Jungengland, seine herrschende und wählende Alterskohorte, kennt das Empire nur noch aus Büchern und erfährt gerade den zweifelhaften Wert seiner Special Relationship über den Teich. Natürlich quengelt es nach einem Referendum.
Am Ende wird aber doch gerechnet, ganz pragmatisch, so wie eh und je: Denn Schottland will die Ausnahme vom Ausstieg. Irland, wichtigster Handelspartner, steht fest zur EU. Japans Konzerne, die heute die Insel als Einfallstor in die EU nutzen, werden sich nicht auf der Insel von den Festlandsmärkten isolieren.

Abwarten und Tee trinken: Bald schüttet old boy den Kanal zu.

Köln, im März 2013

Nun haben wir so ziemlich alle Varianten durch: Johannes Paul I. ermordet. Johannes Paul II. gestanden durch alle Agonien seines jahrelangen Siechtums. Benedikt XVI. macht es sich als Emeritus gemütlich. Na dann!

Papst weg. Vertrauen weg. Dreihundert Seiten Kardinalsbericht versiegelt. Daneben auf dem Tisch die Unterlagen der geheimen Schweizergarde mit Abhörprotokollen von Emails, Mobil- und Festnetzen, Wanzen in Räumen, und, wer weiß, vielleicht auch noch Richtmikrofonen. Alles vatikanisch streng legal. Aber die Kardinäle werden sich jetzt dreimal überlegen, wer mit wem im Konklave welches Wörtchen flüstert.

Den Bankenturm an der vatikanischen Mauer hat Gotti Tedeschi fluchtartig verlassen, in schierer Todesangst. Als letzte wichtige Amtshandlung ernennt Benedikt den Malteserritter von Freyberg zum neuen Chef der Vatikanbank. Im Turm des IOR geistert der mafiöse Erzbischof Marcinkus, während der Geist seines erhängten Kumpels Calvi immer noch über den Wassern der Themse schwebt, unter der Blackfriars Bridge nahe der City of London. Nicht zu vergessen Michele Sindona, gleichermaßen der Mafia wie der P2 verpflichtet. Dessen Geist gurgelt mit tödlichem Giftcocktail, den er im Gefängnis zu trinken bekam.

Wird jetzt in Rom King Lear gegeben? Womöglich synchron in Quirinal und Vatikan?

Berlusconi hatten wir nun geliftet wie ungeliftet. Als unbescholtenen halbmafiösen Bauunternehmer, als P2-Mitglied, als verurteilten Steuerhinterzieher und Bestecher, als verurteilten Sexualtäter. Viele neue Varianten gibt es da nicht mehr.

Monti war langweilig, wie alle, die das Notwendige exekutieren. Erst war er da, jetzt ist er weg. Dafür teilen sich jetzt zwei Clowns die Hälfte der Macht.
Und die Gründer? Die Gehälter stimmen doch noch, oder? Schmeckt das Essen? Macht ihr in der Lagune schön auf Eigensicherung? Schiebt selbstreferentielle Memos über’n Tisch und her und hin und noch mal her? Gründet Sub-Unterausschüsse zur Lage in Brüssel und auf den Straßen des Südens?

Ungarn auf der Kippe. Rumänien leert sich. Paris entdeckt die Sommerferien als ganz zentrales Thema. Warum fahren nicht alle zusammen in die von tapferen französischen Soldaten befreiten Gebiete am Niger? Beim Euro und der Europäischen Union warten wir auf Variante Numero drei: Erst war sie weg. Dann da. Bald wieder weg.

Derweil fördert Brüssel die Archäologen Pompejis mit 135 Millionen Euro, um das vollständige Erste Archiv der Gründer auszugraben. Der Chef der Region Kampanien warnt, nun werde man Italien aber gehörig auf die Finger schauen. Ich sage schon mal, was zu sehen sein wird: Geld weg.

Amerika mal mit Haushalt, mal ohne. Japan als hocheffiziente Gelddruckerei. Chinas neue Führung eher sauer als süß.

War sonst noch was? Ach ja. Wollen Sie verstehen, was diesen ganzen Irrsinn im Innersten zusammenhält, dann lesen Sie als Einstieg nicht Frank Schirrmachers neues Buch, sondern den Artikel von Donald Mackenzie in LI 99. Elektronische Börsen. Danach fühlen Sie sich ein paar Mikrosekunden lang auf Höhe der Zeit.

Ich bin dann mal weg.

Köln, im April 2013

Et tamen movetur - und sie, unser Planet Erde, bewegt sich doch! Man ist versucht, Galileis stolze Antwort auf das Schandurteil der Inquisition nun gegenüber der Kirche selbst zu erproben. Bewegt sich der Koloss in Rüschen?

Diese sogenannt eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ist eine historische Erscheinung, wie andere auch, und es besteht überhaupt kein Anlass, ihr internes Stühlerücken allzu wichtig zu nehmen. Die Gründer haben sie kommen sehen und werden auch am Ende des monotheistischen Menschheits-Irrweges stehen. Aber ein großes Welttheater, ein imposanter Wurf war dieses jüngste Konklave doch. Die Wahl hatte Stil. Und Bergoglio hat Stil. Gönnen wir allen Beteiligten, den Wählern wie dem Gewählten, dass aus der Vergangenheit unter der Videladiktatur nichts wirklich Schlimmes über den Atlantik dräut, das dem Jesuiten in Weiß nun das Kreuz bricht.

Ein lateinamerikanischer Pontifex, allergisch gegen Korruption und durchsetzungsstark - der könnte allerlei bewegen. Ein Herz für die Armen - angesichts entfesselter Finanzmärkte nicht der verkehrteste Ansatz. Schön auch, dass er rechnet, wie viel Regenwald die Menschheit zum Überleben braucht, statt wie viele Engel auf der Nadelspitze tanzen. Seine Bescheidenheit steht ihm gut zu Gesicht, zumal vor Roms grandioser Kulisse, wo Schlichtheit das gebotene ästhetische Kalkül ist, und stärker wirkt als jeder zum kläglichen Scheitern verdammte Versuch, noch eines drauf zu setzen. Definitiv ist dieser Mann begabt als Staatsschauspieler. Wenn der Papst im Büdchen in Buenos Aires anruft, um persönlich sein bisheriges Zeitungsabonnement abzubestellen, dann kann das unmöglich ganz ernst gemeint sein, sondern findet statt, um augenzwinkernden Humor darzustellen. Der Typ hat offenbar ein paar Register mehr drauf als die meisten seiner Vorgänger.

Aber nun will Franziskus partout Rom evangelisieren. Jubeln wird die Kurie darob nicht! Erst recht nicht die Mafia. Und jene, die nun ihre Felle davonschwimmen sehen oder besonders harte Strafe fürchten, werden über die Sterblichkeit der Päpste meditieren, weder zum ersten noch zum letzten Mal in der Kirchengeschichte.

Erschießen knallt zu laut. Erstechen sie ihn, macht das Blut große Schweinerei. Hubschrauberabstürze oder Autounfälle sind, angesichts der Professionalität von Schweizergarde und Gendarmerie, schwer zu bewerkstelligen. Vergiften ist also das Attentat der Wahl. Hoffen wir für den Papst, der seinem ganzen Habitus nach kaum die Planstelle des Vorkosters wieder einführen dürfte, dass er sich als studierter Chemiker mit Antidots und Lebensmitteltests auskennt.

Und damit Ende der Theaterkritik. Sie ist nun doch ein bisschen lang geraten. Um ehrlich zu sein, habe ich mir den Eskapismus in die bunten Bilder gegönnt, um kein, aber auch wirklich kein Sterbenswörtchen über Zypern verlieren zu müssen.

Köln, im Mai 2013

Die Probleme sind auf vertrackte Art ineinander verschachtelt. Politisch am einfachsten wäre es wohl, den Euro als inflationäre Leichtwährung zu sichern - womit man allerdings an die tiefsten Ängste der Deutschen rührte. Das wiederum hätte zur Folge, dass die Deutschen jede Partei des vorprogrammierten Vermögensverlustes abwählen würden - womit die Eurosicherung ohne das stärkste Euroland dastünde und folglich auf schwachen Füßen. Ungeklärt bliebe bei diesem Lösungsansatz die Rationalität der deutschen Haltung. Angenommen, die neusten Statistiken über die Höhe der Privatvermögen in Euroland träfen zu, könnte man argumentieren, bei Zyprioten, Spaniern oder Italienern sei durch Inflation sehr viel mehr Vermögen bedroht als in Deutschland. Wiederum relativiert würde diese Relativierung, brächte man etwa die gesetzlichen Rentenansprüche in Deutschland, oder auch nur die Ansprüche von Menschen mit Grundsicherung ins Spiel. Hier wären die Kaufkraftverluste durch Inflation weit höher als etwa der Wertverlust einer selbstgenutzten zypriotischen Immobilie, die vielleicht sogar durch eine Preisinflation im Wert stiege. Wie man es auch dreht und wendet - die Südländer haben durch Inflation mehr zu gewinnen als die Deutschen. Und es spricht nicht viel dafür, dass ihre Vernunft und die Solidarität mit den deutschen Helfern ausreicht, hier zu verzichten. Die Wähler Italiens haben jüngst eine klare Sprache gesprochen, und ob der arme Herr Napolitano bessere Ergebnisse herauskitzelt, wenn er sein Volk in Neuwahlen schickt, bleibt noch abzuwarten.  

Halten wir als Zwischenergebnis fest: Die Eurorettung bleibt auf Deutschland angewiesen. Da nun aber der Weg in die Hyperinflation mit Deutschland nicht zu machen ist, da sogar die Methode der sogenannten finanziellen Repression durch Niedrigstzinsen, wie er zurzeit beschritten wird, schon bald an Grenzen stoßen dürfte, wird es eine Lösung, wenn überhaupt, nur unter beträchtlichen weiteren Opfern der Südländer geben. Die dortigen Parteien der Mitte, die eine gewisse Einsicht in das Unvermeidliche haben, werden nach rechts und links erodieren. Der Druck auf die Bevölkerungen, besonders auf die gut ausgebildete, gleichwohl chancenlose Jugend, wäre so gewaltig und langandauernd, dass es zu unguten Verschiebungen im Parteienspektrum käme. Oder zu Pattsituationen, siehe Italien. Oder zu Konflikten zwischen demokratischen Institutionen, siehe Portugal, wo Exekutive und Legislative vom Verfassungsgericht zurückgepfiffen wurden. Ob das zu Verfassungskonflikten führt, zu Straßenschlachten gegen gemäßigte Regierungen, oder zur Regierung durch extremistische Parteien, kann niemand sagen. Ob und wie lange die Demokratien der bedrängten Südländer das aushalten, ist äußerst fraglich. Aber nehmen wir das Beste an: Sie halten es aus. Nur - durch welches Ventil lassen sie ein bisschen Druck ab? Nur das kleine Bisschen, das unverzichtbar ist, damit der Kessel nicht platzt? Das Ventil wären antideutsche Gefühle. Das Ventil wäre Hass auf die Deutschen, die in den letzten hundert Jahren zweimal gegen ganz Europa in den Krieg gezogen sind, die man, unter den Prämissen des Kalten Kriegs trotzdem wieder in die Völkergemeinschaft aufgenommen hat, die vermeintlich am meisten vom Euro profitieren, die vermeintlich ungern, hochnäsig, zu spät und zu spärlich helfen und die als Gegenleistung für zu wenig Hilfe den Hilfsempfängern unerträgliche Opfer aufbürden. Das wird die kollektive Erzählung sein. Was sie für ein ohnehin höchst prekäres europäisches Gemeinschaftsgefühl bedeutet und für die Bereitschaft der leicht zu kränkenden Deutschen, Kurs zu halten - keine Ahnung.

Ein Menetekel sind die jüngsten deutsch-französischen Querelen über die Louvre-Ausstellung De l‘Allemagne. Hier diskutieren die Besten und Gebildetsten, die Wohlmeinendsten beider Länder heftig aneinander vorbei. Aus deutscher Sicht ist man beleidigt, weil die Ausstellung angeblich aus der Kunst eine Teleologie hin auf Faschismus und Krieg konstruiert. Aus französischer Sicht ist man beleidigt, weil man mit dem Großprojekt angeblich nur ein breites französisches Publikum neugierig machen wollte auf die deutsche Kunst- und Geistesgeschichte. Das freimütige Bekenntnis, dass der Louvre mit einem gewissen dunklen Prickeln Faszination und Interesse auslösen wollte - einem niemals mehr weg zu diskutierenden Prickeln, dass sich die Deutschen nach ihrer Geschichte einfach gefallen lassen müssen, dieses Bekenntnis fehlt von beiden Seiten. Soweit der Stand der Dinge, ausgerechnet anlässlich des fünfzigsten Jahrestags des Élysée-Vertrags.

Schwerer wiegt, dass Deutschland die ENA-geschulten Eliten in Frankreich als Partner verliert. Nach dem Fall Cahuzac geraten sie immer mehr unter den Generalverdacht von Korruption und Vetternwirtschaft. Angesichts eines schwächlichen Präsidenten Hollande, angesichts einer Staatsquote von siebenundfünfzig Prozent, ohne dass der Staatsdienst erkennbar effizient wäre, angesichts von Schulden und Wettbewerbsdefiziten ist es vielleicht schon bald an der Zeit ein französisch klares Phänomen mithilfe eines Topos der deutschen Geistesgeschichte zu beschreiben: Mag sein, wir erleben die Götterdämmerung der Fünften Republik.

Da kommt es für den zu einenden Kontinent, den Raum der Gründer, komplett zur Unzeit, wenn Giorgio Agamben ein lateinisches Europa, ja ein „Lateinisches Reich“ Frankreich-Italien-Spanien propagiert, ein Gedankenspiel, das eigentlich seit den französischen Phantasien einer „Mittelmeerunion“ in der Luft lag. Eine unzeitgemäße Betrachtung, so wie mein Schlusssatz, mit dem ich ins Gedächtnis rufen möchte, wie Karl Bucholtz einst als legatus in provincia Deutschlands Wiedervereinigung zu hintertreiben suchte, weil ihm, wie manch anderem Skeptiker schon früh schien, das geeinte Deutschland sei zu groß für ein geeintes Europa.

Oh! Weh!

Köln, im Juni 2013

Waffen nach Syrien! Die einzig kluge Antwort auf diese Glanzleistung europäischer Diplomatie ist, das Maul zu halten. Könnte man wenigstens hoffen, die Europäer spielten mit verteilten Rollen!
Fünfundzwanzig Länder unterstützen die bevorstehende Konferenz, an der auch Vertreter Assads teilnehmen sollen. Und währenddessen drohen zwei, Paris und London, ab August Waffen an die Opposition zu liefern, um Druck aufzubauen. Erst ab August wohlgemerkt! Dann wäre die Konferenz vorbei. Möglicherweise hätte sie ja ein Ergebnis gebracht.
Offen gestanden traue ich den Entscheidern in Paris und London das Kalkül nicht zu. Die machen kein Pokerface. Die lassen einfach alle Welt in ihre Karten blicken. Amateure!

Wie hätte wohl Kroatien gestimmt, das ab dem ersten Juli zur EU gehört? Ein Staat, hervorgegangen aus blutiger Rebellion gegen die übermächtige Zentrale Belgrad, wo man auch nicht immer zimperlich zu Werke ging? Wie ist das überhaupt, wenn wir ab Juli achtundzwanzig Staaten sind, an Staaten also eine gerade Zahl? Kann das zum Patt bei Abstimmungen führen? Die Probleme werden größer. Die Abstimmungsverfahren komplizierter. Verehrte Damen und Herren Auftraggeber, hättet ihr vielleicht doch besser Vertiefung vor Erweiterung betrieben, als ihr es noch in der Hand hattet?

Es ist vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet in dieser Folge von agrippas mund Marc Aurels Statue auf dem Kapitol gesprengt wird. Falls ich recht informiert bin, war er der einzige römische Kaiser, der selbst persönlich die Gründer führte. Der einzige direkte Transmissionsriemen von den Planern zur Macht, ohne Intrige und Umweg. Heißt das jetzt - aus der Traum?

Wohl doch eher nicht, denn in Kroatien liegt Zadar, vormals das Zara aus Plumbum Agrippae, wo der Träumer Marian Guardini ... aber nein, da hätte ich mich fast vergaloppiert ... und wenn man noch bedenkt, dass die chinesische Ratte ... nein, nein, jetzt schleunigst Feierabend und ...

Köln, im Juli 2013

Na schön, nun wissen wir, wie in ABC‘s Phantasie die Punker miteinander und mit anderen Leuten sprechen. Aber verpustet das die Gasschwaden über dem Taksim? Jahrhundertelang hatten die Türken kein Problem damit, andere Völker zu unterjochen und bei Widerstand abzuschlachten, wohingegen die paar Jahre alliierter Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg ihnen ein schweres Trauma hinterlassen haben. Mustafa Kemal Pascha ging dagegen vor mit einem Denkmal für sich selbst und die anderen Befreier von fremder Besatzung - errichtet vom italienischen Bildhauer Canonica. Sehr schön. Symbolisch. Dort kämpfen nun Altkemalisten und Jungbaumschützer gegen ihren großkotzigen Ministerpräsidenten Erdogan und für eine demokratische Türkei. Ich wünsche ihnen viel Erfolg. Mir jedoch wünsche ich, dass dieser Kampf einstweilen außerhalb der EU-Grenzen ausgefochten wird.
Mein Gott, Bucholtz, kannst Du denn nicht einsehen, dass dieses Land noch lange nicht in die EU gehört? Die Vorteile, die Du aufzählst, liegen ja klar auf der Hand. Aber glaubst Du ernstlich, die EU in ihrer heutigen Verfassung könnte eine konsistente Syrien-Politik formulieren? Eine konsistente Kurden-Politik? Der Kaukasus? Und dass Brüssel nun plötzlich an den Iran grenzte? Sorry, aber das scheint mir doch ein bisschen mehr zu sein, als Frau Ashton stemmen kann.

Erdogan hat gesagt: Die Demokratie ist ein Zug. Wir steigen da jetzt mal ein. Und wann wir wieder aussteigen, das entscheiden wir selbst.

Adam Bonaventura Czartoryski, ein Mann, dessen Weisheit wir zu seinen Lebzeiten offenbar nicht genug geschätzt haben, hat mal gesagt: Solange ich regierender princeps bin, wird die Türkei nicht Mitglied der Europäischen Union.

Karl Bucholtz, princeps feliciter regnante sagt: ... ?

Antje Peeters, successor principis sagt ... ?

Köln, im August 2013

Die Innenpolitik fragt wesentlich danach, wen wir frei herumlaufen lassen und wen wir einsperren. Außenpolitik fragt: wen lassen wir leben und wen müssen wir töten im Interesse unseres Gemeinwesens.

Verhaften können wir General Alexander jetzt nicht mehr. Zwar war er noch vor ein paar Wochen Gast im Bundeskanzleramt, aber die Chance wurde verpasst. Sollen wir jetzt also No Such Agency mit den Superdrohnen vom Herrn Bundesminister der Verteidigung in Schutt und Asche legen?

Das ist doch alles Schwachsinn, dieser ganze Alarmismus! Oweh, oweh, Amerika hat die EU verwanzt! Ja - verdammt noch mal, was wäre das denn für eine EU, die nicht in den amerikanischen Botschaften lauschte?

Viele stellen das meiste ohnehin selbst ins Netz, ganz freiwillig, ohne von irgendwem abgefischt zu werden. Manche sind zu blöd, die vorhandenen technischen Schutzmechanismen zu bedienen. Andere zu faul. Wieder anderen ist es egal. Noch wieder andere sind Exhibitionisten und saugen aus dem Zustand des Beobachtet-Werdens Lustgewinn. Kommt alles vor.
Dann gibt es die vielen, die nicht dem großen Drachen Leviathan zum Opfer fallen, sondern den kleinen privaten Schnüffelratten, den Kriminellen und Metavoyeuren, die den Voyeuren beim Zusehen zusehen. Solch kleine  Nager könnte der große Drache vermutlich leicht verschlucken, mit einem Happs. Das will er aber nicht, weil das Rattengewusel beim Netizen ein Gefühl allumfassender Durchschautheit erzeugt und bestärkt. So muss sich der olle Drach höchstselbst dann weniger als Zensor und Bestrafer outen. Nichts da, Foucault: Überwachen und Strafen! Statt sich zu outen, sourct er out, an die Privaten - und an den Netizen selbst, der sich, weil vermeintlich totalüberwacht, immer weniger traut. Denn, machen wir uns nichts vor: Kryptographie von heute ist Klarschrift von morgen. Ein Geheimdienst, der unsere elektronischen Signale unbegrenzt speichern kann, hat genug Zeit, jeden kurzfristigen Krypto-Rückstand aufzuarbeiten.
Was also tun, wenn wir nicht bombardieren können oder wenigstens verhaften? Sollen wir leere Drohungen ausstoßen? Betteln in Washington?
Nö - find ich nich. Aber wir sollten technische Defizite aufholen. Wir sollten Firmen wie Facebook oder Google mit willkürlichen Strafsteuern überziehen. Verhalten die sich rechtsstaatlich in unserem Sinne? Na bitte, dann könnten wir doch unsere Regeln ein klein bisschen dehnen. Wir könnten die ärgern, die uns ärgern. Und wir könnten, alle miteinander, das Handy einfach mal zuhause liegen lassen oder den letzten Rülpser nicht twittern.

Lustig wäre es, kostete die NSA-Schnüffelei Frau Merkel ihr Amt. Noch lustiger, anschließend zu beobachten, wie Herr Steinbrück sich prompt bei den Schnüfflern einschleimen würde, gegen die er im Wahlkampf gewettert hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette! Und welcher Wahlkampf überhaupt?

Das wäre das.

Ansonsten glaube ich langsam, den Sinn dieser Website zu verstehen. Alles begann mit dem Polis-Projekt, dem Notfallplan für ein überdehntes Imperium. Wahrscheinlich ist es an der Zeit, diese Idee wieder hervor zu kramen. Aber das machen wir im nächsten Update.

Köln, im September 2013

Wie liest er sich, der Notfallplan für einen Staat, aus dessen ländlichen Gebieten im Osten und Norden die Bevölkerung wegläuft? Was geschieht mit Dörfern, wo nicht mal mehr der rollende Tante-Emma-Laden dienstags und freitags hält -  weil es sich nicht lohnt? Keine Bankfiliale mehr. Die nächste Post, der nächste Arzt in dreißig Kilometern? Rückbau ist dort schon heute an der Tagesordnung. Rückbau oder Leerstand, wenn die letzten Alten weggezogen sind. Konzentration auf regionale Zentren, die mit moderner Verkehrstechnik eng vernetzt  bleiben. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Was soll man sonst auch machen, angesichts demographischen Schwunds ohne zielführende Einwanderungspolitik und angesichts politischer Erosion, wo der Weitblick bestenfalls die paar Monate bis zur nächsten Wahl reicht? Auf Sicht fahren! Dass ich nicht lache!

Erinnert diese Konzentration nicht an die Gebrüder Macro oder sogar Hieron von Alexandria aus der Akte Pompeji im Roman? Rückzug auf die Zentren und Kontrolle der Verbindungswege? Das war das Polis-Projekt, schon damals Notfallplan für ein Imperium mit überdehnten Grenzen. Damals wurde der Weg lediglich angedacht, nicht jedoch beschritten, mit den bekannten Folgen. Das Imperium existierte zwar noch weitere vierhundert Jahre - aber eben auch nicht länger. Und der Beweis, ob es bei Umsetzung des Polis-Projekts länger bestanden hätte, wurde nicht erbracht.

Was wir oben gerade mal für Deutschland andenken, scheint bei den Gründern für Gesamteuropa in den Fokus zu rücken. Vorbei sind die Zeiten freudiger Osterweiterung, während es zugleich bei der Vertiefung der Union haperte. Vorbei der Euro-Optimismus in jeglicher Hinsicht. Wenn mich nicht alles täuscht, streichen sie gerade ihre Pläne radikal zusammen und basteln eine schlanke Überlebensstrategie, hauptsächlich für sich selbst als Gründerrat. Eigensicherung hatte für sie immer schon Vorrang, da bilden wir Herzenseuropäer uns besser keine pathetischen Schwachheiten ein. Erst an zweiter Stelle kam das Imperium, später der europäische Kontinent als zu entwickelnder Raum.

Zudem stehen sie vor dem Problem, dass ihre Zentrale ineffizient wird. Nicht eigentlich das Haus ohne Tür, sondern die Stadt darum herum. Venedig wird zunehmend unlebbar, auch wenn man über die Mittel und die in Jahrhunderten erprobte Infrastruktur der Gründer verfügt. Es war ja von Anfang an beabsichtigt, in den Händler- und Touristenströmen unbemerkt zu kommen und zu gehen. Aber wenn man nicht einmal mehr seine Ombra trinken kann, ohne dass ein Pulk wild schnatternder Chinesen die Bar überfällt, die Fotos knipst, den einen oder anderen Tisch umstößt und dann wieder verschwindet, verschwindet auch die Lebensqualität. Gar nicht zu sprechen von den längst nicht mehr beherrschbaren Schäden an neunzig Prozent der Bausubstanz oder den schwimmenden Hotels für zehntausend Gäste, die mal eben so durch den Giudeccakanal oder den Canal Grande tuckern.

Aber wohin? Bauen sie ein neues Großes Archiv? Oder ziehen sie um, nach Prag, Köln, Amsterdam oder London? Oder vielleicht sogar zurück nach Rom? Auch diese Stadt hat zwar ihre Probleme, aber wenigstens versinkt sie nicht in Industrieschlämmen aus Mestre. Köln hätte den Charme, dass das Provinzialarchiv eigentlich längst nach Berlin gehört, an den Sitz der Bundesregierung. Damit würden in Köln weitläufige Räumlichkeiten frei, die zudem den Vorteil hätten, dass hier ein paar der ältesten und wichtigsten Traditionen der Gründer wurzeln - CCAA. Prag - wäre gut. Amsterdam will mir nicht einleuchten - da stellt sich doch die Frage, warum nicht besser gleich Brüssel?

Und der Osten? In den schlimmsten Zeiten stalinistischen Terrors und des Kalten Kriegs haben sie nie davon abgelassen, Russland mit Europa zu vernetzen. Nie mehr sind sie hinter die historische Linie zurückgefallen, die ihr legat Sapin (siehe Akte Narwa)einmal gezogen hatte. Ja, man kann so weit gehen, die Komintern für ein Projekt der Gründer zu halten.
Aber können sie uns heute tatsächlich noch weismachen, sie übten Einfluss aus bis in den sibirischen Raum, bis dorthin, wo die nominellen Interessengebiete von COT und COR aneinander grenzen? Sollen wir überhaupt noch irgendwelchen Gründereinfluss unterstellen im bis ins Mark korrupten Russland mit seiner geisteskranken Homophobie und den bestellten Schandurteilen, etwa gegen die Frauen von Pussy Riot? Gründereinfluss auf die russische Syrienpolitik, die sich allein am letzten verbliebenen russischen Hafen im Mittelmeer orientiert? Oder sind die russischen und chinesischen Vetos gegen ein militärisches Eingreifen in Syrien am Ende gar Akte der Weisheit, weil mit dem Ende Assads jegliche Stabilität enden könnte?
Eigentlich brauchen wir gar nicht bis nach Russland zu schauen. Was tolerieren die Gründer viel näher am Kern - etwa in Ungarn? Faschismus light in der EU? Und dagegen können sie nichts unternehmen? Ehrlich nicht? Dann sparen wir uns gleich auch den Blick auf die linke Flanke, auf den unaussprechlich abgekürzten britischen Geheimdienst, der gemeinsam mit No Such Agency die Verbündeten bespitzelt.

Wer keinen Anspruch mehr hat, kann auch nicht mehr scheitern.

Womit ich beim Halbmondrat wäre, obwohl ich gar nicht wollte. Die Logik des arabischen Herbstes bleibt tribalistischer Natur: Ich und meine Mitbürger gegen die Nachbarstadt. Ich und meine Nachbarn gegen den Rest vom Dorf. Ich und meine Familie gegen die Nachbarn. Ich und mein Bruder gegen die Vettern. Ich gegen den Bruder. Das ist die Logik.

Israel betet um das Wiedererstarken des lieben guten Onkels Assad, weil allein der ein verlässlicher Partner ist für den kalten Frieden in der Region. Alles, was nach ihm kommt, stellt ein Risiko dar.

Doch wenn man die Bilder vergaster Menschen sieht, die sich mit Schaum vor dem Mund zu Tode zittern, packt einen schon die Lust, dem Herrn Assad wenigstens mal ein paar Paläste kaputt zu bombardieren. Nur, was passiert, sollte den zersplitterten Aufständischen in diesem westlichen Feuersturm aus der Luft der Sieg in den Schoß fallen? Setzen sich dann die Syrer durch, die für ein menschenwürdiges Leben in ihrem Land kämpfen? Oder sind dann die Dschihadisten von außerhalb plötzlich effektiver? Weil sie die Strukturen haben? Und weil es in Syrien, anders als in Ägypten, keine reguläre Armee gibt, die bei allen mörderischen Fehlern ein Minimum an Ordnung aufrecht erhält.

Warten wir einfach ab, bis Obamas geniale Strategie der Al Quaida die Sarinfässer Assads in die Hand gespielt hat. Danach können die Räte ja noch mal in aller Ruhe überlegen.

Vielleicht können die Gründer danach sogar Ostmitteleuropa aus ihrem neuen Polis-Projekt streichen, weil es dort nichts mehr zu projektieren gibt. Was für ein begnadeter Prophet muss Adam Bonaventura Czartoryski gewesen sein, um mit seiner sizilianischen Kampfstoffmetapher aus
plumbum agrippae mitten ins Herz unserer Gegenwart zu zielen?

Köln, im Oktober 2013

Psssst! Leise mal kurz! Weg? Ist er weg? Endlich weg? Ist Italien seinen Cavaliere los? Dann kann ja Beppe Grillo mit dem M5S die Rolle des Clowns übernehmen. Der hat, im Gegensatz zum Cavaliere, wenigstens ehrbare Grundsätze.

Oder ist der Cavaliere doch noch da?

So recht traue ich dem Braten nicht. Zu mächtig sind seine Verbündeten in Mafia und Propaganda Due. Bei welcher Gelegenheit ich mich nochmals schärfstens von der romantischen Verklärung der Mafia distanziere, die
A. B. Czartoryski in agrippas mund und seit hunderten von Seiten archiviert in plumbum agrippae, betreibt. Oder betrieben hat, als er noch lebte und die verschlüsselte Zukunft in einer Geschichte unterbrachte, die irgendwo in den Jahren 1988-1990 spielt. Die Mafia jedenfalls ist damals wie heute eine banale, brutale Verbrecherbande ohne jede Würde, ohne Flair oder gar historische Patina. Und leider kontrolliert sie beträchtliche Anteile jener italienischen  Wirtschaftszweige, die noch international wettbewerbsfähig sind.

It’s the economy, stupid! - denkt sich auch Perserpräsident Rohani, wenn er denn die Wiener Inspektoren überhaupt ins Land lässt und abwartet, was sie finden. Inzwischen lockert alle Welt die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran. Die Wirtschaft des Landes erholt sich. Die letzten technischen Bauteile für die Bombe lassen sich leichter importieren. Vielleicht lagert man ein paar Elemente zwischenzeitlich aus - in den Nordlibanon unter den Schutz von Hisbollah. Oder nach Syrien, ins Alevitengebiet, wo die Bevölkerung bis ganz zuletzt kämpfen wird für's Regime. Und in vier oder fünf Jahren dann lässt man die Verhandlungen an irgendeiner Formfrage scheitern, bilanziert die wirtschaftlichen Vorteile und baut an der Bombe weiter. So weit kommt Washington also mit den ausposaunten Roten Linien. Wenigstens diese Lehre sollte der Großstratege im Weißen Haus noch mitnehmen in den wohlverdienten Ruhestand.
Aber noch einmal: it's the economy, stupid! Werden eigentlich, solange kein rechtskräftiger Haushalt verabschiedet ist, Präsidentenpensionen ausbezahlt?

Vor etlichen Jahren habe ich mal einen Kerry-Wahlkampfaufkleber gesehen - auf der durchsichtigen Plastikwand eines Vaporetto-Anlegers im Canal Grande. Dazumal hielt ich Kerry noch für einen guten Mann. Dank Kerry’s Versprecher und Putins Initiative hat aber jetzt auch Assad wieder Zeit. Wobei mit hoher Wahrscheinlichkeit niemand außer ihm selbst die Kontrolle über das Giftgas bekommt. Nein, die entscheidenden letzten Fässer, den Cocktail für die große Katastrophe, wird er selbst behalten. Schlimm. Oder die Syrische Befreiungsarmee jagt sie ihm ab. Etwas besser. Oder Al Quaida. Ganz besonders schlimm. Aber gewiss nicht die Inspektoren in ihren weißen UN-Geländewagen. Tatsache. Wer weiß, vielleicht begegnet die Welt diesen Fässern während Putins Olympischen Winterspielen schon wieder.

Da sitzt dann auch vielleicht Frau Merkel mit auf der Tribüne, die sich beim Petersburger G-20-Gipfel bezüglich der Syrienresolution so sauber hat austricksen lassen von ihren EU-Kollegen und Obama. Peinlicher geht’s nimmer. Aber Sotchi ist noch eine Weile hin. Genauso gut könnte Frau Merkel bis dahin selbst merken, dass sie sich bei der Bundestagswahl totgesiegt hat.

Apropos tot. Papst Franziskus, um den Kreis in Rom zu beschließen, lebt noch. Was für ein schlauer Fuchs, im Gästehaus des Vatikan wohnen zu bleiben! Das soll mir doch keiner als Bescheidenheit verkaufen. Nein - in diesem Betrieb sind die infrage kommenden Attentatsvarianten sehr viel schwieriger durchzuführen, so einfach ist das. Dem Luciani-Papst konnte man in aller Stille eine Tasse Tee mit Gift servieren. Für Franziskus müsste man schon das komplette Kantinenessen vergiften. Jaja, Franziskus sprach damals mit den Vögeln. Heute spricht er mit den Füchsen, während ich das Gras wachsen höre. Und das Gras flüstert, dass magister Sabine Dusch, die Tochter des deutschen Provinzlegaten der Gründer, Franziskus in Sicherheitsfragen berät. Buona fortuna, Bischof von Rom!

Köln, im November 2013

Na schön, ich will es mal als gutes Omen nehmen, dass ausgerechnet diesen Monat auf dem Berg sich eine Grube auftut, worin unser Protagonist ... na, was findet er dort? Der regelmäßige Leser von plumbum agrippae ahnt was. Mich sollte sehr wundern, käme nicht in der Dezemberausgabe von Czartoryskis Erlassen ein Reliquiar vor.

Wobei auffällt: Hat nicht auch der Limburger Bischof seine Reliquiensammlung tief unter dem Boden der neuen Residenz verscharrt? Es scheint, als gehörten große Schätze per definitionem unter die Erde. Offenbar eine welthistorische Konstante. Und ein großes Glück, dass dieser Kandidat für die Nachfolge auf dem Kölner Erzstuhl ein für allemal verbrannt ist. Franz Dusch kriegt sich gar nicht mehr ein vor Begeisterung über seinen gelungenen Coup.

Der Euro hingegen ist kaum unterirdisch (obwohl ich zugegebener Maßen nicht die Keller der EZB in Frankfurt kenne), ja nicht einmal wirklich irdisch - er schwebt vielmehr, und zwar nach wie vor in großer Gefahr. Derzeit lässt die hausgemachte Schwäche des US-Dollars das ein wenig in Vergessenheit geraten. Aber das bleibt nicht so. Und an dem Punkt kommt Frau Merkel ins Spiel, idealerweise sogar etwas früher. Unterstellt eine Große Koalition, gibt es Anzeichen dafür, dass Merkel ab 2014 den großen europapolitischen Wurf wagen will, um sich mit ihrer dritten Kanzlerschaft doch noch ins Geschichtsbuch einzutragen. Die Kommission in Brüssel soll befugt werden, mit einzelnen Staaten belastbare Verträge zu schließen, um dort die Haushaltsdisziplin ebenso zu fördern wie Investitionen in die Wettbewerbsfähigkeit. Im Gegenzug sollen die Vertragspartner Zugriff auf - teilweise noch neu zu schaffende - Brüsseler Töpfe erhalten. Man spricht davon, dass die aus dem Aufkommen der Finanztransaktionssteuer gespeist werden sollen. Außerdem ist ein hauptamtlicher Euro-Gruppen-Chef im Gespräch, eine Art Euro-Finanzminister, der nicht nur in die Euro-Länder hinein, sondern vermutlich auch im Brüsseler Konzert von Parlament, Ministerrat und Kommission ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hätte.

Ob Merkels Plan auf Gegenliebe stößt, ist fraglich. In den meisten Euro-Ländern, besonders den von harten Sparmaßnahmen betroffenen, wächst die Skepsis. Und man kann es verstehen. Tiefe soziale Einschnitte, die Tatsache, dass trotz teilweise eisernen Sparens die Schulden nach 2006 noch einmal explodiert sind, vor allem jedoch die gefährliche Jugendarbeitslosigkeit - das sind mehr als gewichtige Gründe zur Skepsis. Überall entstehen populistische Bewegungen, mal gegen den Euro, mal gegen die EU insgesamt. Welche Demokratie soll das auf Dauer aushalten? Womöglich haben wir in einem halben Jahr ein Dutzend Mitgliedstaaten, die a la Faschischmus-Light regiert werden, wie Ungarn.

Doch sprach ich eingangs ja von einem guten Omen.

Und so wollen wir alle zuerst einmal abwarten und von Frau Merkel hören - zuallererst (Achtung, Sarkasmus!) der Friedensnobelpreisträger in Washington DC - wie es nach ihrer Vorstellung weitergeht.

Köln, im Dezember 2013

Hatte ich nicht versprochen, die finden in der Grube ein Reliquiar? Jetzt finden sie sogar das Kreuzreliquiar, denn - wollen wir wetten? - die Materialuntersuchung ergibt demnächst garantiert, dass Kreuzbaum und Kreuzarme aus  den vier alchymischen Metallen gegossen sind. Weltzeitalter: Eisen, Bronze, Silber, Gold.

Doch wenden wir uns erschauernd von den Mysterien ab und zur Aufklärung hin, namentlich zu den Freimaurern, wie sie ein Anonymus unter dem Pseudonym Jean-Charles Auque in Lettre 102 - kaum glorifizierend - beschreibt. Anonymus: Als wäre er ein ungemein schützenswerter Whistleblower oder Revolutionsstratege in Syrien. Komisch, dass Lettre sich für so was hergibt! Sein Namensgeber, der originale Auque hat wohl der 1773 gegründeten Großloge Grand Orient de France angehört. Da Casanova sich in diesem Jahr hauptsächlich in der habsburgischen Grafschaft Görz aufhielt, einem Gebiet unmittelbar an der venezianischen Grenze, ist kaum anzunehmen, dass er besagtem Auque begegnet ist. Trotzdem wollen wir nicht versäumen, Casanovas Einlassungen zu den Freimaurern, wie er sie bereits 1750 im Roman , in Dossier Casanova usgebreitet hat, hier zu zitieren:

“Fünf Tage nach meiner Abreise aus Turin passierte ich das Stadttor von Lyon. In dieser Stadt der Mode und der Stoffe ließ ich mich auftragsgemäß durch Francois de La Rouchefoucauld, Marquis de Rochebaron in die dortige Freimaurerloge einführen. Ich wurde selbstverständlich aufgenommen. Der Generalleutnant, ein lieber Mann, wies Züge von Wichtigtuerei auf, so wie ich überhaupt den Freimaurern nachsagen muss, dass ihre Arkana in keinem Verhältnis zum Aufwand stehen, mit dem sie geheim tun. Ihre Absichten sind meist hoch ehrbar, dienen der Aufklärung und edlen menschlichen Idealen. Die Zeremonien sind hübsche Symbolik. Die Geschichte ihrer Logen liegt weniger im Dunkel, als sie uns glauben machen möchten. Bestimmte politische Ziele verfolgen sie nicht, jedenfalls nicht außerhalb der Gegend, wo ihre Logen ansässig sind. Dort allerdings mag es vorkommen, dass ein Logenbruder dem anderen namens der Quattuor Coronati ein gutes Geschäft zuschanzt, einen Auftrag oder einen Posten verschafft oder bei den vier Bildhauerheiligen schwört. Also nicht ganz uninteressant, diese Freimaurerei.
Inwiefern unsere Hoffnung auf die Freimaurer sich erfüllt, kann ich heute nicht voraussagen. Frankreichs Schauspieler sind in der Mehrzahl Freimaurer, obwohl nicht unbedingt bei jenen Logen, wo der Hochadel sich tummelt und heimlich tut. Dennoch erstreckt sich ihr Netz über ganz Frankreich, und da ich nun einmal Mitglied bin und selbst von Schauspielern abstamme, sollte es möglich sein, sie für die Zwecke des Rates einzuspannen. Etwas Unterstützung hier, eine Protektion dort ist ja seit langem schon üblich. Ob mir jedoch gelingt, das französische Freimaurerwesen insgesamt zu verwandeln in ein Spitzel- und Postnetz für die Dreiunddreißig, ein Netz aus Schauspielern und Adligen, das wir über das marode, ausgeblutete Frankreich werfen - weiß ich noch nicht. Das wird die Zukunft lehren.
Ich blieb nur kurz in Lyon, fand kaum Gelegenheit, meine Logenbrüder auf die Probe zu stellen - da erreichte mich der Hilferuf des Pariser legaten.”

Feine Verquickung von klandestiner Politik und Geschäft! Kommen Sie trotzdem gut über die okkulten Feiertage und ins neue Jahr! Viele Theaterböller sowie ...

Köln, im Januar 2014

Ich habe nicht vor, den Beginn dieses hundertjährigen Jubiläums freundlich kommentierend zu begleiten. Zu groß ist die Schande, die die Dreiunddreißig im Jahre 1914 auf sich luden. Dennoch heißt es an dieser Stelle wie immer ...

Köln, im Februar 2014

Nun hat also Griechenland die Ratspräsidentschaft inne und verbreitet gute Laune - zwölfhundert Jahre nach Ableben Karls des Großen. Warum auch nicht? Bedrohen etwa die wilden Bulgaren Athen? Nein, aber man hört durchaus wieder Untertöne gegen uns Römlinge, die wir doch in Wahrheit nur schlecht verkleidete Germanen seien. Die linke Syriza und die Faschisten von der Goldenen Morgenröte beginnen den Europawahlkampf unisono mit der Drohung: Wir schicken euch Monster ins EU-Parlament. Nur gut, dass die Wikinger draußen vor geblieben sind! Auch die Freundschaft Karls mit den Angelsachsenkönigen von Mercia und Northumbria war eher locker - also wird schon nicht zu viel UKIP-Personal über den Ärmelkanal schwappen. Man ist dort ja auch, Hand aufs Herz, an uns so wenig interessiert wie Charlemagne an einem London, das viel lieber Singapur sein möchte - darin übrigens Charles de Gaulle ähnlich, der mit seinem Schnauzer und dem Käppi auf wundersame Weise der Metzer Reiterstatuette seines illustren Vorfahren gleicht. Da soll noch mal wer sagen, Kunst sei nicht der Prophetie benachbart! Oder Deutschland nicht Frankreich! Innerfränkische Opposition, etwa vom Schlag einer Marine Le Pen? Haare runter, Haube auf und ab ins nächste Nonnenkloster zum Bußschweigen!
Leider gibt es ja sonst nicht viel zu erzählen - der Kalif von Bagdad schickt weder Elefanten, die damals ohnehin bald krepiert sind, noch hat er die Lage in Damaskus unter Kontrolle. Worüber man eigentlich keine Witze machen sollte.
Der Emir von Cordoba laboriert halbwegs erfolgreich an seiner Bankenkrise - nur gut, dass es zuvor die Spanische Mark gab! Wohingegen die Deutsche wohl nicht mehr wiederkommt. Standardisierte Währung im ganzen Reich. Einführung der Dreifelderwirtschaft - heute rührt Brüssel Agrartöpfe um.
Hatte man irgendwo auf der Welt was regeln, schickte man Missi Dominici statt gewesener Boxweltmeister. Und im Schnee des Kaukasus war höchstens Prometheus an seinen Felsen geschmiedet - und auch der nur für Kenner der Alten. Keinesfalls spielte und rutschte man, wie in den Bergen über Sotschi, in Eis und Schnee herum, sondern höchstens mal aus, etwa in einem Eifeler Hohlweg nahe Aachens heißen Quellen oder auf einem Alpenpass. Vielleicht kämpft ja demnächst der Heerbann der deutsch-französischen Brigade Papst Franziskus den Weg frei, zurück in den Vatikan, nachdem wütende Kurienkardinäle und die Treuhänder der Mafiakonten beim IOR ihn vor die Tür gejagt haben. Dann würde der Papst den EU-Kommissionspräsidenten umgehend in Rom zum Kaiser krönen. Herr Juncker würde sich am Kopf kratzen und fragen, ob es beim Mittagessen vielleicht ein Gläschen Gin zu viel war. Der abstinente Herr Schulze hätte wohl eher die Weihrauchschwaden im Verdacht. Und an der Heiligen Pforte kratzte - nein, Gott sei Dank nicht schon wieder der Cavaliere, sondern - Herr Letta als amtierender Ratspräsident. Signor Renzi würde eher nicht kratzen. Dem wäre das Kratzen zu physisch. Der twittert lieber.
Gut, ja, die Gründer waren Karl dem Großen nicht immer gleich gewogen, auch weil er und sein Sohn Pippin Venedig zum Spielball degradierten im Machtkampf zwischen griechischem und lateinischem Kaisertum. Aber wer sind schon die Gründer, bei einem Pegel von einem Meter über Normal Null in Vendig? Außerdem hielt man damals letztlich doch zusammen. Heutzutage, fürchte ich, halten nicht mal die Gebiete des karolingischen Reichskerns zueinander - was soll man auch erwarten, hundert Jahre nach Ausbruch des großen Kriegs? In Frankreich ist die Lage hoffnungslos, aber nicht ernst. Fünf Ehen und weitere fünf Konkubinen sind verbürgt. Für Karl - da muss der Herr Hollande sich noch mächtig ins Zeug legen! Und währenddessen macht Deutschland keinen Sachsen mehr einen Kopf kürzer, sondern erträgt sogar Bayern, mitsamt dazugehörigem Dialekt. So hat irgendwie jeder was vom Pater Europae. Nur irgendwas, das nur von fern der kulturellen Hochblüte unter Charlemagne gliche, können wir definitiv nicht vorweisen. Es sei denn, man wollte der karolingischen Minuskel einen x-beliebigen Bar Code zur Seite stellen. Vielleicht den auf der griechischen Milchtüte? Zeiten sind das!

Köln, im März 2014

So, jetzt schnappt er über! Was der Geist Adam Bonaventura Czartoryskis hier als agrippas mund deklamiert, klingt nach umgestülpter Büttenrede. Statt fader Witzeleien redundantes Pathos himmelhoch und höllentief. Poetologisch könnte das aus Edgar Allen Poes Werkzeugkasten für The Raven stammen. Nur den aktuellen Bezug entdecke ich "nevermore".

Indes erleben wir den Relaunch einer bandscheibengeplagten Gasprinzessin.
Im Hintergrund umkreisen sich lauernd die beiden Oligarchen Achmetow und Firtasch samt ihren parlamentarischen Marionetten. Ersterer kann gut mit Timoschenko, letzterer überhaupt nicht. Dafür hat Firtasch seine Laufjungs in Klitschkos Umgebung. Ob allerdings der sympathische Ex-Boxer anzustinken vermag gegen die Charismatikerin im Rollstuhl, scheint fraglich. Noch fraglicher, wie der Olympionike Putin nach Sotschi nun weiterbastelt am eurasischen Imperium. Die Temperaturen sind frisch. Da kann er noch was ausrichten mit ein paar Drehungen am Gashahn. Aber ob er auch will? Erstaunlicherweise hat ja sein Vertreter die jüngsten Kompromisse paraphiert. Rätselhaft, wie dieser Schnörkel unter der Urkunde in Putins geostrategisches Kalkül passt. Doch immerhin scheint Putin eines zu haben. Kalkül nämlich. Nicht diese Sonntagsrede über eine mit der EU assoziierten Ukraine als Scharnier im eurasischen Gleichgewicht.

Insofern können wir zwar schwer beleidigt sein über das amerikanische „fuck Europe“, aber kaum überrascht.
Obwohl ... ? Einerseits stimmt der Satz, während er andererseits wieder zu hundert Prozent falsch ist. Denn beim Planen steht die EU den USA zwar um einiges nach, das ist nicht zu leugnen. Es war schon unter Zbig Brzezinski eine Platidüde, dass nach dem Fall des Eisernen Vorhangs NATO und EU den gedemütigten Sowjets immer näher auf die Pelle rücken würden. Das hatte ja auch seine Berechtigung, solange es um die Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts ging, und allenfalls noch um die baltischen Republiken. Aber die Intention war eine andere, tückischere: Es sollte zu keinem Ausgleich kommen zwischen West/Mitteleuropa und Russland. Mit immer noch einer Demütigung mehr für den Kreml sollte Rivalität geschürt werden und Unsicherheit, die eine Schiedsrichterrolle der USA unverzichtbar machen würde. Dunkel erinnert man sich, dass auch an der orangen Revolution US-Dienststellen und NGO‘s beteiligt waren. Also Pläne zuhauf, allenthalben, in Moskau und Washington. Nur das diplomatische Kleinklein der jetzigen Lösung, so labil sie sein mag, dieses Kleinklein blieb den Europäern überlassen, den Außenministern Polens, Frankreichs und Deutschlands. Nicht den großen Pläneschmieden also, sondern den missachteten Europäern. Man sieht: statt beleidigt zu sein, könnten wir ebenso gut still und genießerisch schmunzeln.

Womit aber kein Problem gelöst wäre, außer dem des gekränkten Narziss.

Die Ukraine ist ein tragisch gespaltener Staat. Drei Viertel Ukrainer, ein Viertel Russen. Alle gemeinsam wollen nicht länger korrupt regiert werden. Die drei Viertel zieht es wahrscheinlich ein bisschen heftiger gen Westen - in eine EU, für die sie wirtschaftlich nicht reif sind. Das eine Viertel, die Russen, suchen die Nähe zum großen Bruder. Wie soll man das lösen, ohne Krieg oder Auflösung des Staatsverbands? Und wohin das führt, haben wir auf dem Balkan zur Genüge erlebt.

Es gab mal einen Dimitrij Samjatin, Strategiepraefect der Gründer, dem hätte ich zugetraut, Ordnung zu schaffen im ukrainische Chaos. Aber diesen Samjatin hat Bucholtz geschasst. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Personalentscheidung mitverantwortlich ist für die bisher so glanzlose Regentschaft des princeps. Aber wer bin ich schon, scriptor scriptorum orbis, hier Kritik zu üben!

Köln, im April 2014

Sie hatten den Wettbewerb der Systeme verloren. Hoch und verdient. Auch, wenn das schlechte Gewissen die wenigsten von ihnen plagte - dafür war ihr Charakter einfach zu mies - so war es den Klügeren vielleicht doch peinlich, wie viel Brutalität wie wenig Erfolg bewirkt hatte. Aus dieser Peinlichkeit entstand die Frage: Was tun? Mit einem Winseln untergehen oder mit einem Knall? Auf das Imperium verzichten oder die ultimative Brutalität einsetzen?

Denn egal wie hoch sie verloren hatten, wie wenig Gestaltungsmacht ihnen verblieben war - ihre Zerstörungsmacht konnte den Planeten immer noch mehrfach vernichten. Nichts konnte sie hindern, ihre nach Freiheit dürstenden Völker unter Panzerketten zu zermalmen, wie es die Chinesen vorgemacht hatten. Nichts konnte sie hindern, die westlichen Sieger in die Schranken zu weisen durch Drohung oder sogar den begrenzten Einsatz von Atomwaffen. Ein Austausch von maximal zwei Interkontinentalraketen hätte die Machthülle gesichert, für lange Zeit. Der Warschauer Pakt bestünde noch heute. Er endete bei Eisenach. Und UdSSR bestünde unangefochten in ihren Grenzen von der Kamtschatka bis Königsberg. Pflichtgemäß würde alljährlich in Kiew ein Toast ausgebracht auf die Weisheit des Politbüros, das die Krim 1954 aus dem Verwaltungsverbund der RSFSR herausgelöst und der Ukrainischen SSR geschenkt hatte.
Heute wäre innerhalb dieser Grenzen alles entsetzlich marode - es hätte ja ein Vierteljahrhundert weiter ineffizient vor sich hin gerottet. Natürlich wäre nach siebzig Jahren Sowjetmenschentum und nach vierzig Jahren Vasallenstaaterei mittlerweile auch der nächsten Generation die Hoffnung geraubt und das Rückgrat gebrochen worden. Das wohl. Das wäre nahezu unvermeidlich gewesen. Der Ostblock wäre wahrscheinlich ein Gebilde halb Kuba, halb Nordkorea. Aber wer weiß. Vielleicht hätte massenmörderische Härte im rechten Moment den Westen auch zu ganz neuen, im Rückblick natürlich fiktiven, Formen der Zusammenarbeit veranlasst. Oder Deng Xiaoping hätte die Sowjetwirtschaft unter seine Fittiche genommen.

Wie auch immer. Der Verlierer opferte sich. Er verzichtete darauf, den Sieger mit ins Grab zu reißen. Die ultimative Brutalität fand nicht statt. Moskau gab klein bei. Ließ die Völker ziehen. Und hoffte, im Gegenzug, auf Hilfe oder zumindest Schonung.

Doch der erhoffte Marshallplan für die Länder der ehemaligen Sowjetunion blieb aus. Es gab - unter der Hand - das Versprechen, die NATO nicht auf die Länder des in Auflösung begriffenen Warschauer Pakts, zumindest aber nicht auf einstige Sowjetrepubliken auszudehnen. Das Versprechen wurde vom Sieger gebrochen.

Von Estland im Norden bis Rumänien im Süden ist seitdem das Militär des einstigen Systemfeinds an Moskau herangerückt. Fünfhundert bis tausend Kilometer strategische Tiefe hat Russland im Westen eingebüßt. Im Kaukasus fühlt sich das Land nicht minder bedrängt. Der kaum ausgeheilte Tschetschenienkrieg. Die Probleme um Georgien, Armenien und Aserbaidschan - in Baku wird eben kein russisches Öl mehr gefördert, in Tblissi gibt es einen US-Militärstützpunkt. Nein, man kann wirklich nicht sagen, dass die Entscheidung gegen einen brutalen Endkampf sich für Russland gelohnt hätte. Sie haben die Option des Machterhalts um jeden Preis geopfert. Und sind dafür erbarmungslos abgestraft worden. Die Furcht der ehemaligen Vasallen vor einem Rollback und das eiskalte geostrategische Kalkül Washingtons haben verhindert, dass dem einigermaßen fairen Verlierer ein großmütiger Sieger engegentrat. Die Russen müssen sich als Deppen der Geschichte vorkommen. Sie müssen sich fragen: Ginge es uns heute besser, hätten wir unser Vernichtungsmacht eingesetzt oder zumindest damit gedroht? Wir haben dem globalen Frieden doch schon genug Opfer gebracht - müssen wir nun noch mehr opfern?

Von der Politik des Westens in Ex-Jugoslawien, über die beiden Irakkriege bis zu Libyen und Syrien haben sie zugeschaut, wie der Westen das formale Völkerrecht immer wieder gebrochen hat. Mal mit gutem Grund, wie im Kosovo, mal aus purer Idiotie und mit fatalen Konsequenzen, wie im zweiten Irakkrieg. Mal nur so halb und halb, mit äußerst ungewissem Ausgang, wie in Libyen und Syrien. Russland hat protestiert, ohne jemals seine Vernichtungsmacht einzusetzen.

Aber hat irgendwer geglaubt, Moskau würde das Hinterland seines Flottenstützpunkts Sewastopol demnächst aus Brüssel verwalten lassen? Oder auf irgendeinen Korridor nach Transnistrien verzichten? Oder auch noch in Kiew eine US-Basis dulden? Aus Achtung vor dem Völkerrecht, das ihm nun vorgehalten wird von jenen, die es selbst unentwegt brechen?

Das alles spricht nicht gegen den berechtigten Wunsch vieler Ukrainer nach Sicherheit vor der russischen Dominanz, nach Freiheit und Chancen. Es spricht vor allem nicht für das brutale, korrupte und bigotte System Putin. Es illustriert nur die Tatsache, dass Staaten nach wie vor die kältesten aller Ungeheuer sind. Und Ungeheuer drängt man besser nicht in die Ecke, jedenfalls nicht, solange sie noch alle ihre Zähne haben.

Hoffen wir auf die Beziehungen der Dreiunddreißig zum Orakelrat!

Köln, im Mai 2014

Auch das muss mal gesagt werden: Diesmal ist die vorauseilende Selbstironie Czartoryskis in agrippas mund, ist der Sarkasmus des Mannes, der sich anschickt, zum Sterben nach Loyang zu reisen, überwältigend. Und das erscheint ausgerechnet in der Woche, in der sein alter polnischer Kumpel Johannes Paul II. heilig gesprochen wird!

Also was jetzt? Brauchen wir bei Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Wahl um Europäischen Parlament eher Champagner oder Magenbitter? Nach dem obskuren Referendum in der Ost-Ukraine brauchen wir sowieso den Notarzt. Ob bis dahin die Geiseln wieder frei sind? Ob Herr Putin dort überhaupt noch was unter Kontrolle hat - und wenn ja: beherrscht er die hohe Kunst, Zahnpasta wieder in die Tube zurück zu pressen? Wie auch immer, durch diesen äußerste spannenden Mai hallt der Ruf: Santo subito für ABC!!

Köln, im Juni 2014

In Europa herrscht Demokratie - die am wenigsten üble aller üblen Regierungsformen, wie die Wahl zum EU-Parlament erneut beweist. Übel sind die erstarkten Ränder trotzdem!
In der Ostukraine herrscht Bürgerkrieg - die grausamste Form des Krieges schlechthin, während in den Gaspipelines demnächst Leere herrscht.
In der Normandie herrscht Nostalgie - von Utah- über Omaha-, Gold-, Juno- bis Sword Beach. Darob herrscht Obama die Merkel an. Und Putin herrscht über das Volk, das vor allen anderen Völkern den Hitlerfaschismus besiegt hat.
In meinen überaus seltenen Gesprächen mit Richard Lank herrscht das verbale Ausweichmanöver. Wenn nicht gar trotziges Schweigen.
Und ausgerechnet in diese Abwesenheit jeder zielgerichteten Kommunikation hinein signalisiert princeps Bucholtz, die Publikation von Zett liege auf Wiedervorlage und werde prinzipiell wohlwollend neu diskutiert. Wie bitte? Etwa, weil in der Türkei und in der Kölner Lanxess-Arena Herr Erdogan herrscht, wohingegen General Musharraf milden Andenkens bekanntlich Mustafa Kemal Pascha verehrt?

O signa! O miracula! Oder auch:

Köln, im Juli 2014

Ja, ist es denn die Möglichkeit? Noch kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs läuft 1914 ein britischer Flottenverband zum Freundschaftsbesuch in Kiel ein. Man feiert die unlängst erfolgte deutsch-britische Verständigung über die Bagdad-Bahn. Heute rollt ISIS auf Bagdad zu, um dort ein neues Kalifat zu errichten - in der weiland Residenz Harun Al Raschids. Der wiederum schenkt seinem majestätischen Bruder Carolus Magnus - dessen zwölfhundertstes Todesjahr Aachen soeben museal begeht - eine Wasseruhr. Ein früher Zeitzünder?

Tatsächlich wird noch Mitte 1914 in Whitehall eine britisch-deutsche Allianz diskutiert, während der Giftzwerg Poincaré schon zum Zaren reist, um die zweite Front gegen Deutschland aufzubauen. Dies einerseits. Zum anderen weiß man heute, dass Poincaré versucht, die Russen von jedem raschen Schritt in Richtung Krieg abzuhalten, weil Frankreich noch nicht annähernd kriegsfähig ist. Deutsche und Franzosen, zwei Sprosse aus karolingischem Boden. Damals Erbfeinde. Heute stelle man sich nur mal auf den Quai d‘Orsay und rufe laut das Wort „Austeritätspolitik“! Damit punktet man sogar bei Herrn Cameron besser, selbst wenn der nun Juncker als Kommissionspräsidenten schlucken muss. Mal sehen, ob er russische Oligarchen aus London ausweist und ihr Vermögen einfriert, der Ostukraine wegen, während in Syrien Russland dringend gebraucht wird, zum Beispiel bei der endgültigen Vernichtung von Assads Giftgasvorräten. In der Ukraine scheint Herr Putin halb und halb bemüht, die Zahnpasta wieder in die Tube zurück zu quetschen. Übrigens: wird eigentlich der Besitz einer Tube Colgate in ISIS-Land mit dem Herausbrechen aller Zähne bestraft?

Aus Londons Warte ist Deutschland 1914 nach wie vor der ideale Festlandsdegen, wie zuvor Preußen, kann es doch nirgends dem Empire kolonial gefährlich werden. Na schön, Tirpitz‘ Flottenaufrüstung nervt ein bisschen, doch Frankreichs Besitzungen in Hinterindien stellen eine Bedrohung ganz anderen Kalibers dar, zu schweigen von Russlands ewigem Drang zum Indischen Ozean. Das Große Spiel geht weiter. Afghanistan zerlegt sich gerade wieder einmal selbst.

Der Kalif sitzt damals übrigens längst nicht mehr in Bagdad, sondern in Stambul, ist in Personalunion türkischer Sultan und heißt Muhammad V.. Ein ziemlich unfähiger Nachfolger Haruns von ehedem. Wasseruhren verschenkt er meines Wissens schon gar nicht, obwohl er sich mit Deutschlands Kaiser, einem der Rechtsnachfolger Karls des Großen, gut versteht, siehe Bagdadbahn. Was alles ihm jedoch nichts nützt, denn mit Sultanat und Kalifat nimmt es wenige Jahre später ein böses Ende. Das böse Ende heißt zuerst Kemalismus und heute Tayip Erdogan.

ISIS jedoch will ein neues Kalifat, was Erdogan, bei aller Unterstützung der syrischen Rebellen, ja auch wieder nicht recht sein kann. Ich bin gespannt, was er sich gegen diesen neuen Nachbarn einfallen lässt. Einen Dreh an der Wasseruhr vielleicht?
Ein Kalifat - sonst wollen sie recht wenig, nur unheimlich viele Dinge wollen sie nicht. Das ist ja auch bequemer als der konstruktive Ansatz. Die glauben halt, es sei damit getan, Köpfe abzuschneiden und auf Spießen vor die Stadt zu stellen, um Grenzen abzustecken. In den Köpfen ihrer Gegner und im territorialen Sinn.

Wohlgemerkt, eine neue Grenze, denn die alten, 1916 mitten im Ersten Weltkrieg von Sykes und Picot verhandelten Nahost-Grenzen sind mittlerweile obsolet. Zwischen dem Libanon und den alewitischen und christlichen Teilen Syriens werden sie immer durchlässiger ebenso wie zwischen Syrien und dem Irak. Oder dem schiitischen Teil des Irak und dem Nachbarn Iran. Die Saat der US-Invasion von 2003 geht nun endgültig auf.  Am 19.04.2004 publiziert Jules Victor Polignac, praefectus horrei in der Rubrik Nota Agrippae unter dem Titel Die Gründer und der Nahe Osten:

„Verstieße es gegen Menschenrechte, prowestliche Regimes zu installieren, wo heute korruptes Gesindel regiert, unter dem Damoklesschwert islamistischer Opposition? Das wäre für den Ölfluss besser, für die Menschen Arabiens allemal, für den Weltfrieden und ganz gewiss für Israel. Nur - der Plan ist zwar schön, aber er geht nicht auf, denn die Menschen im Irak haben ihren eigenen Willen. Zum Schluss, wenn Amerika abrückt, bleibt bestenfalls ein schiitisch dominiertes islamisches Land, das seine hilflose Wut auf Amerika an Israel abreagiert. Oder der Irak zerfällt: Der kurdische Norden zerreißt die Türkei. Die sunnitische Mitte lässt sich den Alltagsterror von den saudischen Wahabiten sponsern. Und der schiitische Süden überlegt, ob er iranisch werden will - oder lieber den eigenen Gottesstaat aufmacht.“

Auch schon wieder zehn Jahre her. Genau darauf scheint es nun hinauszulaufen. Wobei die Wenigsten wissen, dass das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 nicht nur Englands und Frankreichs Anteile an der Konkursmasse des Osmanischen Reiches festschreibt, sondern auch Russlands. Das Zarentum soll die armenischen Provinzen Erzurum, Trabzon, Van und Bitlis bekommen, zudem etwas kurdisches Land südöstlich. Woraus nur deshalb nichts wird, weil im Zarenreich der Kommunismus ausbricht und gut siebzig Jahre dauert. Dann kommen Gorbatschow und Jelzin und jetzt Putin. Traut man diesem Ex-KGBler wohl zu, dass er nachts verkleidet durch die Gassen streift, um Volkes Stimme zu belauschen, wie Harun Al Raschid? Wenn ja, dürfte sein Henker ihn begleiten. Sein Hofpoet eher nicht. Der besingt gerade die Rückeroberung der Krim, die Sammlung russischer Erde und das Groß-Slawentum von Moskau über Bulgariens Banken bis zu Serbiens geheiligter Grenze.

Wie der Krieg beginnt? Der Serbe Princip, dieser Tage in Sarajewo mit martialischen Reden und Pistolenschüssen gefeiert, erschießt Franz Ferdinand, unterstützt vom serbischen Geheimdienst und trotz aller verklausulierten Warnungen des serbischen Ministerpräsidenten an Wien. Eine Woche später erneuert Deutschland seine Versicherung, an Österreich-Ungarns Seite zu stehen, falls die Donaumonarchie einen Präventivkrieg gegen Serbien starten sollte. Anschließend begibt sich der deutsche Kaiser auf seine jährliche Kreuzfahrt Richtung Nordkap. Vielleicht der folgenschwerste Urlaub aller Zeiten.

Die Österreicher entwerfen ein unakzeptables Ultimatum an Serbien. Sie stellen es allerdings erst zu, nachdem Präsident Poincaré seinen Staatsbesuch in Petersburg beendet hat, damit die französisch-russischen Alliierten sich nicht sofort persönlich auf Gegenmaßnahmen verständigen. Mit Bekanntwerden des Ultimatums am 24. Juli erklärt Russland, Österreich-Ungarn dürfe Serbien nicht in dieser Weise bedrängen. Trotzdem stimmt Serbien dem Ultimatum schließlich zu, bis auf zwei Punkte: Es lehnt ab, eine Anzahl unbenannter serbischer Beamter auf bloßen Wunsch Österreichs hin zu entlassen. Und es lehnt ab, österreichische Beamte am Vorgehen gegen anti-österreichische Organisationen auf serbischem Boden zu beteiligen. Österreich-Ungarn beginnt daraufhin mit der Teilmobilisierung seiner Streitkräfte. Von seiner Kreuzfahrt heimgekehrt, lässt Kaiser Wilhelm den Österreichern mitteilen, die serbische Reaktion auf das Ultimatum stelle keinen Kriegsgrund mehr dar. Während seiner kaiserlichen Abwesenheit hat das deutsche Auswärtige Amt die Wiener allerdings kontinuierlich ermuntert, Serbien den Krieg zu erklären, was am 28. Juli tatsächlich geschieht. Österreich-Ungarn beginnt das Bombardement Belgrads. Am 29. Juli ordnet Russland die Teilmobilmachung gegen Österreich-Ungarn an. Am 30. Juli antwortet Österreich-Ungarn mit einer Teilmobilmachung gegen Russland. Russland antwortet mit der Generalmobilmachung. Noch immer hofft Deutschland, trotz aller Warnungen aus London, der Krieg lasse sich auf den Balkan begrenzen. Am 31. Juli stellt Deutschland Russland ein vierundzwanzigstündiges Ultimatum mit der Forderung, seine Mobilmachung zu stoppen. An Frankreich geht ein achtzehnstündiges Ultimatum mit der Forderung, im Falle eines deutsch-russischen Krieges Neutralität zu bewahren. Russland wie Frankreich ignorieren Deutschlands Forderungen. Am 1. August verkündet Deutschland die Generalmobilmachung. Am 2. August dringen deutsche Truppen nach Luxemburg ein und fordern vom neutralen Belgien freien Durchmarsch. Der Schlieffen-Plan tritt in Kraft. Am 3. August erklärt Deutschland Frankreich den Krieg. In der folgenden Nacht stoßen deutsche Truppen nach Belgien vor und rufen erst damit Großbritannien auf den Plan. Es genügt ja nicht, einen Zweifrontenkrief zu führen, nein Deutschland muss sich auch noch die Seemächte zum Freind machen! Die Briten haben nämlich bislang keine Absicht, für Russland oder Frankreich zu kämpfen. Aber dem Königreich Belgien haben sie Schutz versprochen. Also erklärt am 4. August Großbritannien Deutschland den Krieg. Es folgen die gegenseitigen Kriegserklärungen, die noch fehlen. Und am 5. September wird der Vertrag von London geschlossen. Erst jetzt sind Frankreich, Russland und Großbritannien wirklich Alliierte. Bis in die Senfgasschwaden des Stellungskrieges hinein.

Und was hört Harun al Raschid so des nachts, wenn er mit Henker und Hofpoet durch die Gassen streift? Der Erdogan will den Assad loswerden und Syrien
zum Satellitenstaat machen. Und weil das nicht so läuft, wie er es sich vorstellt, will er die Amerikaner tiefer in den Syrien-Krieg verwickeln. Verwickelt sind die schon genug über die Rattenlinie (nicht zu verwechseln mit der Bagdad-Bahn), die durch die Türkei Kämpfer und Material in Richtung syrischer Rebellen schleust. Federführend dabei ist das amerikanische Konsulat in Bengasi, aus dem die CIA den Transfer libyischer Waffen an die Assad-Gegner organisiert. Kein Wunder, dass es dort zu einem Anschlag kommt!
Aber die rat-line, so flüstert es, genügt Erdogan nicht. Weil Assad anders offenbar nicht beizukommen ist, spielt Erdogan nun mit Obamas red-line. Ein Giftgasangriff Assads auf seine Gegner müsste Amerika doch massiv in den Syrienkrieg hineinziehen, oder? Pech nur, dass Assad so dumm nicht ist, diesen Angriff zu liefern. Also beschließt Erdogan, diesen Angriff, wie sagt man so schön - zu türken. Schon ganz schnell nach dem Angriff wissen russische und britische Geheimdienste, dass die sichergestellten Giftproben definitiv nichts mit Assads Sarin-Beständen zu tun haben. Der rauchende Colt befindet sich vielmehr in den Händen des türkischen Nachrichtendienstes MIT und der paramilitärischen türkischen Jandarma, die die syrischen Rebellen für chemische Kriegsführung ausrüsten und trainieren. Folgerichtig lässt sich Obama von den Türken nicht über seine rote Linie stoßen, sondern flüchtet sich in den verzweifelten Winkelzug, zum Syrienkrieg erst mal den Kongress zu befragen. Nicht, dass mich meine Auftraggeber über die Zusammenhänge unterrichtet hätten! Nein - die lassen mich dumm gegen Assad wettern und über Sarin faseln. Harun Al Raschid heißt in diesem Fall Seymour M. Hersh und hat wieder einmal grandios recherchiert.

Was hört Harun Al Raschid sonst noch? Die Russen sind im nationalistischen Taumel, den Putin hoffentlich irgendwie wieder einfangen kann.
Teheran braucht gar nicht weiter Atombomben zu basteln, um zur regionalen Vormacht aufzusteigen.
Die Kurden hoffen, endlich ihren eigenen Staat zu bekommen.
Großbritannien driftet ab.
Die schwarzvermummten ISIS-Kämpfer fressen sich im Restaurant pappsatt, nachdem sie der Bevölkerung erst mal das Wasser abgestellt haben.
Frankreich und Italien einigen sich darauf, dass Deutschland mit ihnen solidarisch sein soll.
So jemand wie Robert Kagan ist plötzlich wieder intellektuell satisfaktionsfähig.
Auf Nato-Fluren wird bedeutungsvoll getuschelt.
Karl der Große rotiert im Grab. Nicht, weil die Wasseruhr kaputt ist. Nicht aus Trauer um den alten Kumpel Harun, der als Kalif so toll nun auch wieder nicht war, oder aus Ekel vor dessen präsumtivem Nachfolger aus den Reihen der ISIS. Auch nicht, weil die eigenen Rechtsnachfolger, ob Ludwig der Fromme oder Wilhelm II., ob Poincaré oder Angela Merkel, ob Francois Hollande oder Karl der Kahle - weil sie allesamt ziemliche Luschen sind. Nein, Karl rotiert nicht, weil die Welt ist, wie sie ist. Er rotiert, weil die Gründer zwar präzise prognostizieren und korrekt bilanzieren, aber nicht ... handeln.

Mal sehen, wenn alles kommt, wie's kommen muss und in tausendzweihundert Jahren entsteht ein neues Rolandslied und eine neue Scheherazade erzählt neue Märchen aus Tausendundeiner Nacht, in denen ein neues Kalifat vorkommt. Was das dann wohl für Märchen sind und Lieder? Nur zwei Dinge sind jetzt schon sicher: Karl der Große wird sie nicht lesen - denn Tote lesen nicht. Und Scheherazade wird ganz bestimmt wieder um ihr Leben erzählen.


Köln, im August 2014

Vor hundert Jahren walzten die Heere gerade auf Tannenberg und auf die Marne zu.

Heute macht sich Fürst Ebola auf Inspektionsreise rund um den Globus.

Währenddessen hat ISIS die Stadt Mossul, einst das orientalische Rom, von Christen nahezu entvölkert. Frankreich beruft sich auf Karl den Großen aus Aachen, so wie Russland sich auf die Kiewer Rus. Herr Putin erbringt den Beweis, dass Menschen - anders als Schnapsflaschen - in Stücke gehen, wenn man sie aus dem Himmel schießt. Hamas wühlt von unten und schickt von oben Raketen. Israel wehrt sich mit wachsender Feuerkraft und schwindender Verhältnismäßigkeit. 

Agrippas mund träumt mir in dieser Ausgabe ein bisschen viel.

Köln, im Oktober 2014

Da war wohl jemand schlafen.

In einer Art von fränkischem Abgesang endete vor rund vier Wochen die große Karls-Ausstellung in Aachen, dieweil unter unserem Hotelfenster ein freundlicher Migrant dem anderen versicherte: “Bruder, ich geh jetzt Allah suchen!” Karl Bucholtz schickte noch in verzweifelter Eile eine Schwarze Hand aus seiner Leibwache, um den jungen Burschen abzuhalten von seinem wahnwitzigen Unterfangen. Aber bevor der Mann ums Gebäude herum war, war der angehende Dschihadist bereits verschwunden.
Was er wohl findet außer Sand und Blut? Naja, gut, ein paar abgeschlagene Köpfe werden die triste Szenerie schon auflockern, sodass er seinen Enkeln dermaleinst was zu erzählen hat. Unser Land wird ihn schon in das passende Wiedereingliederungsprogramm stecken, so er denn lebendig heimkehrt.

Was ist eigentlich von einem Europa zu halten, in dem Hollande neben Gauck und Napolitano die Schirmherrschaft über eine solche Ausstellung übernimmt - und dann sieht sich die Französische Republik außer Stande, das Original der Metzer Reiterstatuette als Leihgabe rauszurücken? Da fällt es kaum noch ins Gewicht, dass die Weltliche Schatzkammer in Wien nicht das Original der Reichskrone rausgerückt hat, denn die hatte mit Karl dem Großen nun wirklich rein gar nichts zu tun, obwohl der durchaus seriöse Herr Dürer die Beiden erstmals ins selbe Bild packte.

Es ist dasselbe Europa, in dem Deutschland den Kurden Waffen liefern will, und die Transall können nicht abheben, weil die Briten schlechte Ersatzteile geliefert haben. Dafür findet derzeit in London die große Deutschland-Ausstellung statt. Auch eine Art Kompensationsgeschäft.
Vierteljahrhundert Mauerfall. Ich weiß noch gut, wie ich Heine las, Deutschland, ein Wintermärchen, während auf der Tribüne Brandt und Kohl das Deutschlandlied anstimmten, und zehn Meter vor ihnen die Reichskriegsflagge wehte, ohne dass die Sicherheitsleute einschritten.

Nur Monica, Karl, Zett, ich und ein paar Wachen. Wir sind tatsächlich so weit wie möglich dem alten Krönungsweg von Köln nach Aachen gefolgt. Auf dem Rad. Während Peeters in Venedig die Geschäfte führte. Und das mit Ukraine, IS und Ebola im Nacken, mal ganz zu schweigen vom Status des hirnrissigen Freihandelsabkommens mit den USA und der neu aufgeflammten Besorgnis um den Euro. Bucholtz nannte das eine verdiente Auszeit. Ich glaube, so was nennt man besser Amtsmüdigkeit.
Nein, falsch, ich habe ja noch Lank vergessen, aber der konnte selbstverständlich nicht radeln, sondern war von seinem speziell ausgebauten Mercedes-Kombi schon jedes Mal zum Zwischenstopp gebracht worden, wenn wir dort eintrafen. So ausgeruht, lief er dann in der Domschatzkammer zur Hochform auf. Ich führte die Herrschaften gerade zu einer genealogischen Tabelle der Karolinger, und musste, weil da etliche Leute um mich herum standen, ein bisschen lauter reden. Als ich auf Karls Großvater hinwies, der in der mittelalterlichen Handschrift als ‘Carolus bellicosus’ bezeichnet wurde, meinte ein älterer Herr, Typ Studienrat in Sandalen: “Die Diskretion dieses Menschen ist genauso gering wie seine Glaubwürdigkeit.”
Daraufhin hatte Lanks Rollstuhl an der schwarzen Steintreppe einen kleinen Defekt, und der Grauschopf purzelte mehrere Stufen, ehe er sich wieder fing. Nun ist es ja politisch unkorrekt, einen Behinderten zu beschimpfen, und Lank war auch sehr wortgewaltig bei seiner Entschuldigung. Unseren Spaß hatten wir trotzdem, wann immer in der nächsten Stunde die Sandalen an uns vorbei humpelten. Man sieht: eine durch und durch asoziale Veranstaltung!

Ein Interview gab Karl mir nicht. Immerhin gab er zu, im Augenblick recht froh zu sein, dass ABC den EU-Beitritt der Türkei verzögert habe. Und damit enden eigentlich auch schon die Querverbindungen zwischen editorial und agrippas mund. Denn mag auch der Bucholtz aus agrippas mund den Bucholtz aus meiner einstigen Parallelklasse meinen - seine Monica heißt Ricasoli und stammt aus der Toskana, mitnichten aus dem Baskenland. Was mich noch ganz kurz auf Karls Baskische Mark bringt und die Geschichte mit seinem Paladin, dem rasenden Roland. Bremen - na gut! Aber warum - so fragte Zett - hat man ihm in Dubrovnik ein Denkmal gesetzt. Er hat - ich meine jetzt Zett - wohl mal geholfen, die Statue auf dem Stradun mit Brettern zu vernageln, bevor die Serben angriffen.

Müsste man mal nachschlagen. Aber für wen eigentlich? Vielleicht für den allgemeinen deutschen Gutmenschen, der im Aachener Oktogon schwafelt, die Mosaiken seien maurischer Architektur im muslimisch besetzten Spanien nachempfunden? Nö. Keine Lust.

Ich leg mich dann mal wieder hin.

Köln, im November 2014

Da lesen wir also nun in agrippas mund von Agrarflözen, lernen den guten alten ABC als Falschspieler kennen, und einen Menschen namens Hockenbrannt, der ebenso gut Bucholtz heißen könnte als Opfer. Am elften im Elften 1914 erklärt Sutan Mehmed V. den Dschihad gegen die Alliierten - aber Dschihad meint heute selbstverständlich nur noch engagiertes religiöses Bemühen. Der Libanon schafft es kaum noch, seine Grenzen halbwegs gegen die syrischen Zustände abzuschirmen. In der türkischen Flagge wird demnächst der Halbmond gegen ein Fernglas ausgetauscht.
Die Ostukraine wählt auf dem Gemüsemarkt. Auch so schließen sich Kreise.

Köln, im Dezember 2014

Da haben sich die Richtigen getroffen: Ein Papst Franziskus, der mit dem Islamischen Staat ins Gespräch kommen will und ein Präsident Erdogan, der schwadroniert, Muslime hätten auf Kuba schon Moscheen gebaut, bevor Kolumbus überhaupt losgesegelt sei.

Welcher Kabarettist hätte sich so eine Nummer getraut?

Während sie im Irak und in Syrien inzwischen richtig Zunder kriegen, breitet sich IS nach Pakistan, Afghanistan, in den Jemen, den ägyptischen Sinai, nach Algerien und in Libyen aus. Dort ist das Küstetädtchen Derna komplett unter Kontrolle der Bande geraten. Die ersten Geköpften. Die ersten Ausgepeitschten. So berichtet jedenfalls Human Rights Watch. Nun müssen wir uns wohl ganz neu Gedanken machen über Siziliens vorgelagerte Inseln und Malta. Wie lange geht es an diesen EU-Außengrenzen noch um humane Flüchtlingspolitik? Wie bald geht es dort wieder um die Abwehr islamistischer Expansion?
Malta hat diesbezüglich ja schon einiges gesehen. Als am 23. Juni 1565 der letzte türkische Großangriff auf Fort St. Elmo erfolgte, lebten von den ursprünglich 1500 Verteidigern nur noch neun Ordensritter. Und diese Neun ließ Mustafa Pascha enthaupten - ihre Leichen kreuzigen. Man sieht, IS pflegt alte Traditionen.
Und traditionsbewusst sollen sie meinethalben ins Paradies eingehen. Zum Schluss lebten auf Malta zwar nur noch sechshundert Verteidiger - wer sich jedoch am 12. September 1565 geschlagen von Malta zurückziehen musste, war die gewaltige türkische Invasionsarmee. Sechs Jahre später dann ging die Flotte des Großherrn bei Lepanto zu den Fischen, womit sich sämtliche türkische Ambitionen im westlichen Mittelmeer ein für allemal erledigt hatten.

Bleibt zu fragen, wie lange wir uns eigentlich noch Sorgen machen über die iranische Atombombe, während IS sich anschickt, die Tür zur pakistanischen Bombe zu knacken.

Und bleibt zu fragen, wie lange Herr Putin sich seine schwachsinnige Politik in der Ukraine noch erlauben kann, bevor IS auf russischem Boden aktiv wird.
Wenn wir uns analog zur Belagerung von Malta Gedanken machen müssen über die Belagerungen des estnischen Narwa, dann - und erst dann! - besteht für uns wirklich Anlass zur Sorge.

Für uns Luxus-Europäer. Geköpfte und Ausgepeitschte in weniger glücklichen Weltgegenden sehen das womöglich anders.

Köln, im Januar und Februar 2015

Nur mal versuchsweise: Ein gutes neues Jahr ... !?Klingt schief, nicht wahr? Von Charlie Hebdo über Pegida, von der Ukraine über Griechenlands Wahlen, von den Lebensmittelpreisen in russischen Supermärkten über den fallenden Ölpreis, vom Thronwechsel in Saudi-Arabien über die ungewohnte Feigheit der New York Times ... alles Rutschbahnen. Alles schief, von oben nach unten. Und unten sitzen wir, der alte, müde Westen.

Insofern klingt auch der Anfang von agrippas mund diesmal schrecklich schief, wo es um ein eurozentrisches Weltbild geht. Da wird auf Ereignisse und Zustände in einem fiktiven Jahr 1989 angespielt, alles längst obsolet - und trotzdem mutet man uns zu, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Wird deshalb jetzt das Rote Telefon aus dem Kalten Krieg reaktiviert?

Wenn den Herrschaften in ihrem versinkenden Lagunen-Hauptquartier nicht bald was einfällt, könnten wir uns bis Ende des Jahres nach dem Schiefen zurücksehnen. Möglich, dass wir bis dahin den Unterschied zwischen fünfundvierzig Grad und neunzig Grad kennengelernt haben.

Andererseits höre ich immer lauter munkeln, das Große Archiv in Venedig solle abgebaut werden.  Sie streben eine vernetzte Kommandostruktur an: Vielleicht noch ein Rest in der Lagune, aber viel in Prag und vor allem in Köln. Hier könnte dann die Residenz des princeps liegen. Womit er unter das sogenannte Kölsche Grundgesetz fiele: "Et hätt noch emmer joot jejange." Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Köln, im März 2015

... hält der Herausgeber eine Meditation über Landkarten ab:

Die Kreml-Karte mit sowjetrot gedruckten Grenzen reicht nach der Einnahme Debalzewes durch prorussische Separatisten von Mariupol über die gesamte neurussische Schwarzmeerküste bis Transnistrien. Westlich davon skizziert sie halbkoloniale Aussprengsel in den serbisch-montenegrinisch besiedelten Gebieten Ex-Jugoslawiens, will sagen überall dort, wo das orthodoxe Christentum dominiert. Man erkennt eine mächtige finanzielle Achse bis Griechenland und Zypern, das praktischerweise dem 720. Stützpunkt für materiell-technische Sicherstellung für Schiffe der Russischen Seekriegsflotte exakt gegenüberliegt, vulgo der kleinen russischen Marinebasis im syrischen Tartus - ein Grund, weshalb Moskau immer noch Assad unterstützt. Ein fetter roter Pfeil deutet auf die Hintermänner der Ermordung Boris Nemzows, ein unscharfes Foto, dessen Motiv ebenso gut den rechtsradikalen Motorradrocker meinen könnte wie den rechtsradikalen Zeitungsherausgeber mit Vergangenheit im KGB oder gar Putins tschetschenischen Statthalter Kadirow. Daneben steht ein dickes Fragezeichen als Ersatz für die Auskunft, ob Wladimir Putin die Geister noch beherrscht, die gerufen hat. Ebenfalls sowjetrot, doch fein gestrichelt, führen auf dieser Karte ein paar Linien zu extremen Parteien Mittel- und Westeuropas, also etwa zum ekligen Regime Ungarns oder zum Front National in Frankreich. Das Brüsseler Narrativ zu diesen Linien geht ungefähr so: Putins Russland nutzt jede Chance, die Europäische Union zu spalten - in sich selbst und vom transatlantischen Bündnispartner ab. Meine Auftraggeber haben jedoch Grund, diesem Narrativ der Gutmenschen eine realpolitische Erzählung entgegenzusetzen: Moskau will in Westeuropa Kräfte stärken, die sich der islamistischen Bedrohung entschiedener entgegen stellen, als es die Kräfte des traditionellen freiheitlich demokratischen Parteienspektrums bisher tun. Dabei ist es Moskau egal, dass diese Politik zu Lasten von Menschenrechten geht, zu Lasten von individuellen und kollektiven Freiheiten, zu Lasten unserer hochentwickelten Zivilgesellschaften, die aus Sicht des Kreml einerseits erfreulich wehrlos dastehen gegenüber russischer Machtpolitik, andererseits viel größerer Wehrhaftigkeit bedürften, um als Verbündete gegen den Islamismus überhaupt infrage zu kommen. Man kann dieses Kalkül widerwärtig finden. Es zu ignorieren, wäre dumm.  

Die Karte des selbsternannten IS ist so wenig Territorium wie irgendeine andere Landkarte. Trotzdem begreifen die Halsabschneider recht gut, dass sie am oberen Ende des abschüssigen Strandes laufen müssen, um größer zu erscheinen als die Opfer, die sie bald köpfen. Unter ihren Stiefeln jedenfalls reicht die Karte von den Nordgrenzen des Emirats Al Andalus in einem weiten, nur Mitteleuropa aussparenden, Halbmond bis zum Goldenen Apfel. Lehrt uns das Staunen? In Saudi-Arabien flennen die Tausend-Hiebe-Scheichs immer noch bittere Tränen, weil die Spanier es gewagt haben, ihre Freiheit einem herrschsüchtigen Islam abzutrotzen, der sie zuvor geknechtet hatte. Dabei war er doch angeblich so tolerant und friedfertig, dieser Islam. Und in der Tat, er übte eine Toleranz, die sich aus imperialer Selbstdarstellung, raffiniertem Steuerrecht und brutalster Gewalt zusammensetzte. Blöd nur, dass die undankbaren Spanier ein Problem mit den tausend Stockhieben hatten und sich wehrten. Reconquista nennt man diesen Prozess. Dabei floss Blut, unter anderem das Blut entsetzlich vieler Juden. Dabei entstand auch das Menschheitsgräuel der spanischen Inquisition. Das alles lehrt man an deutschen Schulen. Nur das anfängliche, das ursächliche Blutvergießen der muslimischen Eroberer wird selten erwähnt. Nach dieser Logik lebt verkehrt, wer sich wehrt. Und wer andere gewaltsam unterjocht, dem wird verziehen. Sollen die Christen sich halt dem Schwert des Islam unterwerfen! Lest Michel Houellebecqs jüngsten Roman!
Soviel zur selbstmörderischen Logik der Gutmenschen! Man kann übrigens in jeder Causa sehr schlüssig und logisch argumentieren, wenn man zuvor alle lästigen Fakten getilgt hat. Kein Wunder, dass Putin unseren zivilgesellschaftlichen Westen im jetzigen Zustand als bündnisunfähig betrachtet!
Im Westen also will IS Spanien für den sunnitischen Islam zurück . Im Osten den Goldenen Apfel. So nannten Muslime Konstantinopel, bis die Landmauern erobert waren und die tränenden Säulen in die Gosse gekippt. Später erwählte der bekanntermaßen sehr friedfertige Islam die Kaiserstadt Wien zum neuen Goldenen Apfel. Und auch da sind sie noch heute beleidigt, weil Wien sich eben nicht unterwarf, sondern ihnen zweimal eine blutige Nase verpasste. Zuletzt 1683 mithilfe des polnischen Königs Johann III. Sobieski. Das sollten EU und NATO im Hinterkopf behalten, wenn Polen seine Sicherheit heute wieder einmal durch Russland bedroht sieht.
Die asiatischen Expansionsgelüste des IS sparen wir uns jetzt erst mal. Ohnehin scheint es ja so, dass dieses territoriale Krebsgeschwür dank einer Koalition von Kurden, schiitischen, christlichen, und jesidischen Arabern mit dem Iran, den USA, den Saudis, den Jordaniern und mittlerweile sogar den Irakis momentan eher schrumpft als wächst.
In Afrika jedoch will das Möchtegern-Kalifat, ausgehend vom zerfallenden Libyen und den unkontrollierbaren Wüstenregionen Südalgeriens, den Tschad, Niger und auch Mali unterwerfen. Schon wieder ist Timbuktu mit seinen heiligen Schriften bedroht, ganz zu schweigen von den Opfern Boko Harams im benachbarten Nigeria! Logisch, dass beide Mörderbanden fusionieren!
Aus dieser Gemengelage heraus droht nun IS, fünfhunderttausend afrikanische Flüchtlinge in Boote zu pferchen und sie über das Mittelmeer Richtung Malta und Italien zu jagen. Ausdrücklich mit der Ergänzung, unter den Fünfhunderttausend versteckt werde eine erkleckliche Zahl IS-Schläfer auf das europäische Festland geschmuggelt. Ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob die EU sich mit Putin gegen diese Bedrohung verbünden sollte. Doch genauso unsicher bin ich, ob die EU einer solchen Bedrohung gewachsen ist. Wie meine Auftraggeber ihren Raum von Lissabon bis Wladiwostok zusammen halten wollen, wie sie der merkwürdigen Abkapselung des Orakelrats in Loyang begegnen - ich vermag es nicht zu sagen.

Die Landkarte der EU ist bescheiden. Man überlegt sich, was man sich schon vor fünfundzwanzig Jahren hätte überlegen sollen: Wie dicht rücken wir Russland auf die Pelle, ohne dass Russland sich bedroht fühlt. Wie weit lassen wir uns dabei von Amerika vorwärts schubsen in Positionen, die wir eigentlich gar nicht beziehen wollen? Wo verlaufen Energietrassen? Wie lange halten die Vorräte? Wo können wir notfalls Russland treffen? Wie und um welchen Preis halten wir Griechenland in der Eurozone - ein Griechenland das seinerseits mit Flüchtlingsschüben und IS-Schläfern droht? Wie wehrhaft müssen wir sein, nach innen wie außen, um der islamistischen Bedrohung zu begegnen? Wie begegnen wir den immer zahlreicheren zentrifugalen Kräften in der Union, den klagenden Schuldenmachern, den erfolglosen Austeritätspolitikern und den Populisten von links wie rechts?

Seit Zbig Brzezinski ist Amerikas Landkarte überschaubar. Wer den Eurasischen Kontinent beherrscht, beherrscht die Welt - oder ist zumindest eine ganz große Nummer, egal, was sonst wo passiert. Die Ukraine ist ein Dreh- und Angelpunkt dieses gewaltigen Raumes. Also?
Wer die EU und Russland entfremdet, bindet die EU an den unverzichtbaren, weil sehr viel mächtigeren transatlantischen Partner in der NATO. Also?
Die Ukraine zählt zu den Kornkammern einer hungrigen Welt. Das ideale Operationsgebiet für Konzerne wie etwa Monsanto. Also?
General Hodges, Oberkommandierender der US-Army in Europa, General Breedlove, der NATO-Oberbefehlshaber, Victoria Nuland, die US-Diplomatin, die am Handy schon einmal die EU ganz dolle lieb haben wollte und ihr Ehemann Robert Kagan, Vordenker der Neocons träumen gemeinsam vom Regime Change in Moskau. Dieselben Leute, die der Welt die Katastrophe des verfehlten Irak-Kriegs beschert haben! Heute, gut zehn Jahre später, besitzen sie nicht einmal den Anstand, einfach das Maul zu halten - nein, sie eskalieren schon wieder, lancieren Lügen über russische Truppenstärken in der Ukraine oder im russischen Grenzgebiet - fehlt nur noch, dass sie Moskaus Massenvernichtungswaffen ins Spiel bringen, um ihren fatalen Regime Change zu begründen. Glaubt denn bitte irgendwer, dass nach Putin jemand Verträglicheres in den Kreml einzieht? Nein? Also?

... bleibt die Karte der Gründer. Sofern sie eine haben, wollen wir mal hoffen, dass es sich nicht um die verschollene Weltkarte des Marcus Vipsanius Agrippa handelt, samt seiner commentarii.

Köln, im April 2015

Nicht der steigende Ölpreis, verursacht durch den eskalierenden Streit zwischen Schia und Sunna im Jemen ...

Nicht der Ölpreis an sich, der natürlich auch wg. Fracking sank, aber genauso, damit Schottland samt den Häfen der britischen Atomflotte bei Großbritannien blieb ... und um Russland zu disziplinieren und Venezuela ...

Nicht der bedauerliche Wahlsieg Netanjahus und die Frage, was er für die Lösung der Palästinenserfrage und die Atom-Verhandlungen mit dem Iran bedeutet ...

Nicht die aufgeheizte Stimmung in der russischen Bevölkerung, befeuert von staatlich gelenkten Medien oder die schweren amerikanischen Waffen im Baltikum, zurück gelassen nach einem höchst angebrachten Manöver ...

Nicht die wachsende Repression in China ...

Nicht die griechischen Reparationsforderungen an Deutschland ...

Nicht Bismarcks zweihundertster Geburtstag und die bange Frage, ob der von ihm geschaffene Staat in der Mitte Europas wieder mal zu groß und gleichzeitig zu klein ist, um zu leisten, was seine Nachbarn von ihm erwarten ...

Nicht meine teils staatsbürgerlichen, teils in persönlicher Bekanntschaft wurzelnden Überlegungen, warum es princeps Karl Bucholtz nicht vergönnt war, die deutsche Wiedervereinigung auftragsgemäß zugunsten einer Zweistaatenlösung zu sabotieren ...

Nein, ich zeige heute der großen Politik einfach mal den Stinkefinger und erinnere daran, dass Terry Pratchett tot ist! Da hilft ihm nun keine ausgefuchste Strategie Lord Vetinaris mehr - nicht die stur honorige Schlagkraft Samuel Mumms - weder die Zauberei der Unsichtbaren Universität noch die von Oma Wetterwachs - nicht mal die legendäre Heimtücke des bösartigen Katers Greebo. Einfach tot. Sechsundsechzig Jahre. Alzheimer. Möge die Erde ihm leicht sein!
Jeder, der durch dunkle Zeiten geht, der an persönliche Grenzen stößt oder geliebte Menschen verliert, sollte das Therapeutikum Pratchett wenigstens einmal ausprobiert haben. Diese Bücher haben die Macht, noch den schlimmsten Tag in ein grimmiges Lächeln aufzulösen.

Köln, im Mai 2015

Ein Gespenst geht um in Deutschland: die “diffuse Angst vor den Fremden“. Unter diesem Oberbegriff subsumieren Medien Phänomene wie Pegida oder die AfD, erfasst man Skandale wie jenen um den Rücktritt des aufrechten Bürgermeisters von Tröglitz, den Auftritt holländischer Rechtspopulisten in Dresden, oder am Ende Straftaten wie das Abbrennen eines Dachstuhls, unter dem bald Asylbewerber Schutz finden sollten. Dieses Verbrechen geschieht siebzig Jahre nach Kriegsende. Siebzig Jahre, nachdem große Teile der deutschen Elite ihr Heil in der Flucht zu Fremden suchen mussten, ins politische Asyl bei weniger verblendeten Völkern.

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Und wie immer, wenn es in Deutschland spukt, wabern mal fahle, mal grellbunte Bettlaken Verwirrung, keifen verkniffene Münder moralinsauer daher und trommeln tumbe Toren rückwärts zum Fackelmarsch in den Untergang. Es wird Zeit, die Haltung dieser Website darzulegen!

Angst vor den Fremden: Skepsis gegenüber jedem noch unerprobten Fremden gehört zur anthropologischen Grundausstattung. Ohne diese Skepsis hätte sich die biologische Art Mensch in keiner ihrer wunderbaren Ausformungen nach Hautfarbe, Gesichtsform oder Körpergröße jemals entwickelt. Denn wer fremd ist, wer sich der Überlebensgemeinschaft von draußen nähert, ist nicht zwangsläufig eine Bereicherung, sondern möglicherweise gefährlich, ja tödlich. Selbst in unseren aufgeklärten Zeiten und milden geographischen Breiten sind nur die wenigsten Menschen imstande, Fremde von vorneherein, bis zum Beweis des Gegenteils, als interessant und bereichernd zu begrüßen. Diese Wenigen genießen das ungeheure Privileg, dass sie in ihrem Wesentlichen, entweder in ihrem Besitz und Auskommen oder in ihrer unbestechlichen Denkweise, nirgends bedroht sind. Wer sich im Eigenen bedroht fühlt, etwa durch die Wahrnehmung sozialer Erosion, kommt nicht umhin, den Fremden auch als Konkurrenten um knappe Ressourcen wahrzunehmen. Es stünde den Privilegierten daher gut zu Gesichte, den Ängsten der Minderprivilegierten mit dem selben Respekt zu begegnen, wie den berechtigten Bedürfnissen der Fremden. Dies an alle Gutmenschen mit Wohlstandsbäuchlein, die sich ihre anständige Gesinnung ohne jedes Risiko leisten können!

Zuwanderung. Brauchen wir. Und zwar dringend in der Größenordnung von rund 200.000 Menschen pro Jahr, damit unsere wirtschaftliche und soziale Leistungsfähigkeit nicht bald zusammenbricht. Hierüber den Pegida-Opa im Unklaren zu lassen, ihm nicht auf die Butterstulle zu schmieren, dass seine Demo die Rente seiner Kinder und Enkel bedroht, gehört wohl zum schrecklichsten Politik- und Medienversagen unserer Tage. Und da hilft auch nicht die faule Entschuldigung, dies sei ein wahlkampftaktisch undankbares Thema. Strategisch nämlich, jenseits aller Taktik, sind wir entweder jetzt ein Einwanderungsland oder demnächst entvölkertes Niemandsland. Leider sind wir jedoch weit entfernt davon, dieser Alternative mit unserem nationalen und internationalen Auftritt Rechnung zu tragen. Natürlich gibt es ein bisschen Integration der qua Verfolgung Asylberechtigten. Aber die wird nicht genügen. Wir brauchen vielmehr die aktive Suche nach den besten, fähigsten, integrationswilligsten Einwanderern. Schwarz. Braun. Gelb. Grünweißkariert. Atheistisch, gottgläubig, agnostisch. Wenn wir diese Suche nach geeigneten Einwanderern in den Auswanderungsländern organisieren, wenn wir offen darlegen: Mensch A hat bei uns eine Chance - Mensch B eher nicht, dann helfen wir allen Beteiligten. Uns selbst am meisten, doch ebenso den Auswanderungswilligen. Umso mehr, wenn wir die Chancenlosigkeit des Menschen B durch Entwicklungshilfe in seiner Heimat flankieren.
 
Integration? Respekt vor unseren Gesetzen, Beherrschung unserer Sprache und die Bereitschaft, sich produktiv in unser Wirtschaftsleben einzufügen, sind ein Muss. Darüber wird auf dieser Website nicht im Grundsatz diskutiert. Wer einen dieser drei Punkte prinzipiell ablehnt - hat nichts bei uns verloren, und muss zurück gebracht werden, so nahe wie möglich an den Start seiner Auswanderung. Wenn aber etwas im Einzelfall unverschuldet missglückt, dann sollten wir, so reich wie wir immer noch sind, besonnen und verständnisvoll urteilen.

Willkommenskultur? Gilt allen, die wir von uns aus rufen oder denen wir Asyl schulden, weil sie im Land ihrer Herkunft verfolgt werden. Alles andere wäre eine Schande für unser Land mit seiner Geschichte. Ich glaube allerdings, die Schande ist derzeit nicht ganz so groß, wie der Medienhype uns glauben machen will. Ich glaube, unsere Zivilgesellschaft praktiziert längst an vielen Orten eine Willkommenskultur, allerdings still und leise, so dass viel mehr praktiziert wird als publiziert.
Demgegenüber bleibt bestehen: Wir können nicht jede Frau und jeden Mann willkommen heißen, die und der sich in Europa ein besseres Leben erträumt. Dieser Illusion gilt es zu widersprechen. Wir dreihundert Millionen Europäer können nicht Milliarden Armen den Wunsch nach einem besseren Leben erfüllen. Zumal dann nicht, wenn die erpressten Schleppergebühren für den illegalen Einwanderungsversuch bei weitem alles übersteigen, was bei uns ein Hartz-IV-Empfänger als Notgroschen besitzen darf.

Ist das Boot voll? An einem Abend höre ich, schon die Frage sei blanke Hetzpropaganda der Unionsparteien und ihrer rechten Ableger. Am nächsten Abend höre ich, von einem überfüllten Flüchtlingsboot im Mittelmeer hätten muslimische Migranten christliche Migranten in die See gestoßen und ertrinken lassen. Am dritten Abend höre ich, ein junger Deutscher habe eine Moschee in Brand gesetzt. Abends darauf sind in den vierundzwanzig Stunden davor um die tausend Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Wir brauchen also keine weiteren Frontex-Aktivitäten, sondern eine Neuauflage der italienischen Aktion Mare Nostrum, die bis dicht vor die libysche Küste patrouilliert. Dann wiederum frage ich mich, bis zu welchem Grad die Schreckensbilder im Mittelmeer vom IS in Libyen kaltblütig provoziert sind. Vor ein paar Wochen haben sie angekündigt, fünfhunderttausend Menschen übers Mittelmeer zu jagen. Warten sie jetzt seelenruhig ab, bis ihre Schläfer, unter ehrlichen Flüchtlingen versteckt, nach wenigen Seemeilen von Marineschiffen aufgenommen und sicher ans europäische Festland gebracht werden? Das glaubt niemand? Hitlers Mein Kampf hat auch keiner geglaubt, bis die Umsetzung ziemlich weit fortgeschritten war.
Was alles nichts daran ändert: Europa darf nicht systematisch Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen!

Diffuse Angst? Zweifellos wird die Angst falsch adressiert. Aber gar so diffus ist sie auch wiederum nicht, wenn aufgrund islamistischer Anschlagsdrohungen komplette deutsche Innenstädte stillgelegt werden. Damit wird die Angst erstens ziemlich konkret und zweitens ziemlich verständlich für jeden, der nicht Personenschutz genießt oder in Gated Communities leben darf. Womit wir uns der entscheidenden Frage nähern: Wie hängt die Angst im Einwanderungsland mit den Ereignissen in Auswanderungsländern zusammen? Denn ohne diesen geographischen Kurzschluss wäre das Gespenst der Angst komplett unverständlich. Keiner nähme es ernst, ginge es nur um das, was Migranten in Deutschland tun oder bisher getan haben. Keine binnenländische Kriminalitätsstatistik reicht aus, um diese Angst zu schüren.
Aber in die diffuse Angst fließt ein, was die Medien uns aus der muslimischen Welt berichten. Leider wird so der Bau eines Dachstuhls in unserer Nachbarschaft in Zusammenhang gebracht mit den vielfältigen Zerstörungen, die sich die islamische Welt derzeit selbst zufügt. Und mit den Zerstörungen, die sie uns antut. Man kommt nicht umhin, hier die islamische Welt ausdrücklich zu nennen. In der diffusen Angst schwingt stets mit, was derzeit fehlgeleitete Muslime ihren muslimischen und andersgläubigem Nachbarn antun. Der Pegida-Opa verknüpft in seinem Trugschluss das Asylbewerberheim mit der pakistanischen Atombombe, mit dem Hisbollah-Terror gegen Libanon und Israel, mit den Stockschlägen für saudische Blogger, den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen auf den Stadionbaustellen einer künftigen Fussball-WM, mit den Taliban-Rauschgiftbaronen in Afghanistan, den islamistischen Piraten an der Küste Somalias, den Städtezertrümmerern in Kobane, den Kunstzertrümmerern in Nimrod, den Christenmördern von Mossul, den Jesidenschlächtern von nebenan, den Kopfabschneidern aus Libyen, den islamistischen Aggressoren im Tschad, oder der Boko Haram in Nigeria. All dies wirft unser verängstigter Pegida-Opa in denselben Hexenkessel wie die Anschläge von 9/11, den Mord am holländischen Filmemacher, die Menschenjagd auf den dänischen Karikaturisten, den Anschlägen auf die Madrider U-Bahn und zuletzt auf Charlie Hebdo. Der Fremde ist zurzeit der Islamist, dem man durchaus mit gesunder Vorsicht begegnen sollte, zumal er ja oft die Flüchtlingswellen erst produziert, von denen sich der Pegida-Opa bedrängt fühlt. Hinzu kommt, dass der Pegida-Opa diesen Fremden verwechselt mit der gesetzestreuen und friedfertigen Hamburger muslimischen Familie, zu deren Identität ihre anatolische Herkunft ebenso gehört wie ihre deutsche Staatsangehörigkeit.

Rassismus ist - obwohl so weit verbreitet wie geläufig - in dem Zusammenhang kein zutreffender Vorwurf. Rassismus meint immer eine bestimmte ethnische Abstammung. Die Furcht vor dem Islamismus jedoch gilt gebürtigen Tadschiken wie Paschtunen, Persern, Arabern aus dem Zweistromtal und aus Mekka, Philippinos, Jemeniten, Somaliern, kaukasischen Tschetschenen, Bosniern, die seit Jahrhunderten in Sarajevo leben, Ägyptern vom Sinai, Maghrebinern von der großen Syrte bis Marokko oder Menschen aus dem subsaharischen Afrika, auch ein paar Türken - nicht zuletzt vielen Deutschen, Franzosen oder Holländern ohne jeglichen Migrationshintergrund. Hier erweist sich ethnische Herkunft als ungeeignet zur Definition. Hier müssen wir uns auf eine perverse Idee konzentrieren, die überall auf der Welt verbreitet ist, auf das universelle Fremde, kurzum auf die Anmaßung, ganz alleine Recht zu haben und für dieses Recht töten zu dürfen. Hier hat der Pegida-Opa vielleicht die schärfere Wahrnehmung, weil er diesem Fremden im Aufzug seines eigenen Hochhauses begegnet - anders als etwa die politische Analystin des Provinzblättchens, die Fremde maximal aus der Bauchtanzgruppe kennt.

Warum funktioniert dieser Trugschluss, diese unsaubere Verknüpfung  des Pegida-Opas von Fremden in Deutschland mit Fremden im Ausland? Wenn wir die Zeit der Anschläge von Solingen, Mölln und Rostock-Lichtenhagen zum Vergleich heranziehen, so gab es auch damals im Zuge der Wiedervereinigung eine umfassende soziale Desorientierung. Heute reicht diese Desorientierung bis weit in den Mittelstand, der mehr für die Ausbildung seiner Kinder ausgibt, als jede Generation zuvor - und trotzdem zweifelt, ob die Kinder je einen sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeitsplatz ergattern. Hinzu kommt in dieser gar nicht so diffusen Gemengelage das ungeheure neue Ausmaß islamistischer Gewalt. Vor einem Vierteljahrhundert kannten wir nichtmal den Begriff  “Islamismus”. Da dachten wir, wenn das Wort Terror fiel, höchstens an die PLO oder Hisbollah. Erstere ist inzwischen eine staatstragende Partei, letztere kämpft heute in Syrien erbittert gegen den IS.

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Die diffuse Angst vor dem Fremden, die eine begründete Furcht vor dem Islamismus leider zunehmend vermischt mit der Angst vor Flüchtlingen, die nur zu oft selbst Opfer von Islamismus sind. Das Gespenst würde schrumpfen und vielleicht sogar verschwinden, würden denn die Muslime Europas entschlossener, lauter, überzeugender Haltung zeigen. Diese Haltung, diese klare Kante gegen jeden, der die gemeinsame Religion missbraucht als Begründung für Kriminalität und Terror, vermisse ich nicht weniger als der Pegida-Opa. Aber da sind viele muslimische Gemeinden Europas entweder faul oder man will sich nicht anlegen. Ich will nicht pauschal unterstellen, dass man klammheimlich sympathisiert, aber was ich auch nicht gelten lasse, ist die Ausrede, man habe es satt, sich immer und immer wieder distanzieren zu müssen. Wenn man sich leidenschaftlich einer Gemeinschaft zugehörig fühlt, dann muss man auch dafür Verantwortung übernehmen, wie diese Gemeinschaft von außen wahrgenommen wird.

Was also tut Not? Moscheen, die Islamisten ächten und notfalls auch anzeigen, wenn sie nicht zu zähmen sind. Behörden, die entschlossen abschieben, wen auch immer ein deutsches Gericht als nicht asylberechtigt definiert hat. Kirchen, die Nazis vom Gottesdienst ausschließen - aber auch kein Kirchenasyl gewähren. Wie soll man einem nachdenklichen Muslim erklären, seine Religion stehe nicht über dem Gesetz, wenn christliche Kirchen sich ebendies mit ihrem sogenannten Asyl anmaßen? Könnten sich nicht die Pfarrgemeinderäte individuell strafbar machen, indem sie in begründeten Ausnahmefällen heimlich Obdach gewähren - sozusagen privates Asyl? Das hätte eine ganz andere Logik.
Wir brauchen Polizisten, die, wenn es drauf ankommt, rechtsradikales Gesocks mit derselben Entschlossenheit zusammenknüppeln, wie früher Friedensdemonstranten. Wir brauchen Aufklärung, ehrlichere Politik, ehrlichere Medien. Vielleicht noch öfter als heute brauchen wir auf dem Nachbarschaftsfest den Kessel Eintopf mit einem Post-It-Zettel dran: Kein Schweinefleisch, kein Schweinefett. Behörden, in denen auch der allerletzte selbstgerechte Beamte ein Gespür von Fairness und Anstand gegenüber immigrierten Fremdsprachlern entwickelt. Schulen, die Talente ohne Ansehen der Herkunft fördern, Talente die wirtschaftlich erfolgreiche Konzepte entwickeln, die demnächst wieder Schulen finanzieren. Wir brauchen Arbeitgeber, die einen Bewerber mit arabischem Namen eher als Chance wahrnehmen denn als Risiko. Wir brauchen Diplomaten, die schon in den  Auswanderungsländern nach geeigneten Einwanderern suchen und, wichtiger noch: Asylanträge bearbeiten. Es kann nicht länger so sein, dass prinzipiell asylberechtigte Flüchtlinge zunächst einmal illegal und lebensgefährlich nach Europa einreisen müssen, um überhaupt einen Antrag zu stellen. Wir brauchen Schiffe im Mittelmeer, die Flüchtlinge von ihren Booten aufnehmen und die Boote anschließend ausnahmslos versenken. Wir brauchen Geheimdienste, die mit allen geheimdienstlichen Mitteln gegen die Schlepper und Schleuser vorgehen. Kurzum: wir brauchen Gespensterjäger.

Man sieht: Ich träume mir eine Luxusversion der Welt.

Köln, im Juni 2015

Muss man für verhängnisvoll halten, dass ausgerechnet der Deutsche Karl Bucholtz die Dreiunddreißig anführt, während zugleich die deutschlandskeptischen Töne in Europa lauter und schriller werden? Fraglos ist es eine Tragödie, denn gerade Bucholtz hatte die Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung vorausgesehen und vergebens versucht, die Wiedervereinigung Deutschlands zu bremsen. Nun bekommt er es neben der altbekannten Problematik deutscher Mittellage damit zu tun, dass Deutschland zu schwach ist, Europa zu führen, zu stark, um sich führen zu lassen und zu ungeschickt, um die Rolle eines ehrlichen Maklers zu spielen, geschweige denn, mithilfe wechselnder Staatenkoalitionen eine verschleierte und somit akzeptable Führung auszuüben.

In England ist Cameron erstarkt zurück an der Macht - und das Austrittsreferendum somit unausweichlich. In Frankreich wird es wohl zwischen Sarkozy und dem Front National ausgewürfelt. Polen wählt den deutsch- und europafreundlichen Komorowski aus dem Amt, zugunsten des nationalkonservativen Duda von der irren Kaczynski-Partei. In Spanien räumt Podemos ab. Grillos Chancen in Italien stehen nicht schlecht. Und Athen rechnet an 278 Milliarden Euro deutscher Reparationszahlungen herum.

Derweil durfte ich in Lissabon für den praefectus horrei Jules Victor Polignac neue Visitenkarten bestellen, im selben noblen kleinen Laden auf der Rua Nova do Almada, wo auch sein portugiesischer Verwandter Miguel Polignac de Barros drucken lässt. Der Botschafter des souveränen Ordens der Malteserritter in Portugal. Dem Land mit mehr templerischen Tatzenkreuzen als in jedem anderen.

Da sieht man doch, was meinen Auftraggebern wirklich am Herzen liegt in diesen schweren Zeiten! Wo es um die Wurst geht, und sei es nur die letzte Bratwurst vor Amerika! Gehen wir mal davon aus, die Visitenkarten werden auf Schloss Elmau beim Gipfel abgegeben, am siebten und achten des Monats!

Köln, im Juli 2015

Hic Rhodus, hic salta! Hier in Rhodos, hier springe, statt an den vielen anderen Orten, mit denen du geprahlt hast! In einem gemütlichen Hotel auf der Sonneninsel zitiere ich diesen Satz aus den Fabeln Äsops. Ausgerechnet in Faliraki, doch vom Trubel und den Bausünden des Radau-Tourismus der 80er Jahre durch eine schier endlos gewundene Palmenallee getrennt, interviewe ich den praefectus archivorum Benizelos Miaulis. Wir schauen aufs Meer, wo auch heute Azur und Türkis um die Seeherrschaft ringen. Keine Flüchtlingsboote in Sicht. Nur links zieht ein winziges Speedboat einen knallgelber Schirm mit menschlichem Anhängsel durch den wolkenlosen Ägeishimmel.
Schnell wird klar, das Miaulis mäandert, wie so viele Griechen dieser Tage. Deswegen hier nur Auszüge unseres Gesprächs, kurze Dialogpassagen, wo Rede und Gegenrede ausnahmsweise zueinander passen.

Frank: praefect, gerade eben haben wir noch Bargeld ziehen können, aber die Schlange vor dem Automaten war doch ungewöhnlich. Wie lange geht das gut?

Miaulis: Mit etwas Glück, sofern das 90-Milliarden-Limit der EZB nicht überschritten wird, bis Ende der Woche, bis zum Referendum am 5. Juli.

F: Ab dem 29. Juni bleiben die griechischen Banken zunächst einmal geschlossen. Kann es sein, dass die Regierung in den folgenden Tagen Tranchen der EZB einsammelt, um damit ihre dringlichsten Schulden beim IWF zu begleichen?

M: Sollte sie das versuchen, wird das Geld trotzdem nicht reichen für die fällige Tranche beim Weltwährungsfond.

F: Das wäre dann der Staatsbankrott?

M: Jedenfalls die Zahlungsunfähigkeit. Der griechische Staat wird damit ja nicht einfach von der Bildfläche verschwinden, so wie ein bankrottes Unternehmen.

F: Was passiert dann?

M: Der IWF wird eine Mahnung an Griechenland schicken und für keinerlei weitere Hilfen mehr zur Verfügung stehen.

F: Damit ist Griechenland mit seinen europäischen Gläubigern allein - ohne die Expertise und die Rigorosität der Leute aus Washington.

M: Ja. Die Troika in ihrer alten Form ist zuende. Zumindest das hat die Regierung Tsipras erreicht. Die beiden verbliebenen Großgläubiger sind politisch erpressbar.

F: Bleibt Griechenland im Euro?

M: Ausschließen würde ich das bei jeder anderen griechischen Regierungskoalition als dieser viel entschiedener.

(Miaulis wirft einer Möwe, die immer wieder an unserer Loggia vorbeifliegt, Kekse zu. Bislang ohne Erfolg. Der Vogel folgt dem weiten Bogen unserer Kekse nach unten auf den Rasen und frisst dort, belagert von einem Heer aufgeregter Spatzen.)

F: Sie trauen also den Kleptokraten von Pasok und den Konservativen mehr als der jetzigen Regierung ...

M: ... die übrigens genauso kleptokratisch ist, schauen Sie sich nur die Weigerung an, einheimische Reiche und griechisches Fluchtkapital energisch zu besteuern. Oder rechtzeitig Kapitalverkehrskontrollen zu verhängen. Doch das ist alles nicht mein Punkt. Es ist im Kern kein griechisches Problem, sondern ein türkisches ...

F: Was haben bitteschön die Stimmenverluste der türkischen AKP mit dem griechischen Problem zu tun?

M: Nein, nein - ganz falsch. Ich meine das bezogen nicht auf die letzten fünf Wochen, sondern die letzten fünf Jahrhunderte. Dass der autoritäre Herr Erdogan in Ankara einen Dämpfer bekommt, ist mir sehr recht. Wieso aber hat Griechenland ein türkisches Problem? Nicht wegen einiger Inseln und Streitigkeiten über Hoheitsgewässer. Nicht wegen Zypern. Doch Griechenland war viele Jahrhunderte hindurch erobert und besetzt von türkischer Fremdherrschaft. Die Griechen haben den ruinösen türkischen Staat immer nur als Feind kennen gelernt, der sie unterdrückte, schikanierte, ausbeutete bis hin zur Knabenlese, wo man den griechischen Familien die kleinen Jungs wegnahm, um sie als Janitscharen großzuziehen. Im Prinzip hassen die Griechen den Staat. Und warum soll man jemandem, den man hasst, Steuern zahlen?

F: Stattdessen sollen lieber der slowakische Supermarktverkäufer oder die deutsche Kellnerin Steuern zahlen?

M: Wo sie gerade sagen: Supermarkt! (Er wirft einen weiteren Keks hoch in die Luft, eine Möwe schießt haarscharf daran vorbei und verpasst ihn.) Wir haben doch eben die Kekse im Minimarkt gekauft, ist Ihnen da was aufgefallen?

F: Die stotternde Klimaanlage.

M: Ich meine die Selbstverständlichkeit, mit der offen und dreist Steuern hinterzogen wurden. Dort stand eine hochmoderne elektronische Registrierkasse. Ich habe sogar auf das Display geschaut, sie war an den Strom angeschlossen. Doch der Kassierer hat unsere Einkäufe auf dem Taschenrechner addiert und die Summe kassiert, ohne uns einen Bon zu geben. Das moderne Gerät war überhaupt nicht involviert.
Der zweite Pfeiler dieser latenten Staatsfeindlichkeit ist die Klientelwirtschaft. Wenn du erst mal den Staat für eine kurze Zeit erobert hast, dann bring so viele von deinen Leuten wie möglich dort unter.

F: Und zwar egal, ob sie zu irgendetwas anderem nütze sind, als monatlich ihr Gehalt abzuheben. Ich verstehe. Also beschuldigen Sie die osmanische Okkupation, für die griechische Misere verantwortlich zu sein.

M: Die Geschichte, mein junger Freund ...

F: Leider nicht mehr ganz so jung. (Tatsächlich ist er sieben Jahre jünger als ich.)

M: Jedenfalls eine lange Kette von Ursachen und Folgen.

F: Gut, wenden wir uns der Zukunft zu. Welche Folgen haben die heutigen Ursachen? Für Europa. Für Griechenland. Für den östlichen Mittelmeerraum. Für die Finanzmärkte. Sie haben das Wort.

M: Europa hat gezeigt, dass es sich nicht endlos erpressen lässt von einer Regierung, deren Parlamentsmehrheit zum Teil noch aus Altstalinisten besteht. Da sitzen Leute, die schon Breschnjew als gefährlich liberalen Abweichler beschimpft haben. Das wird den irrlichternden Bewegungen wie Podemos in Spanien oder dem italienischen Grillo hoffentlich ein bisschen Wind aus den Segeln nehmen. Vielleicht wird auch nach diesem Schock die Währungsunion fiskalisch vertieft. Oder organisatorisch. Oder sonst wie. Es ist ja nicht völlig ausgeschlossen, dass Brüssels Bürokraten und die europäischen Regierungschefs lernfähig sind. Und manches, was Donald Tusk und Jean-Claude Juncker zu Papier bringen, verdient eine Chance. Ich teile durchaus Ihren manchmal an Verzweiflung grenzenden Sarkasmus, den Sie auf der Website zum Ausdruck bringen. Sie gehen dabei zwar ein bisschen unfair mit den Gründern um und unserem Engagement ... mit unserem Engagement auf Leben und Tod. Ich will Ihnen zugute halten, dass sie nicht alles wissen, im Grunde nicht einmal besonders viel wissen. Aber vielleicht können wir beide uns, ich mit meinem Informationsvorsprung und Sie mit Ihrem Informationsdefizit, auf eins einigen: Gut, dass Europa in diesen Abgrund schauen muss. Vielleicht bewirkt das ja ein Umdenken.
Auf die Griechen kommen schwere Jahre zu, so oder so. In jedem Fall wird Europa weiter helfen. Humanitär. Im Gesundheitswesen. Doch selbst wenn die Drachme kommt, dann haben vielleicht demnächst die holländischen Tomaten-Treibhäuser ein Exportproblem - und die Griechen essen wieder unsere köstlichen Tomaten von der Peloponnes, die heute verrotten, weil niemand sie kauft.
Für die Finanzmärkte ist Griechenland kein systemisches Risiko. Und jeder Spekulant gegen Portugal, Spanien oder Italien wird auf Mario Draghis Satz stoßen: Was immer nötig ist! Man kann gegen eine mächtige Notenbank nicht erfolgreich spekulieren. Deshalb ist es gut, dass diese Notenbank Zeit kauft, auch Euch Deutschen, selbst dann, wenn Ihr glaubt, das befände sich nicht im Einklang mit den juristischen Normen.
Der östliche Mittelmeerraum? Nunja, der IS ist, dank Erdogans Toleranz, inzwischen sogar im westlichen Mittelmeerraum erfolgreich. Aber sehen Sie, wir sitzen hier auf einer Insel, die sich bis zuletzt gegen die islamische Eroberungswut verteidigt hat. Dann sind die Ritter geschlagen nach Malta abgezogen. Dorthin rettet sich heute ein Teil der ausgepowerten Flüchtlinge. Aber ich ufere aus.
(Er schmeißt einen Keks, der diesmal aus dem Flug geschnappt wird, mitten in der Luft.)
Schauen Sie, das östliche Mittelmeer kannte immer schon seine Bedrohungen. Wir werden die islamistische besiegen. Wir werden auch mit der russischen fertig, falls sie kommt.

F: Wobei Russland immerhin zum Territorium der Dreiunddreißig gehört!

M: Ja, sicher, was bedeutet, dass wir dort einen gewissen Einfluss ausüben.

F: Sehr erfolgreich, wie man auf der Krim und in der Ostukraine sieht.

M: Sie, junger Freund, sollten Ihren Sarkasmus nicht übertreiben.

F: Was ist mit den Öl- und Gasvorkommen vor Kreta? Was hält der Rat von der chinesischen Einlassung, ein milliardenschweres europäisches Programm für Griechenland unterstützen zu wollen? Hoffen die Chinesen ab 2020 auf riesige Ölvorkommen, die in Euro abgerechnet werden, statt in Dollar?

(Miaulis ist mittlerweile sehr erfolgreich mit seinen Keksen. Zwei von drei werden von den Möwen aus der Luft geschnappt. Er trinkt ein großes Glas Single Malt in einem Zug aus, schweigt lange und meint dann ...)

M: Wie kommt es wohl, dass die zurzeit spannendsten internationalen Verhandlungen Griechenland zum Gegenstand haben und den Iran? Die Griechen und die Perser. Drei, drei, drei - bei Issos Keilerei. Oder die Schlacht von Salamis. Oder die Schlacht an den Thermophylen: Wanderer, kommst du nach Sparta, künde den dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl. Das haben Sie doch bestimmt alles auf der Schule gelernt.

F: Mag sein, nur erscheint es mir im Moment nicht unbedingt sachdienlich. Griechen und Perser als zähe, nervtötende Verhandler. Na und? Interessanter fände ich eine Prognose zum Referendum. Ja oder nein?

M: Schwer zu sagen. Ist aber auch letztlich egal. Weder das Ausmaß griechischen Leidens noch der europäische Zusammenhalt insgesamt hängen davon ab.

F: Warum?

Miaulis kippt die Packung Kekse über die Balkonbrustüng. Sie segeln etliche Stockwerke tief auf den Rasen. Spatzen erleiden Gehirnerschütterungen. Miaulis schweigt lange. Schließlich steht er auf.

M: Ich springe dann jetzt mal!

F: Aber ... ?

Grußlos verlässt er das Hotelzimmer, begleitet von vier seiner fünf Leibwächter. Der fünfte hindert mich eine halbe Stunde lang, ihnen zu folgen.

Köln, im August 2015

Sprechen wir noch vom abgewendeten Grexit oder schon vom nächsten Griechenland-Hilfspaket, das in drei Jahren kommen muss? Ja doch, natürlich wissen wir, dass die Griechen niemals werden zahlen können! Warum erlassen wir ihnen also nicht die Schulden, damit sie wirtschaftlich wieder auf die Füße kommen? Für das leidende Volk wäre das allemal am besten. Aber als Roadmap für Lissabon, Madrid, Rom? Gäbe es danach noch einen internationalen Zahlungsverkehr?
Nach dem Muster dieses Schuldenerlasses würde ein Wall-Street-Hai argumentieren: Na klar, habe ich das Geld meiner Anleger verzockt. Sie waren eben gierig und blöd genug, es mir anzuvertrauen. Nicht einen Cent davon kriegen sie zurück. In tausend Jahren nicht. Ich hab nix mehr. Für diese Dummies habe ich allenfalls den Stinkefinger. Aber statt mich nun in den Knast zu stecken, wäre es angebracht, ein Hilfspaket zu schnüren, damit ich finanziell wieder auf die Beine komme.
Mir ist bewusst, wie sehr ich überspitze - doch dieses Denkmodell treibt mich in den Wahnsinn, jedenfalls so lange, wie es immer noch griechische Inseln mit neun Schülern und elf Lehrern gibt, während “Steuern” nach wie vor ein Fremdwort sind.
Vielleicht bin ich auch nur in der Logik meiner deutschen Sprache gefangen, die, meines Wissens als einzige der Welt, für “Schulden” und “Schuld” denselben Wortstamm hat.

Sprechen wir eigentlich immer noch vom gelösten iranischen Atomproblem oder längst schon wieder von einer neuen Runde der taqiya, des sakrosankten Lügens, das den Schiiten gegenüber ihren Feinden geradezu religiöses Gebot ist?

Sprechen wir eigentlich immer noch von einem geeinten Raum der Gründer zwischen Wladiwostok und dem Turm von Belem? Auch angesichts der Tatsache, dass der Kreml die Lösung der Baltischen Teilrepubliken aus dem Verband der Sowjetunion im Jahre 1991 juristisch überprüfen lässt? Auch angesichts der Tatsache, dass über der rebellischen Ostukraine Flugzeuge aus dem Himmel geschossen werden - und Moskau jede internationale Untersuchung verweigert?

Von Waffenbrüderschaft sprechen wir jedenfalls nicht mehr. Die Art und Weise, wie die USA für die Nutzung der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik die PKK zum Abschuss freigegeben haben, ihren bislang effektivsten Verbündeten gegen den sogenannten Islamischen Staat, kann man nur verächtlich nennen. Hat Obama tatsächlich dem Sultan Gaga der Türkei ein zweites Mal vertraut, nachdem Erdogan ihn mit der Roten Linie und dem angeblich syrischen Giftgas so peinlich vorgeführt hatte? Das braucht man weder mir noch meinen Auftraggebern zu glauben, die ohnehin zur Wahrheit ein rein taktisches Verhältnis unterhalten. Aber dem Bericht des altehrwürdigen amerikanischen Enthüllungsjournalisten Seymour M. Hersh könnte man wohl vertrauen. Das editorial vom Juli 2014 nimmt Bezug darauf.

Was für ein Segen, dass im Streit zwischen princeps Bucholtz und dem verstorbenen princeps Czartoryski über die EU-Aufnahme der Türkei der Alte sich damals durchgesetzt hat!

Vor hundert Jahren war der Erste Weltkrieg gerade mal ein Jahr alt. Die zweite Flandernschlacht bei Ypern war geschlagen und die Schwaden von deutschem Giftgas über dem Feld hatten sich eben verzogen.

Hundert Jahre später schwinden allenthalben die Optionen. Operieren wir mit einem zyklischen Geschichtsbild, dann geht der gleiche öde Kreislauf immer weiter. Kann man das wirklich wollen? Liegt uns jedoch eine teleologische Vorstellung von der Geschichte näher, dann allerdings sehen wir überall zumindest vorletzte -, wenn nicht gar letzte Chancen.

Köln, im September 2015

„Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ beschloss der ältere Cato noch jede Senatsrede, handele sie nun von den Nebensträngen der Cloaca Maxima oder vom Weißkohl-Anbau im Voralpenland. „Im Übrigen bin ich der Ansicht, Karthago müsse zerstört werden.“ So brutal und nachtragend war die römische Machtpolitik in ihrem Bestreben, sich den Erdkreis untertan zu machen und die phönizische Bedrohung ein für allemal auszurotten. Was dann ja auch so geschah im Jahr 146 acn, als Scipio die Bevölkerung der Stadt in die Sklaverei davonführte, die Stadt dem Erdboden gleichmachte, und das Gelände pflügen ließ. Demgegenüber ist es Legende, dass in die Furchen Salz gestreut wurde, auf dass dort nimmermehr ein Kräutlein wachse.

Und doch, und doch ... die römische Machtpolitik erstreckte sich nicht auf die Götter des Feindes. Sie galten, wie andere Götter auch, „sämtlich dem Volk als gleich wahr, den Philosophen als gleich falsch und der Obrigkeit als gleich nützlich“, um Edward Gibbon zu zitieren. Insofern war es nichts besonderes, dass Kaiser Hadrian 130 pcn in Palmyra der phönizischen Gottheit Baal-Schamin einen Tempel errichten ließ, derselbe Hadrian, der in Rom das Pantheon unseres Marcus Vipsanius Agrippa restaurierte. Ebenso gewöhnlich ist die Tatsache, dass Christen später den „heidnischen“ Tempel schändeten, indem sie ihn zu christlichen Kirche umbauten. Sie waren halt die zweite Generation des Monotheismus, was will man von solchen Leuten erwarten? Auch die Bronze des Pantheon haben sie ja heraus gerissen für Berninis gedrehte Säulen am Hochaltar von Sankt Peter zu Rom. So sind sie halt, die Inhaber allein selig machender Wahrheiten! Sie müssen sich erst in Dreißigjährigen Kriegen erschöpfen, um dann an philosophischer Aufklärung geistig und seelisch zu reifen. Kann man halt nichts machen, außer abwarten und durchhalten und gelegentlich ein bisschen Spott: „freistehende Weihwasserbecken aus Styropor“, witzelt etwa agrippas mund.

Anders jedoch verfahren wir mit dem Qualitätssprung monotheistischer Unduldsamkeit, in dem der sogenannte Islamische Staat die prachtvollen Ruinen des Baal-Schamin Tempels in Palmyra gesprengt hat. Gegenüber diesen Feinden des Menschengeschlechts sind wir nachtragend wie Cato und, wenn's sein muss, ebenso brutal: Ceterum censeo ...

Köln, im Oktober 2015

Wir wissen nicht, wie viele Flüchtlinge ertrunken sind oder verhungert, erstickt, erfroren, an unbehandelten Infektionen gestorben oder an schierer Erschöpfung - ebensowenig, wie viele noch kommen.

Von solchen, die jegliche Auskunft verweigerten - wissen die Sicherheitsbehörden weder Namen, noch Herkunft, warum sie geflohen sind und was oder wo genau ihr Ziel ist. Trotzdem ließ man sie rein.

Weder weiß man, wer in besseren Zeiten zurück reist, noch, wer sich in unsere Gesellschaft integrieren kann oder überhaupt will. Doch viele von denen, die bleiben, verdienen nicht nur unseren Schutz, sondern werden uns eines Tages als Fachkräfte von Nutzen sein.

Wir wissen nicht, wie lange die sensationelle Hilfsbereitschaft der deutschen Freiwilligen dauert. Unsere logistischen, räumlichen, materiellen Kapazitäten sind längst nicht ausgeschöpft, ja nicht einmal angekratzt. Wenn ein paar zigtausend Beamte auf Dauer genau so hart und lange arbeiten wie viele Mitarbeiter der freien Wirtschaft, kann man auch die personellen Kapazitäten mit großer Gelassenheit betrachten. Unberechenbar - bleibt die Stimmung im Land.

Wir sehen, wie Frau Merkel sich freut, auf der Welle der Hilfsbereitschaft  zu surfen! Was hatte sie für einen Spaß - jedenfalls ein paar Tage lang - den Grundtenor der angelsächsischen Medien zu wenden, der in Folge ihrer Griechenland-Politik einen zunehmend antideutschen Sound angenommen hatte! Dann hat Merkel verstanden, was im Wortsinn offene Grenzen bedeuten und hat - mit Nachhilfe ausgerechnet aus München - wieder einmal situativ re(a)giert. Wer weiß, vielleicht zu früh, vielleicht muss sie doch noch mal ein paar Grenzen öffnen, wenn sich demnächst die Griechenland-Rettung als schwierig herausstellen sollte.

Wir haben verstanden, dass sich die unendlich reichen Golfstaaten einen Dreck um ihre fliehenden Schwestern und Brüder kümmern. Dreist geben sie zu: aus Furcht vor gesellschaftlicher Destabilisierung und einsickerndem Terrorismus. Sie scheuen die Risiken, die wir jetzt auf uns nehmen. Dafür bietet Saudi-Arabien den Bau von zweihundert Moscheen an, wo die Flüchtlinge - mitten in Europa - im Sinne des Wanderpredigers Mohammed Bin Abd al Wahhab aufgehetzt werden sollen. Immerhin sind unsere Politiker mittlerweile so gereift, dass sie dieses vergiftete Geschenk als ein solches erkennen. Ob sie jedoch den tapferen kleinen Ländern Jordanien und Libanon helfen, die Flüchtlingsmassen in ihren Grenzen zu bewältigen - warten wir ab.

Verstanden haben wir, dass sich die Solidarität etlicher Europäer in engen Grenzen hält. Oft in unmenschlich engen Grenzen. Das lässt sich selbst im Falle Ungarns nicht gegenrechnen mit zwanzig Generationen, die geblutet haben für ihre Freiheit von muslimisch-türkischer Unterdrückung. Selbst wenn die Ungarn neuerdings aus dem gar nicht so weit entfernten Kosovo Herrn Erdorgans Tiraden hören, der Balkan sei immer noch Teil des Osmanischen Reiches: Kein Muslim, der heute kommt, hat irgendeinem Ungarn jemals was getan.

Das es dabei bleibt, können wir nur hoffen. Denn wir kennen nicht die Zahl der eingesickerten IS-Schläfer. Niemand hat dokumentiert, wohin jene Taxis fuhren, die unmittelbar nach Grenzübertritt in Deutschland bestiegen wurden. Oder wer sich scheinbar gutwillig ins Aufnahmelager bringen ließ, um im dortigen Chaos bald schon die klandestine Machtübernahme vorzubereiten.

Wir wissen, dass vermeintliche IS-Werber, die sich - schon ansässig in Deutschland - nun in die Aufnahmelager schmuggeln wollten, bestenfalls lausige Amateure waren. Schlimmstenfalls waren sie Teil eines geschickt koordinierten Ablenkungsmanövers, das die wirklich gefährlichen Bewegungen decken sollte.

Dunkel ahnen wir die Reaktion unseres heimischen deutschen Nazipacks, sollten IS-Terroristen eingesickert sein und demnächst aktiv werden.

Hilflos erwarten wir die nächsten europäischen Wahlergebnisse.

Komplett verstanden haben wir schon 2003, dass Amerikas hirnrissiger Einmarsch im Irak uns solche und ähnliche Probleme bescheren würde. Die Amerikaner haben das Chaos angerichtet. Den Friedensnobelpreis dafür eingeheimst, dass sie sich aus der Schadensbegrenzung verabschiedeten. Nun lassen sie Europa mit dem Chaos allein.

Allerdings rechnen wir damit, dass die USA von Incirlik aus mit russischen und iranischen Truppen gemeinsame Sache machen, um in einer schmutzigen Koalition mit Assad die Mittelmeerküste gegen den Islamischen Staat zu verteidigen. Der Preis dafür wird - nicht nur - die Ukraine sein.

Hat mittlerweile die fällige Jahrfünftkonferenz der Räte getagt?

Köln, im November 2015

Gezählt sind Sultan Gagas Tage im Palast zu Ankara.

Mama Merkel lädt zur EU-Party - doch keiner feiert mit.

Ein ganz spezielles Tässchen Tee wird gebraut für Herrn Assad, demnächst im Exil.

Herr Putin macht sich unverzichtbar, indem er auf die falschen Leute schießt.

Für den Rest der Amtszeit ist Obama eine lahme Ente.

Teheran lacht sich ins nukleare Fäustchen.

Die Nächte auf dem Balkan und das Wasser der Ägäis werden kälter.

Griechenland, dessen Ministerpräsident sich Europas schämt, beschäftigt rund ein Viertel seiner Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst. Darunter völlig überdimensionierte Streitkräfte samt Kriegsmarine. Die sind jetzt überall - außer in der Meerenge und auf Lesbos, wo sie helfen könnten.

Hat Brüssel einen an der Waffel?

Noch ist Polen nicht verloren!

Köln, im Dezember 2015

Die Eschatologie: Dabiq heißt das Internet-Schmutzblättchen des sogenannten Islamischen Staats. Dabiq, westlich von Rakka gelegen, war 1516 Schauplatz einer Schlacht, in der Osmanen die Mamelucken besiegten, womit der Weg frei wurde für die türkische Eroberung Arabiens. Rasch fielen nun Mekka und Medina in die Hand der Türken. 1517 wurde der letzte abbasidische Kalif in Kairo gefangen und Sultan Selim begründete in Istanbul das neue Kalifat, das bis zum Jahre 1924 hielt.
Heutzutage wird der sogenannte Islamische Staat aus Mekka und Medina unterstützt. Und leider immer noch aus der Türkei - bis hin zur verdeckten Lieferung von Giftgas und zum Abschuss russischer Kampfjets.

Besagtem Sultan Selim, dem großen Kriegsherrn, war es noch im Jahr vor der Schlacht von Dabiq gelungen, den persischem Schah Ismail, Herr über die meisten Schiiten, vernichtend zu schlagen.
Heutzutage kämpfen die schiitischen Iraner und die schiitische Terrormiliz Hisbollah gegen den IS.

Eigentlich tobte die Schlacht von Dabiq zwischen islamischen Gegnern. Trotzdem gilt - ein Hoch islamistischer Logik - just dieses Schlachtfeld als wahrscheinlicher Austragungsort des Endkampfes zwischen Gut und Böse, zwischen Muslimen und Christen, einer Schlacht, in der die Christen selbstverständlich vernichtet werden, worauf hin der jüngste Tag anbricht, die Welt untergeht und jeder durchgeknallte Fusselbart ins Paradies einzieht zu seinen 72 Jungfrauen.
Heutzutage täte man also IS einen Riesengefallen, ausgerechnet an diesen Ort christliche Invasionstruppen zu schicken. Das sollte niemand außer Acht lassen, Frankreichs Rachegelüste hin, Russlands Rachegelüste her. Genau dorthin, an diesen Ort Dabiq, will der sogenannte Islamische Staat seine Feinde locken. Was er dort vorbereitet hat, um dem Westen eine schwere Niederlage zuzufügen - ein Massaker mit Senfgas oder irgend eine andere Schweinerei - wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass man ihm den Gefallen nicht tun darf.

Das Symbolik: Freitag der Dreizehnte: Titel eines ziemlich erfolgreichen Slasher-Films.
Freitag der Dreizehnte: Der Tag, an dem König Philipp in ganz Frankreich die Komtureien der Templer ausheben ließ und ihren Großmeister Jacques de Molay verhaftete. Der Orden war die Speerspitze bei der Rückeroberung und Verteidigung des Heiligen Landes gewesen. Nun wurde er zerstört. Von einem geldgierigen christlichen König. In Paris. Im Temple. Alle Attentate, bis auf die Versuche am Stade de France, fanden im - oder in unmittelbarer Nachbarschaft des - alten Pariser Templerbezirks statt.
Es wäre ein Wunder, hätten die beiden Konnotationen dieses Datums keine Rolle gespielt bei der Planung der Anschläge, so wie die Notrufnummer 911 bei den Anschlägen in den USA.
 
Der Schlachtruf: Das ist für Syrien! Was meinen sie damit? Der syrische Bürgerkrieg wird von Muslimen gegen Muslime geführt - warum dann Anschläge in Paris?
Um im Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich zu besiegen, hatten England und Frankreich den von Türken unterdrückten Arabern für ihre Hilfe ein eigenes Königreich versprochen. Doch noch bevor die Türken besiegt waren, schlossen die britisch-französischen Unterhändler Sykes und Picot ein verräterisches Abkommen, das, anstatt die Araber für ihre treue Bundesgenossenschaft zu belohnen, den Nahen Osten zwischen England und Frankreich aufteilte. Dabei fielen die syrischen Provinzen der Türkei zunächst an Frankreich. Schon im Jahr 1918 stellte der britische Premier Lloyd George fest, die Royal Navy brauche das Öl von Mossul. Brav trat Frankreich die Region an England ab. Damit büßte Syrien den größten Teil seines Erdöls ein. Im Jahr 1939 traten die Franzosen dann den Bezirk um das heutige Iskenderum an die Türkei ab, womit Syrien rund die Hälfte seiner bis dahin verbliebenen Mittelmeerküste einbüßte. Dass der heutige Libanon einmal zur syrischen Provinz des Osmanischen Reiches gehört hatte, ist noch gar nicht in diese Rechnung eingeflossen, ganz zu schweigen von den heutigen Staatsgebieten Jordaniens und Israels. Man kommt also nicht umhin, eine gewisse historische Verärgerung der Syrer gegenüber Frankreich nachvollziehbar zu finden. Eine Wut, die nun von den Barbaren des sogenannten IS in schrecklicher Weise instrumentalisiert wird. Eine Wut, die man sogar den Kindern der Pariser Vorstädte und des Brüsseler Stadtteils Molenbeek einimpfen kann, die noch nie einen Fuß auf syrischen Boden gesetzt haben.

Gegenmaßnahmen: Afghanistan hätte gewonnen werden können, ist aber verloren gegangen. Der zweite Irakkrieg war von Anfang an eine verlorene Sache, die verbrecherische Dummheit des amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Der westliche Militäreinsatz in und über Libyen war gleichermaßen dumm. Nun auch noch in Syrien und wieder im Irak Krieg führen? Steht es dafür? Ist es nicht vielmehr ein Zeichen von idiotischem Starrsinn, an einer Strategie festzuhalten, die nachweislich gescheitert ist?

Nein - aus zwei Gründen.

Erstens verfolgten alle genannten Kriegseinsätze hehre Ziele. Es sollten Territorien gesäubert und restrukturiert werden, es war die Rede von regime change, ja von Demokratisierung, kurzum, man wollte etwas aufbauen, wofür in allen Fällen jedes Fundament fehlte. Diesmal wird die Gestaltungsmacht des Westens gar nicht erst auf die Probe gestellt. Es handelt sich um nackte Zerstörungsmacht. Zerstört werden soll der IS. Das ist nicht schön, das ist weder demokratisch noch rechtsstaatlich - aber es kann gelingen.
Zweitens wirken erfolgreiche Kampfeinsätze gegen IS zurück nach Europa hinein. Die Faszination dieses sogenannten Kalifats muss zum Erlöschen gebracht werden. Die jungen Männer, seien sie nun objektiv unterprivilegiert oder nur in ihrem testosterongesteuerten Ego gekränkt, die im Westen dieser Faszination bislang erliegen, glauben an ihre welthistorische Mission - das Kalifat. Sie wollen Teil von etwas Großem und Wichtigem sein, etwas Überpersönlichem ja Heiligem, weil ihnen das Geschenk ihres einfachen Menschenlebens nicht genügt. Wenn sich das vermeintlich Heilige nun als Fata Morgana entpuppt, die zerplatzt in Dreck und Blut, platzt auch die Faszination. Dann werden sich die jungen Männer fragen, ob es wirklich Gottes Wille ist oder ob sie sich selbst zu Losern machen, wenn sie für diese politische Totgeburt kämpfen.

Was wäre die Alternative? Zuschauen, wie sich der IS weiter ausbreitet, während man Sozialarbeiter in die ghettohaften Vorstädte schickt und Arbeitsplätze für längst nicht mehr vermittelbare religiöse Fanatiker finanziert?

Wir müssen endlich die türkische Grenzen nach Syrien und zum Irak schließen! Auf diesem Weg gelangen Waffen und Kämpfer zum IS. Auf diesem Weg finden verwundete IS-Prominente Behandlung in türkischen Krankenhäusern. Auf diesem Weg schmuggelt IS Öl und geraubte Kunstschätze ins Ausland, womit er sich riesige Einkünfte verschafft. Auf diesem Weg reisen seine terroristischen Schläfer in alle Welt.
Warum macht die Türkei diese Grenze nicht dicht? Weil Erdogan immer noch mit dem IS verbündet ist. Denn der IS bekämpft die Kurden, deren autonome Gebiete an der türkischen Südgrenze Erdogan weit mehr fürchtet als Millionen syrischer Flüchtlinge oder hundertdreißig Tote beim nominellen Verbündeten Frankreich.
Man muss, damit er diese Grenze schließt, Herrn Erdogan vermutlich sehr hart anfassen. Aber wie soll das gehen, wenn man ihn gleichzeitig braucht zur Regulierung der Flüchtlingsströme Richtung Europa? Indem man sich von Herrn Erdogan unabhängig macht. Man sollte besser Griechenland mit den Mitteln ausstatten, die für ein effizientes europäisches Flüchtlingsmanagement erforderlich sind. Europa würde unabhängig von der Türkei. In Griechenland ginge es für die Flüchtlinge sehr viel humaner zu, als in der Türkei. Und nicht zuletzt hülfe man so der darnieder liegenden griechischen Wirtschaft.

Die wahabitischen Finanzströme austrocknen. Wie soll das gehen, wenn wir doch auf das saudische Öl angewiesen bleiben? Indem man sich an saudische Privatleute wendet, die für IS spenden. Warum halten wir uns immer nur an den dämlichen Fusselbart, der sich als Selbstmordattentäter in die Luft sprengt? Warum nicht mal an den fetten saudischen Milliardär, der ihm den Sprengstoff bezahlt? Der muss nicht unbedingt nach Europa einfliegen, um sich in der Charité operieren zu lassen oder seine Rennpferde in Frankreich zu besuchen. Sollte er nicht zur Vernunft kommen, wäre streng genommen nicht einmal sicher, ob sein Privatjet wieder landet, nachdem er gestartet ist. Rein theoretisch kann der Verbrecher durchaus in der Luft explodieren, genau wie ein Flugzeug voll unschuldiger russischer Badeurlauber. Schon der freundliche Hinweis auf diese Möglichkeit dürfte die Spendenfreude gegenüber IS dämpfen. Man will uns terrorisieren und Angst machen? Warum drehen wir den Spieß nicht um?
Saudi-Arabien als Staat wird dennoch weiter Öl liefern. Die sind auf unser Geld genau so angewiesen wie wir auf deren Öl. Man könnte sich sogar vorstellen, dass die fortschrittlicheren Prinzen des saudischen Königshauses gar nicht so unglücklich wären, könnten sie sich ein bisschen lösen aus der Umklammerung der wahabitischen Geistlichkeit.
Ansonsten ist es gar nicht so verkehrt, wenn sich das sunnitische Saudi-Arabien und der schiitische Iran in der Region gegenseitig ausbalancieren.

Allerdings wäre ein kalter Krieg zwischen diesen Parteien sehr viel erstrebenswerter als der jetzt tobende heiße. Ein kalter Krieg? Er wäre das erreichbare Optimum, da ein herzlicher Friede zwischen Schiiten und Sunniten auf lange Zeit undenkbar bleibt. Offenbar können wir ihren Hass nicht besiegen. Doch vielleicht können wir ihnen den Hass abkaufen. Würden im Irak die regierenden Schiiten die Sunniten fair an der Macht beteiligen, und würde in Syrien die alewitische Führungsschicht die Sunniten nicht länger ausgrenzen, dann ginge dem streng sunnitischen IS jeder Rückhalt in der drangsalierten Bevölkerung ganz schnell verloren.

Containment muss sein - gewaltsame Eindämmung des IS. Seine Filialen in Libyen, die für Europa noch sehr gefährlich werden können, lassen wir hier mal außen vor, genau wie den westafrikanischen Ableger Boko Haram. In Syrien und im Irak braucht es Luftschläge und Drohnenkrieg. Das ist nicht alles, aber ohne dem ist alles nichts.
Die erforderlich Bodentruppen stellen das größere Problem dar, und zwar in vielfacher Hinsicht.
Wir brauchen - wahrscheinlich - eigene Bodentruppen. Kleine Eliteeinheiten, die ins Land sickern oder bei Anbruch der Dunkelheit landen, präzise töten, und schon wieder in der Luft sind, wenn der Morgen graut.
Wir brauchen die Kurden, und zwar nicht nur die Peschmerga, sondern ebenso die ungemein effizient kämpfende PKK - auch wenn uns das in Konflikt mit dem NATO-Partner Türkei bringt.
Wir brauchen Hisbollah, die widerwärtige schiitische Terrormiliz und die geheim operierenden Einheiten der iranischen Revolutionswächter.
Wir brauchen die assadtreuen Einheiten, die verbrecherischen Fassbombenschmeißer. Folglich können wir die Reste des syrischen Regimes nicht zerschlagen. Wenn Assad erst mal im Exil ist, müssen wir gegen den IS ein Bündnis schließen mit assadtreuen Kriegsverbrechern und Folterknechten aus der zweiten und dritten Reihe des Regimes. (Hätten die Amerikaner das im Irak gemacht, wäre IS gar nicht erst entstanden!) Dabei werden die Russen gerne helfen, vorausgesetzt, man lässt ihnen ihre Marinebasis im Mittemeer. Die Kämpfer der syrischen Opposition müssen wir dazu verraten. Um die al-Quaida-nahen Gruppen ist es nicht schade. Entsetzlich bitter wird es für die säkularen und gemäßigt muslimischen Einheiten. Sie sind vermutlich zu schwach, um sie erfolgreich gegen IS in Stellung zu bringen. Ob sie mit den Verbrechern aus der zweiten Reihe des Regimes paktieren, wenn Assad erst einmal weg ist, ist höchst fraglich. Ob sie sich in ein bitteres Exil abschieben lassen, in der Hoffnung, in zehn Jahren ihren Kampf noch einmal aufzunehmen, desgleichen. Vielleicht müssen diese tapferen, anständigen Männer scheitern, damit der Westen den IS besiegen kann. Politik wird von Staaten gemacht. Und die Staaten sind und bleiben die kältesten aller Ungeheuer.
Außer, wir würden plötzlich alle gute Menschen. Aber das ist am aller, aller unwahrscheinlichsten.

Der amerikanische Wahlkampf: Wer immer die Möglichkeit hat, auf einen Wahlsieg der Demokraten hinzuwirken, sei dazu aufgefordert. Bei den Republikanern gibt es einen starken evangelikalen Flügel. Da gibt es Leute, die glauben fest an die finale Schlacht zwischen Gut und Böse. Deren Dabiq heißt Armageddon. Die jiepern danach, in großer Anzahl Bodentruppen in diesen Konflikt zu schicken. In ihrer religiösen Verblendung stehen sie den Fusselbärten in nichts nach. Sollten sie die Macht in Washington erobern, hätten sie nichts besseres zu tun, als dem IS in die Falle zu tappen.

Deutschlands Nachbarn: Inzwischen hat sich Deutschland in Europa vollends isoliert mit seiner Flüchtlingspolitik. Unsere Nachbarn denken gar nicht daran, große Kontingente aufzunehmen, um uns zu entlasten. Das, was in Ungarn angefangen hat, findet in Polen unter der neu gewählten Kaczynski-Regierung seine Fortsetzung. Frankreich wird kaum mit den Maghrebinern seiner Vorstädte fertig, von Belgien ganz zu schweigen. Italien und Griechenland haben gravierende Probleme. Großbritannien schottet sich systematisch ab. Offenbar ist es unser Schicksal, immer alles anders machen zu müssen als alle anderen. Gleich, ob wir uns besonders unmenschlich verhalten, wie noch vor siebzig Jahren oder besonders menschlich, menschlich vielleicht über den Selbsterhaltungstrieb hinaus. Ob Deutschland sich damit in der arabischen Welt so viele neue Freunde macht, wie es zurzeit anderswo verliert, sei dahingestellt. Ganz bestimmt machen es deutsche Politiker nicht besser, wenn sie die Osteuropäer öffentlich warnen vor dem Ende finanzieller Solidarität. So souverän ist Deutschland denn doch noch nicht, das es sich solche Töne leisten könnte.
Vielmehr opfert es wieder einmal deutsche Bedenklichkeiten, um die deutsch-französische Achse zu stärken. Und das ist auch gut so!

Integration in Deutschland: Wir sehen noch keine Schläfer. Aber bildet irgendjemand sich ein, die eiskalt planenden IS-Strategen ließen sich diese Chance entgehen?
Natürlich sind unter den Hunderttausenden, die vor IS fliehen, eine Hand voll versteckt, die für IS töten werden. Viel wichtiger jedoch ist für IS das Ziel, das er über Rechnung erreicht: Flüchtlinge plus Anschläge. Die Anschläge sollen ein fremdenfeindliches Klima in der Europäischen Union schaffen beziehungsweise verstärken. Dieses Klima soll die Flüchtlingsmassen, die gekommen sind, zunächst ängstigen und frustrieren und auf lange Sicht radikalisieren. Gleichzeitig werden damit in der EU die rechten, islam- wie europafeindlichen Parteien gestärkt. Das käme IS sehr entgegen, denn damit setzt er einen Circulus vitiosus in Gang, der ihm nur Vorteile bringt.
Schon jetzt sehen wir erschöpfte, traurige Menschen, die in einer Schlange stehen und immer mehr verzweifeln, weil sie wieder nicht an die Reihe kommen. Ob denen am Ende die Kraft und der Schwung bleiben für eine erfolgreiche Integration in Deutschland?
Neben ihnen stehen arrogante Großmäuler, die den Westen bereits lautstark verfluchen, weil es in ihrer Schlange zu langsam vorwärts geht. Ob diese Leute je mental hier ankommen und bereit sind, sich an unsere Regeln zu halten? Herrschaft unserer Gesetze über ihre Religion und ihre Traditionen? Religion als bloße Privatsache, der man ernsthaft anhängen kann, die man aber genau so gut wechseln darf, grundsätzlich ablehnen oder öffentlich verspotten? Gleichberechtigung der Geschlechter und sexuellen Orientierungen? Gewaltmonopol des Staates? Ächtung jeglichen Antisemitismus’ als Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland? Dass die Kinder in unseren Schulen erzogen werden nach unserem Lehrplan? Dass man nicht in den Dschihad zieht, sondern sich nach der Decke streckt und Kräfte für den nächsten Anlauf sammelt, wenn der eigene wirtschaftliche Aufstieg nicht auf Anhieb klappt?
Was für Milieus entstehen da in den nächsten Jahren? Sicherlich können wir nicht all ihre Hoffnungen erfüllen. Doch sind wir genau so sicher, dass sie sich nicht rächen für ihre enttäuschte Hoffnung? Es ist die Untertreibung des Jahrhunderts, diese Integrationsaufgabe, in die Frau Merkel uns da unprofessionell hinein gestolpert hat, als Herausforderung zu beschreiben. Das ist keine bloße Herausforderung. Falls unser Bemühen scheitern, stehen wir vor dem Ende unserer freiheitlichen Gesellschaft.
Wir haben gar keine andere Wahl, als es zu schaffen.

Köln, im Januar 2016

Der Mann hieß Joseph Sapin. Stammte aus der Normandie, mithin aus Frankreich. War - siehe Akte Narwa - als Gründerlegat zuständig für das gerade entstehende moderne Russland. Und schrieb Bonmots in einem krausen Gemisch aus Deutsch und Latein. Am besten gefällt mir: "Tempora mutantur, außer auf der Standuhr."

Alsdann gutes Neues! Und ...

Köln, im Februar 2016

Also bitte was - Adam Bonaventura Czartoryski, mein erster Chef beim Rat der Dreiunddreißig? Nun hast du dich für die Aussöhnung von COT und COR in die Luft gesprengt im Jahr 2008 und seither erscheint hier monatlich dein schriftliches Vermächtnis unter der Rubrik agrippas mund. Als Fortsetzung für Plumbum Agrippae, Agrippas Blei, wo es von Prophetischem, Analytischem und peinlich Sentimentalem wimmelt. Alles deine Rede!

Aber was hast du jetzt davon? Was der Rat? Was - ganz zuletzt - wir bescheidenen Europäer, die dich und deinesgleichen bei eurem Tun beobachten?

Nach der Abkehr vom Amerika des Jahres 2003 mit seinem verbrecherisch dummen Irakkrieg hast du das strategische Bündnis Europas mit China gesucht. Und wo bitte genau brechen gerade die wirtschaftlichen Indikatoren ein? Mit Auswirkungen bis auf den Dax und die neusten Ifo-Ergebnisse?

Warst eng befreundet mit dem polnischen Patrioten Wojtyla und hast mit ihm gemeinsam das Aufreißen des Eisernen Vorhangs organisiert, weit mehr als etwa dieser Herr Reagan im Weißen Haus. Danach musstest du einen Ratzinger auf dem Papstthron erdulden, hast den Franziskus gar nicht mehr erlebt. Und wo bitte genau steht dein Polen jetzt?

Jaroslaw Kaczynski, Spiritus Rector der PIS hebelt das Verfassungsgericht aus, köpft Geheimdienste und große Medien, huldigt wieder einem verquasten Polentum und trauert um seinen Bruder Lech, dessen Flugzeugabsturz er nach wie vor den Russen in die Schuhe schiebt. Für dieses Polen habt ihr beide, Papst und princeps, so viel geopfert und riskiert. War’s das wert?

Vielleicht wärst du besser am Stück geblieben. Vielleicht hätte deine Krankheit dir noch ein kleines Jahrzehnt reduzierter Schaffenskraft gegönnt. Dann frohlockte zumindest nicht heute dein Nachfolger, mein ehemaliger Schulkamerad Karl Bucholtz, weil es ihm endlich gelingt, die Türkei in die EU zu führen - über den Umweg Flüchtlingspolitik. Ich und du, Adam, hielten das stets für einen geostrategischen Fehler von epochalem Ausmaß. Aber wer sind wir schon? Ich Niemand. Du tot.

Überhaupt: Dieser Sprengstoffgürtel aus 2008! Musste das sein? Ließ sich da nichts zivilisiertes, dezentes vom Kaliber neun Millimeter auftreiben? War diese Schweinerei unbedingt nötig?

Obwohl man ja sagt, kein Atom gehe verloren. Und so werden wir uns treffen, wo sie Venedigs Banner unter dem Hauptaltar bargen. Wir werden Zwiesprache halten aus Gründen, die nur dir und mir bekannt sind, nicht einmal Richard Lank oder Karl Bucholtz. Vielleicht atme ich dich dort. Oder du gibst Laut bei Morske orgulje.

Ich jedenfalls lege vorher gelbe Rosen nieder für Beppo und Don Anselmo. Und eine rote für die Serenissima Repubblica. Und du kannst en passant aufklären, ob 1815 dein Vorfahr, Fürst Adam Jerzy, meinem Claude-Joseph Sapin noch in Hamburg begegnet ist, vor der Passage nach London.

Köln, im März 2016

Sancho Pansa wurde konzipiert als der Landmann, dessen Gefräßigkeit, gesunder Menschenverstand und derber Witz die Folie abgeben, vor der Don Quixotes wahnsinniger Idealismus erst zur Geltung kommt.
Hamlet wurde konzipiert als so skrupulöser Bedenkenträger, dass er zum Schluss des Stücks nur noch im eigenen Tod seiner gerechten Sache dienen kann - zwar vollständig, doch viel zu spät und unter Inkaufnahme etlicher unschuldiger Opfer.
Beide Autoren waren begnadete Vielschreiber und haben ganz Heerscharen epischer und dramatischer Figuren entwickelt. Wahrscheinlich jedoch sind sie durch die drei erstgenannten Charaktere im Gedächtnis der Menschheit am tiefsten verankert. Nun sind sie beide bald vierhundert Jahre tot: Miguel de Cervantes Saavedra am 22. April 2016, William Shakespeare genau einen Tag später, am 23. April. Es gibt eine kleine Kontroverse, ob nicht auch Cervantes am 23. April 1616 gestorben sein könnte - vermutlich befeuert von dem Wunsch, das Koinzidenz dieser beiden Todesdaten noch ein wenig auffälliger zu machen. Bleibt man aber bei den Fakten, dann wurde Cervantes am 23. April beerdigt, was urkundlich belegt ist. Nun wird ein Mensch wohl äußerst selten noch an seinem Todestag auch gleich beerdigt, so dass wir wohl zuverlässig von zwei unmittelbar aufeinander folgenden Todesdaten ausgehen können. Bemerkenswert genug! Europas größter Dramatiker und der Begründer des modernen europäischen Romans sterben im selben Jahr, im selben Monat, einen Tag nach dem anderen.

Na schön, denken meine paar Leser - es sind übrigens neun mal so viele, wie google (aus welchen Motiven auch immer) mich klein schätzt - na schön, aber was will uns der Editor damit sagen? Zunächst einmal bittet er um Nachsicht, dass er in Gesellschaft der Giganten Shakespeare und Cervantes nicht noch kleiner gemacht werden will, als er ohnedies schon ist.
Dann hat er, wie üblich, die Damen und Herren Auftraggeber befragt - und blieb wie üblich ohne Antwort. Nein, sie wollten ihm nicht verraten, ob die beiden auffälligen Todesdaten Zufall sind. Gar nichts wollten sie. Weder bestätigen noch dementieren. Also macht er hier eben - unbelehrt und ungefragt - sein eigenes Ding.

Beide Autoren gehörten Nationen an, die just in ihrer Lebensspanne um die Weltherrschaft kämpften. Cervantes nahm 1573 persönlich an der Seeschlacht von Lepanto teil, die der maritimen osmanischen Aggression endgültig ein Ende setzte. Er verlor eine Hand und geriet vorübergehend in die Sklaverei.
Während Spanien einen großen Teil seiner Ressourcen - von daheim und aus den Kolonien - aufwandte, um das Mittelmeer gegen den kriegerischen Islam zu verteidigen, schickte England sich an, die Herrschaft über den Atlantik zu gewinnen. Man könnte sagen, England war grob unsolidarisch in diesen Jahren. Da gab es kein “christliches Abendland”, von dem heute so gern die Pegidas schwätzen. Vielmehr profitierte die Flankenmacht England eiskalt von ihrer Insellage und davon, dass der Kontinent das sichere Bollwerk gegen den Islam bildete, dass der Hauptkonkurrent Spanien sich im Mittelmeer aufrieb.
Freigekauft aus der nordafrikanischen Sklaverei war Cervantes später genötigt, sich den Lebensunterhalt mit einem Beamtenpöstchen zu verdienen. Er wurde 1587 Korn- und Öleintreiber für die Große Spanische Armada, mit der Philipp II. von Spanien in einem letzten Aufbäumen versuchte, England in Schach zu halten. Wie das geendet hat, im Jahre 1588 bei den Fischen, ist jedermann bekannt.  
Demgegenüber sind von Shakespeare keine öffentlichen Tätigkeiten, weder ziviler oder militärischer Natur, überliefert. Kommerziell war er um vieles erfolgreicher als Cervantes. Allerdings war er auch der weit politischere Autor. Vieles von ihm, vor allem die Königsdramen, haben als Fluchtpunkt die letztendliche Machtergreifung durch das Haus Tudor, womit er nebenbei ganz unaufdringlich das glorreiche elisabethanische Zeitalter seiner Königin feiert. Wo die Königsdramen Englands Verteidigung seines angevinischen Reiches im Hundertjährigen Krieg thematisieren, ist unwidersprochene Grundlage aller Handlung Englands Recht, sich französisches Land zu nehmen. Na ja, gut, vergessen wir mal, dass sich zuvor die normannischen Eroberer englisches Land genommen hatten. Das führt zwar zu weit, ist aber gleichwohl auf dem Teppich von Bayeux unnachahmlich dokumentiert. (Der Leser sieht spätestens hier: Wenn man Geschichte erzählt, kommt man vom hundertsten auf tausendste.)

Kurz habe ich mit dem Gedanken gespielt, eine Parallele aufzubauen zwischen Cervantes’ Sancho Pansa und Shakespeares Falstaff. Verbindendes Glied: zynischer Realismus. Hab ich dann aber doch nicht gemacht. Weil Falstaff in “Die lustigen Weiber von Windsor” als glückloser Liebhaber auftritt (übrigens auf ausdrücklichen Wunsch der Königin Elisabeth, das, immerhin, bestätigen meine Auftraggeber.) Das wäre in ihm eine Ader, die fatal an Don Quixote selbst erinnert.

Dass Spaniens König Philipp II. etwas vom Hamlet hatte - oder umgekehrt- , ist schon ganz anderen aufgefallen. Wie er die Bretter vor dem Verlies seines irren Sohnes Don Carlos zunagelt. Wie er seinen Halbbruder Don Juan behandelt, immerhin den Sieger von Lepanto. Die Zögerlichkeit. Die Grausamkeit, wenn er ans Ende seines Zauderns kommt. Die ewige Gewissenserforschung. Das immerwährende Gegenteil von entschlossenem, beherztem Zupacken. Auf den Fluren des Escorial wandelnd, ließen sich trefflich noch die gequältesten Assoziation aus Hamlets spiralförmiger Bedenklichkeit rezitieren. Gitterrost und Spirale. Ein geometrisches Kuriosum.

Don Quixote, dieser Ritter einer verlorenen Sache, hätte wahrscheinlich nicht einmal Shakespeare einfallen können. Zu weit weg vom britischen Pragmatismus. Bezeichnend ist, dass schon der Zauderer Hamlet auf dem Kontinent angesiedelt wird, in sicherem geographischen Abstand.

Und so ist vielleicht auch bezeichnend, dass Spanien mit seiner verunglückten Geschichte erst in Europa so etwas wie Erlösung auf Pump fand, während Großbritannien ursprünglich gar nicht erst in die EU, damals noch EG genannt, hinein wollte - und heute vielleicht schon wieder bald rausl. Währenddessen zerlegt sich Spanien: kastilisch, aragonesisch, katalonisch, baskisch. Und das United Kingdom: englisch, schottisch, nordirisch. By the way: Gibt es eigentlich eine walisische Unabhängigkeitsbewegung?

Don Quixotes nostalgische Illusionen sind keine Zuflucht. Es ist nicht erstrebenswert, sich von Windmühlenflügeln schmeißen zu lassen, nicht einmal versüßt durch den Wahn, sie seien die Arme von Riesen. Europa hat zu lange keinen Krieg erlebt, um den Frieden als Grundlage jeder europäischen Innenpolitik noch zu würdigen. Hamlets Zaudern erleben wir derzeit in den Vorgängen rund um den befürchteten Brexit. Die Kollateralschäden wären wiederum beträchtlich. Und Sancho Pansa wäre heutzutage wahrscheinlich bei Podemos. Oder bei Tsipras. Oder bei Beppe Grillo. Aktien der Deutschen Bank hielte er jedenfalls garantiert nicht. Und zwar nicht aus moralischen Gründen. Sondern weil sein fetter Bauch ihm vorgrummelte, dass nicht funktioniert, was offensichtlich nicht funktioniert, egal was die Mehrheit schwätzt.

Shakespeare und Cervantes haben Formeln des europäischen Menschen gefunden, die bis heute gelten. Eine politische Formel zu finden, war ihnen nicht vergönnt. Zwei Jahre nach dem Tod der Genies, 1618 am 23. Mai, begann mit dem Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg, der große europäische Bürgerkrieg, vermeintlich unter den Bannern zweier Religionen. England unterstützte den Winterkönig Friedrich von der Pfalz. Spanien die österreichischen Habsburger. 1648 lag Europa, lag vor allem Deutschland in Schutt und Asche. Alle hatten versäumt, rechtzeitig zu tun, was nötig war - sie hatten gezaudert. Alle waren gegen Windmühlenflügel geritten - hatten Feinde erblickt, wo keine waren. Und alle hatten vornehmlich an den eignen Wanst gedacht. Für mich zunächst einmal sympathisch. Als politisches Konzept jedoch wahrscheinlich trotzdem ungeeignet.

Und? Was wollte er jetzt sagen, der Editor? Es gibt für alles Vorbilder, den Sancho, den Quixote und den Hamlet. Drei Dinge will der Editor von den Genies gelernt haben: Schämt euch nicht, nachdenklich zu sein, auch wenn das seinen Preis kostet. Schämt euch nicht, idealistisch zu sein, auch wenn das seinen Preis kostet. Schämt euch nicht für das Bauchgefühl, auch wenn dessen Ratschläge beiden missfallen: den entschlossenen Idealisten wie den zaudernden Bedenkenträgern.

Bleibt oder werdet Individualisten. Macht euch nicht mit der Masse gemein - außer vielleicht im Fußballstadion, beim Konzert oder beim Karneval.

Denkt, bevor ihr handelt. Aber handelt auch, nachdem ihr gedacht habt.

Ach ja, bevor ich’s vergesse: Möge die Erde den beiden Großen leicht sein! Und uns Kleinen eines Tages dito.

Köln, im April 2016

Nun hat Frau Merkel Deutschland in Europa isoliert, wie nie zuvor nach dem Zweiten Weltkrieg. Hatte man sich in der Euro-Krise noch zähneknirschend gebeugt, so wollen es ihr in der Flüchtlingskrise, die ja durch Merkels Führungsfehler zumindest mitverschuldet ist, alle mal so richtig zeigen. Deutschlands Situation in der EU ist umso gefährlicher, als Merkel auf dem Gipfel damit drohen musste, künftig die finanzielle Solidarität gegenüber aufnahmeunwilligen Ostmitteleuropäern neu zu dosieren - sprich weniger zu zahlen.
Also beispielsweise gegenüber Polen. Ganz unbelastete Geschichte, kennt man ja! Heute beherrscht von der rechtspopulistischen PIS, die die Verfassung aushebeln will. Im Zweiten Weltkrieg von Hitler und Stalin zerstückelt und barbarisch geknechtet. Vorher immer wieder zwischen Preußen, Russland und den Wiener Kaisern geteilt. Und das, kurz nachdem Polens König Johann Sobieski mit seinen Fünfundzwanzigtausend 1683 in der Schlacht beim Kahlenberg Wien gerettet hatte. Vor wem? Na, vor den friedliebenden Türken selbstverständlich, die die Stadt erobern wollten.
Oder beispielsweise gegenüber Ungarn. Auch alles ganz easy. Heute beherrscht von autoritären Rechtspopulisten, die Journalisten einkerkern und gegen Juden, Sinti und Roma hetzen. Einst tapfer widerständig gegen Moskaus kommunistische Diktatur. Zweihunderttausend Ungarn flohen damals in den Westen. Dieses selbe Ungarn aber hat noch mal zwei Schritte zurück in der Geschichte, zwanzig Generationen lang geblutet an vorderster Front. Im Abwehrkampf gegen wen? Na, gegenüber den friedliebenden Türken, die das Land erobern wollten.
Klar, dass der durchschnittliche deutsche Gutmensch nicht versteht, warum in diesen beiden Ländern, Scheißregierung hin, Scheißregierung her, eine gewisse Skepsis herrscht gegenüber dem Islam. Waren ja nicht seine Vorfahren, die in den Verteidigungskriegen Europas gegen die Osmanen krepierten! Den deutschen Gutmenschen treibt nur die eigene, deutsche Geschichte um. Dass andere Länder aus ihrer Vergangenheit ganz andere Schlüsse ziehen, will ihm nicht in den Sinn.
In den kleinen Ländern Ostmitteleuropas jedenfalls wird man Deutschlands Auftreten dieser Tage nicht vergessen. Deutschland hat die Flüchtlinge geholt. Wurde nicht mit dem Massenandrang fertig. Nötigte die kleinen Nachbarn, eine Entscheidung mitzutragen, vor der sie niemand gefragt hatte. Und drohte zuletzt, finanzielle Hilfen zu kürzen, falls sie nicht spurten.
Und das alles mit dem Ziel, dass nun die Flüchtlinge  in der Türkei einen Zwischenstopp einlegen. In derselben Türkei, die gegen Journalisten prozessiert, sobald diese beweisen, dass Sultan Gaga den IS logistisch und durch Waffenlieferungen unterstützt - und somit in der Reihe der Fluchtverursacher ganz vorne steht. Den Preis diktiert der Herr aus tausendundeinem Palastzimmern schon jetzt: Da muss der deutsche Botschafter in Ankara antanzen wegen einer Satiresendung in der ARD!
Das nenne ich doch mal eine konsistente Außenpolitik Richtung Osten!

Wobei der Deal mit der Türkei ja schon strukturell ein ungeheures Erpressungspotential beinhaltet. Was ist denn, wenn Erdogan zunächst zweieinhalb Millionen Flüchtlinge illegal ausreisen lässt, sie dann vertragsgemäß wieder zurück nimmt - und prompt muss die EU ihm diese Menschen allesamt geordnet abnehmen? Ist das etwa dem Mann nicht zuzutrauen, der vor kurzem noch öffentlich sinnierte, einfach die Grenze nach Bulgarien zu öffnen und die Flüchtlinge in Busse zu setzen?
Die Milliarden sind geschenkt. Aber dass künftig jeder islamistische Hassprediger oder geheimdienstliche Kurdenkiller visumsfrei aus der Türkei in die EU einreisen soll? Gut gemacht, verehrter princeps Bucholtz! Da wird Ihr Amtsvorgänger - übrigens Pole mit Leib und Seele - im Grab rotieren.

Und Richtung Westen? Da päppelt Berlin mit seinen erratischen Auftritten den Front National und macht einen Brexit stündlich wahrscheinlicher. Nicht, dass das hauptsächlich Berlins Schuld wäre - Cameron hat sich seine Zwickmühle schließlich selbst gebaut und Hollandes Politik spielt den Rechten sowieso in die Hände. Aber man stelle sich nur einmal vor, es gäbe einen nächsten Anschlag, so einen wie die von Paris oder den von Brüssel. Und dann führten belastbare Spuren nach Deutschland, zu IS-Schläfern, die im Strom der hunderttausenden illegalen, nicht-registrierten Einwanderer des letzten Herbstes mitgeschwommen sind ...
Auch das wird man Deutschland nicht vergessen. Pflegt man so die wichtigsten, die überlebenswichtigen Freundschaften? So schreibt allenfalls einen neuen Akt in der tausendjährigen Tragödie von Deutschlands geopolitischer Mittellage.

Was täte nicht alles Not in diesem Augenblick. Sicherung der EU-Außengrenzen, die Vorbereitung auf den Sommer, wenn der IS aus Libyen afrikanische Flüchtlingsströme gen Europa lenken wird. Endlich eine effektive Zusammenarbeit der EU-Geheimdienste, und sei es nur bei der Terrorbekämpfung! Doch wer soll die Führung bei solchen Projekten übernehmen? Großbritannien kann man sie nicht anvertrauen. Zu unsicher, ob das Land überhaupt in der EU bleibt. Frankreich wird selbst nicht geführt. Wie sollte es da andere führen? Die halb ekligen Regimes in Polen oder Ungarn? Länder wie Österreich, Holland oder Schweden, die es könnten, sind wahrscheinlich zu klein. Andere Länder, wie Belgien oder Italien scheiden aus, wegen der Probleme ihrer eigenen inneren Sicherheit. Spanien? Ein fragiles Gebilde ...
Ja, und Deutschland? Deutschland hat alles Vertrauen verspielt und kann deshalb nicht führen! Princeps Bucholtz hatte exakt solche Konstellationen vorausgesagt, als er noch gegen die deutsche Wiedervereinigung arbeitete. Als seine Instinkte noch funktionierten. Aber das ist mittlerweile gut ein Vierteljahrhundert her.
 
Sprechen wir uns zunächst einmal Hoffnung zu, dass sich die AfD binnen kurzem selber zerlegen wird in den Landtagen. Das hat noch jede rechtspopulistische Partei in Deutschland geschafft. Wahrscheinlich ist das Tabu des rechten Randes nach wie vor so groß, dass auch kluge und fähige rechte Köpfe sich vorläufig noch scheuen, da mitzumachen. Also müssen die Populisten, wenn der Wahlerfolg über sie kommt, das Personal bei den geistig und moralisch Fußlahmen suchen. Und die zerlegen sich dann halt, sei es durch peinliche Interviews oder den zweifelhaften Umgang mit Geld. Gut so! Aber ob dieser Mechanismus auch noch in zehn Jahren funktioniert?
Und selbst wenn! Dann hat - so wie die Eliten Deutschland heute führen - die AfD längst einen Nachfolger. Denn es muss ja die schwarze Null stehen, mögen die innen- und sozialpolitischen Herausforderungen auch so groß sein wie niemals nach dem Zweiten Weltkrieg. Und wenn die schwarze Null steht, dann finden die erforderlichen Investitionen in Integration der Flüchtlinge, in Bildung, Sicherheit, Arbeitsmarktförderung und sozialen Wohnungsbau eben nicht statt. Oh - lauthals angekündigt werden sie, das gehört zum Geschäft, das weiß jeder. Aber stattfinden werden sie nicht. Auch das weiß jeder. Und die Politik weiß, dass das Volk es weiß. Wundert sich aber trotzdem wie blöde, weshalb kein Vertrauen mehr da ist.
Währenddessen durchschauen die klugen Menschen in den Medien diese Mechanismen ganz genau, analysieren präzise. Dann aber entscheidet der Chefredakteur: So können wir das nicht bringen, das stärkt den rechten Rand. Und zuletzt sind sie gekränkt, wenn ihnen vielfach nur noch der blanke Hass entgegenschlägt. Alles höchst sonderbar!
Für das ökonomisch schwächste Drittel unserer Gesellschaft hingegen ist gar nichts sonderbar, sondern liegt alles klar auf der Hand. Der Wettbewerb um halbwegs ordentliche Jobs wird noch um Klassen härter, als er jetzt schon ist. Der Wettbewerb um bezahlbaren Wohnraum wird vollends mörderisch. Und weil diese verschärfte Konkurrenz ursächlich mit der Integration Hunderttausender Flüchtlinge in unsere Gesellschaft zusammenhängt, wird es für A, für f und für D, sobald sie sich selbst zerlegt haben, bald schon ein neues Dreibuchstabenkürzel geben.

Bei alledem kommt gar keine echte Freude auf über die Vertreibung des IS aus Palmyra und den Vorstoß der Irakis auf Mossul. Russlands Teilrückzug aus Syrien? Pffff! Allenfalls der bedingte Waffenstillstand, die Ruhe in der Ostukraine und die zunehmend Depression des russischen Mittelstands ... aber das sind natürlich alles Spekulationen.

So jammert er nun also vor sich hin, der Herausgeber. Hat eigentlich gar keine Lust mehr, Zett zu veröffentlichen, den Roman, der den regierenden princeps auf der Höhe seiner Gestaltungskraft zeigt. Findet keine Interviewpartner mehr. Kriegt allenfalls die eine oder andere Durchstecherei aus dem inner circle mit. Und schrieb deshalb schon im editorial für den Dezember letzten Jahres:
„Man sollte besser Griechenland mit den Mitteln ausstatten, die für ein effizientes europäisches Flüchtlingsmanagement erforderlich sind. Europa würde unabhängig von der Türkei. In Griechenland ginge es für die Flüchtlinge sehr viel humaner zu, als in der Türkei. Und nicht zuletzt hülfe man so der darnieder liegenden griechischen Wirtschaft.“

Hatte ich erwähnt, dass man so auch der schwelenden Eurokrise jede Menge Zündstoff entzöge? Nein. Aber dass es nach wie vor etliche sehr kluge Köpfe in den Dreiunddreißig gibt, will ich hier gern nochmals bestätigen.

Ob es so kommt in Griechenland? Man kann auf Sultan Gagas größenwahnsinnige Provokationen hoffen. Im Mare Nostrum hingegen darauf, dass wir die Spanier, die Malteser und Italiener im Sommer nicht wieder allein lassen, um ein paar lausige Milliarden zu sparen. Hoffen kann man immer. Entweder säkular und laizistisch ...

... oder so wie Petrus Brock in agrippas mund: “Herregotts Muehlen mahlen laenglich und bedachtsam / aber trefflich kleyn. Dies koennt alswi eyn Motto sive Initialum ueber Leben / alswi Wirken meynes Freundes stehn / welch selbiger nach langer Mueh und Plag ...”

Kein Aprilscherz!

Köln, im Mai 2016

Machen wir uns nichts vor! Nichts rührt sich mehr. Kein Mucks. So wenig wie wir vergleichsweise saturierten und dauerbesorgten Europäer regen sich momentan die Dreiunddreißig. Alles starrt gebannt auf den Ausgang des britischen Referendums, von dem in hohem Maße abhängt, wie es mit Europa weitergeht.
Bleiben die Briten, könnten viele hässliche Querelen des ersten Halbjahrs 2016 rasch vergessen sein.
Treten sie aus, läuft es vielleicht auf ein Kerneuropa zu, eine EU verschiedener Geschwindigkeiten. Das muss nicht schlecht sein. Auch das Römische Reich hat jahrhundertelang funktioniert als Großraum aus Regionen verschieden tiefer Integration. Da gab es, ganz in der Mitte die Urbs, umringt vom Ager Romanus. Der Rest Italiens, schon gar nicht mehr dem eigentlichen Kernrom zugehörig, war organisiert in einem System von Socii, Verbündeten. Dann gab es die Provinzen, drinnen gelegen, sicher und fett die senatorischen - im Grenzraum des Orbis die kaiserlichen, wo die Legionen standen. Daneben lag das Gebilde Ägypten, eine halbe Ewigkeit lang nicht Provinz sondern kaiserliche Praefectur. Wiederum daneben und dazwischen existierten Klientelstaaten der Römer, die in enger Abstimmung mit SPQR von einheimischen Fürsten regiert wurden, mehr oder minder pro forma. Über all diese Gebiete gleichermaßen verstreut blühten römische Kolonien unterschiedlichen Rechts, oft neben strategisch wichtigen Garnisonen, wie etwa Köln, die CCAA, neben dem Legionslager Bonn. Das Ganze wurde vom Straßennetz erschlossen und ermöglichte wirtschaftliche Prosperität, den steten Transfer von Sicherheit, Zivilisation und Rechtsstaatlichkeit aus dem Zentrum in die Peripherie sowie den ebenso stetigen Fluss von Steuern und Sklaven, Luxusgütern und exotischen Kulten in umgekehrter Richtung.
Ein ungemein flexibles, widerstandsfähiges System. Ob sie es noch mal hinkriegen, die Dreiunddreißig? Oder läuft im Fall des Brexit alles auf eine Wiedervorlage des Polis-Projektes hinaus? Aurum Agrippae versus Polis-Projekt? Vision oder zynischer Notfallplan? Das ist die Alternative zur Mitte des Jahres, zur Zeitenwende, nur wenige Wochen voraus.

Im Büro des princeps, hinter dem Rücken des mir weitläufig bekannten Karl Bucholtz hängt Tizians Sitzung des Rates unter Dirk van Bleiswijk, das einzige Gemälde, das zumindest dreißig der Dreiunddreißig bei der Arbeit zeigt. Drei fehlen. Einer liegt im Sterben. Einer sitzt in Haft und soll hingerichtet werden. Ein dritter ist in einer wichtigen Mission unterwegs - außerhalb des Hauses ohne Tür. Um jeden Einzelnen der drei ging es in dieser Ratssitzung. Das Bild zeigt dreißig Strategen in äußerster Konzentration, weil in großer Not. Gewiss keine Quasselbude. Vielmehr eigensinnige Köpfe bei der disziplinierten Suche nach einem Ausweg.
Und ich traue ihnen das auch heute noch zu. Auch einem Karl Bucholtz, geplagt von seiner designierten Nachfolgerin Peeters und noch auf viele Monate hinaus gehandicapt durch die verschlüsselten Anweisungen ABC’s in agrippas mund. Wenn ich hier oft nörgele und hetze, dann spiegelt das meine Frustration angesichts unperfekter Verhältnisse - nicht etwa eine grundsätzliche Distanz zu princeps Bucholtz. Ich meine, das muss ihm erst mal einer nachmachen, mit einer Monat für Monat wachsenden Hypothek in Gestalt des Plumbum Agrippae, mit diesem Gewicht am Hals dennoch nicht zu ersaufen!
Unverdrossen glaube ich, sie können es. Tizian ist tot, aber wahrscheinlich würde ein nur mäßig retuschiertes Gruppenfoto ihre Befähigung eindrucksvoll unter Beweis stellen ...

... doch dann brächten die Medien das nächste Gruppenbild vom nächsten G-was-weiß-ich-Gipfel. Und futsch wäre die Illusion.

Köln, im Juni 2016

Eigentlich wollte ich hier etwas über die Einschätzung von Herrn Dsien, mag. imp., zum Senkaku-Archipel und den Spratly-Inseln schreiben. Oder Stellung dazu beziehen, dass die iranische Führung sich gerade aus den Untiefen des reinen Irrsinns in Richtung Pragmatismus freistrampelt, während Israels Führung um Netanjahu den umgekehrten Weg geht. Oder dazu, dass die Griechenland-Krise erneut virulent werden dürfte, sobald das britische Referendum ausgezählt ist. Vielleicht auch dazu, dass man Griechenland ein für allemal aus dem Schlamassel helfen könnte, indem man ihm das Flüchtlings-Management der EU anvertraute - natürlich gegen entsprechende Vergütung. Dann könnte man auch Sultan Gaga zeigen, was der offenbar noch nicht gesehen hat: den Stinkefinger. Nichts für ungut, verehrter Herr und princeps Karl Bucholtz!

Womit wir bei der neuen Völkerwanderung wären, samt den populistischen Versuchungen, die sie von Ostmitteleuropa über den Balkan, Wien, bis nach Berlin und Paris auslöst.
Ich will vorab zwei Dinge klarstellen: Man kann mit zwingenden Argumenten die Aufnahme ungezählter Flüchtlinge für menschlich geboten halten. Ebenso man kann diese Mitmenschlichkeit mit zwingenden Gründen für politisch extrem gefährlich halten. Das geht beides - und zwar zugleich. Man nennt das Antinomie.
Was man jedoch nicht kann, was nicht geht, das sind die dümmlichen Herleitungen und fahrlässigen bis verbrecherischen Methoden, mit denen die Anhänger beider Positionen vielfach hantieren.

Wenn man die Flüchtlinge integrieren und sogar noch in größerer Zahl aufnehmen will, muss man gefälligst auch etliches von seinen hippen, linksliberalen Positionen schleifen:
Dann braucht man nicht zu winseln, wenn das Töchterlein zur Ballettstunde eine Turnhalle weiter kutschiert werden muss, weil die Halle um die Ecke gerade als Notunterkunft dient.
Dann rümpft man nicht die Nase über den prekär beschäftigten Regaleinräumer im Bioladen, der Angst hat um seinen Job. Sondern man versteht, dass er Mann immer noch Angst hat, selbst wenn er den Job demnächst nicht an einen billigeren Syrer verliert. Er weiß nämlich ganz genau: In zwei Jahren, wenn die Turnhalle endlich leer ist, sind die Mieten so in die Höhe geschossen, dass er sich eine Wohnung ganz weit draußen suchen muss, von wo der Weg zur Arbeit länger dauert als die Arbeit selbst.
Wenn man solidarisch sein will mit den Flüchtlingen, dann fährt man nicht supercool mit “Uber“, weil man sich scheut, Tür und Tor zur Deregulierung und Ausbeutung noch weiter aufzustoßen.
Dann wohnt man auch nicht preiswert bei “Airbnb“, weil man sich schämt, anderen Leuten die Wohnung wegzunehmen, bloß weil man selbst zu geizig ist, ein Hotelzimmer zu mieten.
Oder, wenn man Christ ist und wirklich vielen Flüchtlingen hilft - dann predigt man nicht darüber und spielt sich nicht schon wieder als neu-alte moralische Autorität auf. Jedenfalls nicht, bevor das Bistum seine milliardenschwere Investition in bester Geschäftslage der Nachbargroßstadt auflöst und in die Waagschale der Barmherzigkeit wirft.
Vor allem jedoch beschimpft man nicht die Ängstlichen und ernsthaft Armen in unserer Gesellschaft als Nazis, bloß weil sie Fragen stellen, wie etwa:
Warum wird erst jetzt für die Flüchtlinge neu gebaut? Warum nicht für uns?
Warum bröselt meiner Tochter täglich ein Stück Decke ihres Klassenzimmers auf den Kopf - aber nur bis zu dem Zeitpunkt, wo der erste Jahrgang Flüchtlingskinder eingeschult wird?
Warum fuhr der Bus Richtung Innenstadt nur zweimal täglich, solange hier zehntausend Menschen lebten? Und warum fährt er neuerdings stündlich - nachdem fünfhundert Flüchtlinge nebenan ihre Notunterkunft bezogen haben?

Anders herum: Wenn man für ein rechtsstaatliches Grenzregime ist, für sorgfältige Kontrolle und Registrierung bei der Einreise, wenn man die Einreise unberechtigter Personen verhindern will und Menschen, die sich aus sicheren Drittstaaten bereits reingeschummelt haben, möglichst schnell in ihre Heimat abschieben, wenn man den Zuzug von Flüchtlingen strikt kontingentieren will oder sogar für eine Weile gänzlich unterbinden, dann ...

... schlägt man keine Flüchtlinge tot, zündet keine Flüchtlingsheime an, schmeißt weder Steine noch Molotowcocktails und stellt keinem Menschen auf der Flucht ein Beinchen.

... verbreitet man keine Hassparolen, weder durch Gebrüll, noch auf Plakaten, Transparenten, Fahnen oder im Internet.

... erfindet man keine vergewaltigten blonden deutschen Frauen, die es nicht gibt.

... verlässt man eine Demonstration, wenn die NPD oder sonstiger rechtsradikaler Pöbel aufkreuzt.

... ist man umso strenger verpflichtet, in der Wahlkabine nicht rechten Rattenfängern auf den Leim zu gehen, die einem für das eigene Anliegen nur brachiale Scheinlösungen anbieten.

... muss man vielleicht einfach mal den faulen Arsch hochkriegen und überhaupt wählen gehen: Möglicherweise findet man ja wenigstens Teile seines Anliegens bei demokratischen Parteien wieder.

... macht man sich ein bisschen schlau über das Christentum und die Geschichte des eigenen Kulturkreises, bevor man vom Christlichen Abendland schwadroniert.

... fragt man sich, wenn man arm ist, was man selber täte, wäre man so furchtbar arm wie die meisten, die da als Flüchtlinge kommen.

... schämt man sich, wenn man nicht arm ist, sondern nur Angst hat. Man schämt sich wenigstens ein klitzekleines bisschen. Erstens, weil auf der Hand liegt, dass die eigenen Ängste ein Witz sind, verglichen mit der Angst vor Folter und Fassbomben. Zweitens jedoch, und das ist womöglich entscheidend, weil diese deutsche Ängstlichkeit so überhaupt nicht passt zum Stolz eines tapferen Verteidigers des Christlichen Abendlandes.

Gut, dass wir mal drüber gesprochen haben! Ging nicht anders, angesichts der deutschen Visionen des Doctor Anselm Lorwitz in agrippas mund.

Köln, im Juli 2016

Man sagt, sie hätten keinen Plan. Man sagt, sie wollten nicht beschließen, was das dumme Volk gefordert habe. Man sagt, sie hätten Angst vor Klein-England nach einem Scoxit. Ihnen ginge der Arsch auf Grundeis. Kein Öl mehr. Keine Fischgründe. Keine Häfen für ihre Atom-U-Boote. Kein Binnenmarkt und dann auch noch das Totenglöcklein für die City of London.
Man sagt, Kontinentaleuropa zerfranse nun in Egoismen, ganz und gar unfähig, der Krise Herr zu werden. Man sagt, Deutschland müsse führen, wenn es nur könnte. Egal: Hunderttausend unkontrolliert eingereister Flüchtlinge werden schon irgendwann artig „danke“ sagen, dafür dass Deutschland seine Führungsfähigkeit ihrem Überleben geopfert hat.
Man sagt, nun müsse in die Zukunft investiert werden. Und die Länder des Südens seien sich weitgehend einig darin, die Investitionen mit dem Geld deutscher Steuerzahler zu finanzieren. Bitteschön: wenn man die EU-Gegner in Deutschland entscheidend stärken will!
Man sagt, das erratische Prozedere provoziere Nachahmer. Nun ja - die Dummen werden nicht alle. In Frankreich nicht. Und auch sonst nirgendwo.
Man sagt, die Vorteile der Europäischen Union seien nicht genug betont worden. Frieden, weitgehende Sicherheit, die Möglichkeit, sich auf einem ganzen Kontinent frei zu entfalten und dabei an ganz vielen Orten auch noch mit demselben Geld zu bezahlen ... klar, man kann die drei, vier Sachen täglich tausend Mal verlautbaren. Nur - was unterschiede uns in der Methode dann noch von totalitärer Propaganda? Man kann schließlich das Volk nicht für unendlich blöd halten und zugleich mehr Volksabstimmungen fordern. Jedenfalls nicht ohne böse Absicht.

Man sagt schließlich, die Gründer hätten Plan-B ausgerufen: Das Polis-Projekt. Damit wurde, wie Das Archiv der Gründer hinreichend belegt, schon einmal die Überlieferung korrumpiert und in Teilen ausgelöscht. Um sich dieses Ausmaß von Unbelehrbarkeit zu leisten, muss man schon fast allmächtig sein. Oder komplett ohnmächtig. Ein Fall, wo sich die Extreme berühren.

Aber das sind alles Hypothesen. Fest steht lediglich, dass der Kirchenschatz von Sveta Marija zu Zadar ein Reliquiar mit einem Wirbelknochen der sogenannt Heiligen Ursula aufbewahrt. Wohingegen nunmehr durchaus unklar ist, ob die Kirche des 1091 gegründeten Benediktinerinnen-Konvents zugleich Pfarrkirche gewesen sein kann, wo Don Anselmo seines Amtes waltete.

Wir wissen. Nichts.

Wäre ich Heinrich von Kleist, würde ich titeln: Über die allmähliche Verfertigung der Welt beim Schreiben.

Köln, im August 2016

Offenbar ein Phänomen unserer Tage: Donald Trump und sein außer Kontrolle geratener republikanischer Pöbel, Sultan Gaga im 1000+1-Zimmer Palast zu Ankara, Viktor Orban in Ungarn, Jaroslaw Kaczynski in Polen, die Boris Johnsons und Nigel Farages an der Spitze von Millionen Brexit-Befürwortern ...
... es war nur eine Frage der Zeit, bis die Soziopathen vom IS das Potential der individuell und ganz persönlich Geistesgestörten für sich nutzbar machen würden. Nun müssen wir aushalten, was auf uns zukommt. Es wird lange dauern, blutig sein und ermüdend. Es wird Biographien prägen und die Medien: Ich warte auf die erste deutsche Fernsehserie im Zeichen des Terrors. Wir werden weinen und in Sicherheitsdingen eine ganz neue Disziplin erlernen. Wenn wir uns im Westen sehr blöd anstellen, könnten wir sogar bürgerkriegsähnliche Zustände erleben. Zumindest das sollten wir mit aller Entschlossenheit verhindern.
Natürlich macht es einen rasend wütend zu hören, wie ein friedlicher freundlicher Muslim aus der Nachbarschaft die Dinge erklärt, sogar jetzt noch predigend mit diesem provozierend erhobenem Zeigefinger: Ja, ganz schlimm und furchtbar, man bete für die Opfer. Diese Zertrampler vom IS hätten nichts, aber auch gar nichts mit dem Islam zu tun, das sei am allerwichtigsten, wichtiger noch als das Gebet für die ungläubigen Opfer des Terrors. Denn immerhin trage der Westen ja eine gewisse Mitschuld.
Natürlich wünscht man sich, dieser muslimische Nachbar dächte anders und ergriffe entschlossen die Partei des Landes, in dem er ja immerhin freiwillig lebt. Natürlich kann man auch fragen, ob es klug war, ihn mit finanziellen Anreizen gegen sein Gewissen zu uns uns moralisch verderbten Kreuzzüglern in den Westen zu locken. Alles geschenkt. Aber JETZT ist er unser Mitbürger und hat das unumstößliche Recht, auch so behandelt zu werden. Sogar wenn ein Haufen türkischer Schreihälse auf deutschem Boden für die Todesstrafe in der Türkei demonstriert - sie sind unsere Mitbürger. So wie auch jedes Neonazi-Arschloch unser Mitbürger bleibt und nicht außer Landes gejagt wird.
Das sind die Zumutungen der freiheitlichen Demokratie. Entweder man hält sie aus oder man schlittert in einen Bürgerkrieg und tut dem IS den größtmöglichen Gefallen. Denn das ist es, was er sich am meisten wünscht: Dass wir seine Agenda abarbeiten. Dass wir uns selbst zerlegen und damit schaffen, was er nie und nimmer schaffen könnte. Denn dafür ist er viel zu mickrig.
Jeder, der mal mit einem schweren Schicksalsschlag oder einer lebensgefährlichen Krankheit zu tun hatte, weiß: Manche müssen sterben, andere dürfen weiterleben. Die Entscheidung darüber fällt ohne jede Gerechtigkeit. Das Leben kennt keine Fairness. Die Opfer sind tot. Die Hinterbliebenen nur allzu oft ungetröstet, mit ihrer Trauer allein. Wir freien Menschen sind viel zu selten gute Menschen.
Aber das Leben kennt auch das Gesetz der großen Zahl. Und da kann man nun sehr gelassen feststellen: Wir sind Milliarden. Sie sind in paar lumpigen Tausendern zu messen. Sie können viel kaputt machen und allzu viele von uns töten. Aber sie werden nie über uns herrschen. Egal, was ihnen noch einfällt: dafür sind sie zu wenige. Sie haben längst verloren. Sie wissen es nur noch nicht.

Köln, im September 2016

Man könnte sagen, 33 mal 33 sei 1089 oder sonst irgend was. Man könnte auch sagen, es sei ein Arrangement aus Gold und Blei. Womit ich nicht, ich betone: NICHT, auf Aurum Agrippae und Plumbum Agrippae angespielt haben will. Jedenfalls nicht nur.

Man könnte behaupten, der Geist eines toten Mannes stehe in einem Raum. An der Decke des Raumes hinge ein Kronleuchter, bestückt mit jeweils zwei Kerzen pro Halterung, so dass sich der Abbrandprozess der beiden aneinander gequetschten Kerzen gegenseitig beschleunige und dicke Fäden Bienenwachs heruntertrieften, herunter auf den Geist, der zwar naturgemäß unsichtbar bliebe, dessen Umrisse aber durch das Wachs gleichwohl kenntlich gemacht würden.
Natürlich bleibt das Wachs nicht draußen am Geist haften! So’n Quatsch! Aber die Tropfen und Fäden, der kleine Schwall da und dort die Schliere - sie fallen gemächlicher, solange sie den imaginären Raum des Geistes durchqueren. Bis sie unten auf die Fliesen kleckern und zu gelblichen Fladen erstarren oder stumpfen Pyramiden.
Bei Rindertalgkerzen wäre das anders. Es können aber keine Rindertalgkerzen sein, weil wir uns mit dem Geist in einem königlichen Audienzgemach befinden. Da leuchtet man mit Wachs.

Man könnte sagen, Michel Sapin sei der französische Finanzminister und als solcher dem Euro besonders verpflichtet, wenn auch mit anderen Absichten als beispielsweise sein deutscher Kollege Wolfgang Schäuble. Ich jedoch behaupte, Philibert Sapin sei seinem Vater Claude-Joseph nicht gerecht geworden. Wobei sie beide ihren Ahnherrn, den Joseph Sapin, lp Zarentum Russland, nicht gekannt haben. Fleisch von seinem Fleische, dennoch steht er nur geschwärzt im Stammbaum. Man wird sehen, dass dies mit dem Euro etwas zu tun hat. Mit dem Euro und mit Gold. Über die Rohstoffpreise für Blei bin ich nicht informiert. Mit dem Euro also und mit dem Gold. Und mit den Dreiunddreißig.

Die haben sich nunmehr ebenso wunschgemäß wie erfolgreich dezentralisiert.

Wobei ich noch kein Wörtchen über Bibliothek oder Kunst- und Naturalienkammer derer von Klingenhoven zu Bucholtz verloren habe. Von den Einrichtungen Kaiser Rudol
fs II. in Prag ganz zu schweigen. So wie vom Abgesang. Oder der wundersamen Stadt des M. V. Agrippa.

Köln, im Oktober 2016

So, nun sind es also Prag, Köln, Lissabon und London. Immer da, wo wir bislang von Venedig sprachen, sagen wir ab jetzt: Prag, Köln, Lissabon, London. Und natürlich Venedig selbst, wenigstens ein bisschen noch.
Die Pariser werden mächtig sauer sein. Die Moskauer. Die Stockholmer. Die Warschauer. Nicht so sehr die Budapester, die fühlen sich aus Prag durchaus vertreten. Die alten Bande der Donaumonarchie, die um 1918 so dringend abgeschüttelt werden mussten, halten heute immer noch.

(Man muss mir diese Randbemerkung verzeihen. Ich lese zurzeit den kompletten Doderer noch einmal. Heimito von. Glauben Sie bitte nicht der Literaturkritik und Hilde Spiel! Halten Sie bitte nicht Die Strudlhofstiege für sein Hauptwerk. Ist es nämlich nicht. Man darf seiner Selbstauskunft hier durchaus vertrauen, die Strudlhofstiege sei bloß eine Rampe zu den Dämonen. Da fügt sich nämlich alles zusammen, was im vorigen Buch nur angedeutet wurde. Komisch, dass die Andeutung anerkannt wurde, während das Opus Magnum von der Literaturkritik weitgehend unbemerkt blieb. Lesen Sie auch Die Wasserfälle von Slunj. Fini und Feverl sind köstliche Figuren. Lesen Sie Ein Mord den jeder begeht und, bitte nur unter Alkohol, Die Merowinger oder die totale Familie. Wenn man sich nämlich nüchtern kaputtlacht, wirklich kaputtlacht, hat man noch am nächsten Tag Krämpfe im Gesicht. Mildern Sie das durch Alkohol - oder welches Gift Sie auch immer bevorzugen!)

Was ich nicht begreife, ist, dass man das Kölner nicht gegen das Berliner Archiv ausgetauscht hat. Köln lag in vertretbarer Nähe zu Bonn, der Hauptstadt der alten Bundesrepublik. Mehr als zwanzig Jahre her.  Doch irgendwie scheinen mir die Gründer nostalgieanfällig zu sein. Die alten Geschichten mit Marcus Vispsanius Agrippa machen es ihnen offenbar schwer, den Standort Köln zu verlassen. Was soll man da sagen? Er ist ja auch wahrscheinlich der älteste immer noch existierende, denn die antiken Stätten in Rom oder Numistro gibt es wohl nicht mehr. Ganz zu schweigen von Alexandria!
Gut, wie gestalten wir also fortan die Sprachregelung?
Die Angelsachsen haben ihre Five Eyes: USA, Australien, Neuseeland, Kanada und Großbritannien. Die haben sich versprochen, alle Informationen miteinander zu teilen  und gegenseitig nicht zu spionieren. Wer’s glaubt!
Jedenfalls wollen sie die Bundesrepublik nicht aufnehmen: Kann man auch verstehen. Alle fünf Nationen haben gekämpft und geblutet, um im Ersten und Zweiten Weltkrieg Deutschland zu besiegen. Warum sollte man jetzt die Geschlagenen an den gemeinsamen Tisch lassen?
Also Butter bei die Fische! Die Fünf Archive? Immer noch zu dröge, nicht wahr?
Weil es früher einmal Archivum Agrippae geheißen hat, AA, schlage ich eine andere Lösung vor: A5A. Die fünf Archive Agrippas. Warum die "5" in der Mitte steht? Weil der korrekte Plural von Archivum auf -a endet. Da hieße es folglich Archiva Agrippae. A folgte auf A. Und das klingt nicht gut, finde ich.

Köln, im November 2016

Was bleibt nach acht Jahren Obama?
Die vollendeten Desaster in Afghanistan, Irak, Syrien und Libyen. Islamistischer Terror in aller Welt. Ein sehr schlanker Fuß, den sich die USA machen, gegenüber den Flüchtlingswellen, die sie verursacht haben.
Ein ruiniertes Verhältnis zu Russland, das man ohne jede Not mit dem Begriff “Regionalmacht” gedemütigt hat, woraufhin Putin vom zynischen Machtpolitiker zum wahnsinnigen Menschenschlächter mutierte.
Ein bröckelndes Bündnissystem im Pazifik.
Das tiefe Unbehagen des flächendeckend abgehörten und ausspionierten freien Westens gegenüber dem Hegemon USA.
Nach dem Crash von 2008: Viele Menschen in Not. Die beinah weltumspannend ätzende Verachtung der Massen gegenüber den politischen und ökonomischen Eliten. Neue desaströse Blasen an den Finanzmärkten.
Ein zutiefst gespaltenes Land. Die beiden unbeliebtesten Präsidentschaftskandidaten ever.
Obamacare, das besser hätte organisiert werden müssen, aber auch besser ist als gar nichts.
Ein lächerlicher Friedensnobelpreis.
Das Durchbrechen der gläsernen Decke, die farbige Menschen bislang daran hinderte, in das mächtigste Amt der Welt gewählt zu werden.
Wenn alles gut geht, das Durchbrechen der gläsernen Decke für Frauen.

Nun ja, die Welt dreht sich.

Köln, im Dezember 2016

Vielleicht am erstaunlichsten ist das komplette Versagen von Medien und Prognoseindustrie. Gar nicht so erstaunlich die Frechheit, mit der jetzt dieselben Leute es im Grunde immer schon gewusst haben wollen und sich flugs zur Stimme der wirtschaftlich Abgehängten und politisch Unkorrekten erklären. Was wollen sie sonst machen? Auch sie müssen ja jeden Monat ihre Miete zahlen, und das würde schwierig, gingen die Drechsler der steilen Thesen auch nur eine kurze Weile lang in Sack und Asche.
Man übertreibt wohl nicht mit der Behauptung, dass die Diskrepanz zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung niemals größer war in den Ländern des freien Westens als vor der Wahl Trumps. Vor dem Brexit hatten wenigsten noch alle gesagt, es würde knapp. Sehr knapp. Auch wenn am Ende die Vernunft siegen würde.

(Ich persönlich glaubte damals nicht einmal, dass es so besonders knapp ausginge, baute ich doch fest auf den kühlen Egoismus der Briten. Dass am Ende der allervulgärste Klamauk siegen würde, inklusive Mord am politischen Gegner, hatte ich nicht auf dem Schirm.
Dies vorausgeschickt.
Für die US-Wahlen war ich bereits deutlich skeptischer nach zwei gescheiterten Präsidentschaften Obama und all den dummen, kleinen, hässlichen Fehlern, geboren aus Gier und Arroganz, mit denen Hillary Clinton dem Gegner zuverlässig ihre offene Flanke bot. Meine Hoffnung Anfang November, ausgesprochen im letzten editorial, begann deshalb mit den vorsichtigen Worten: Wenn alles gut geht ...
Ging es aber nun mal nicht.)

Es ist in einer repräsentativen Demokratie überhaupt nicht schlimm, wenn die Eliten in Politik und Medien gelegentlich etwas anderes wollen als die Mehrheit der Wahlbürger. Dafür sind eben die Politiker unsere Repräsentanten und die Medien die Vierte Gewalt - um den Willen der Wahlbürger zu filtern. Um es besser zu entscheiden und besser zu erklären als viele der Wahlbürger könnten.
Schlimm wird es jedoch, wenn die Eliten auf Dauer gegen den Wählerwillen entscheiden und erklären. Und geradezu entsetzlich wird es, wenn der mehrheitliche Wählerwille dem Inhalt und dem Ausmaß nach gar nicht mehr erkannt wird von den Eliten. Wenn man dem Inhalt nach hunderte Millionen Globalisierungsverlierer dazu verdonnert, sich gefälligst ohne Mucken im sozialen Abseits einzurichten, ohne irgendwelche Ressentiments zu entwickeln. Und wenn man gar nicht mehr merkt, dass die Verlierer der Globalisierung zurzeit fast so viele, wenn nicht sogar mehr sind als die Gewinner. Dann schlägt die Stunde der Demagogen. Die geht uns jetzt gerade auf den Wecker.

Nein, ich weiß nicht, wie wir den Ertrag von siebzig Jahren fortschreitender Demokratisierung durch unsere Zeiten retten sollen. Vielleicht schwingt jetzt einfach das Pendel zurück für eine Weile.
Überhaupt verfüge ich schon seit längerem nicht mehr über privilegiertes Wissen aus dem Kreis meiner Auftraggeber. Was ich hierzu beisteuern kann ist nur eine verbürgte Bemerkung von James Brodkey, dem Chef des Neuweltrats CNM, der gesagt hat: „Das wird jetzt ein hartes Stück Arbeit!“.
Außerdem soll er gesagt haben - aber das ist nur Gerücht - es habe gar keinen Zweck, Trump zu erschießen, denn der Vizepräsident und hinter ihm eine moralisch wie intellektuell ruinierte Partei, wären auch ohne Trump schlimm genug. Viele dieser Leute seien Überzeugungstäter und deshalb womöglich noch gefährlicher als Donald Trump, das personifizierte Vakuum rund um einen Kern aus kaltschnäuzigen Egoismus. Man könne sich bei Trump immerhin darauf verlassen, dass nicht ‚America first‘, sondern stets ‚Trump first‘ käme. Deshalb werde er nicht die Welt auslöschen, in der er ja immerhin seine Türme bauen, seine Flugzeuge fliegen und seine Miss-Wahlen veranstalten wolle. Dessen könne man sich bei den Überzeugungstätern, die mental immer noch das Reich des Bösen bekämpften, durchaus nicht sicher sein. Vielmehr wäre die versehentliche Auslöschung der Welt unter diesen Leuten noch ein Fitzelchen wahrscheinlicher als unter einem Präsidenten Trump.

Hat irgend jemand bisher erkennbar was gelernt? China weiß jetzt, dass es viel rascher zu den USA aufschließen wird, als es je zu hoffen gewagt hätte. Putins Russland sieht sich in seiner Hoffnung bestätigt, ein zumindest partieller Rollback sei möglich.
Der größte Player im Westen jedoch, absehen von den Vereinigten Staaten selber? Das Silicon Valley? Ich glaube nicht, dass diese wertfrei Technologiebesoffenen schon verstehen, wie groß der Anteil ihrer Netze daran war, durch Hass und Lüge einen tumben Globalisierungsgegner an die Macht zu bringen. Die werden sich noch über den Protest arbeitsloser Hebammen wundern, nachdem sie den Geburtsvorgang digitalisiert haben.
Der scheidende Präsident? Durchaus honorig, wie der Mann abtritt! Nur leider außenpolitisch blöd, wie eh und je. Was glaubte dieser Pfiffikus wohl, wie sich Europas Staatschefs fühlten, als er sie zur Abschiedsaudienz in Berlin bei Merkel antanzen ließ? Ging es nur darum, ein paar Flugstunden zu sparen? Ich fürchte, der Mann ist so naiv, dass er ernsthaft glaubte, damit Merkel und dem vorläufig noch stabilen Deutschland in Europas Mitte einen Gefallen zu tun.
Die Bundeskanzlerin? Musste sie bei dieser neuerlichen Demütigung wichtiger Partner mitspielen, nachdem ihr schon die New York Times nach der Wahl Trumps die Führung des freien Westens angetragen hatte? Null Fingerspitzengefühl? Offenbar hat sie den Knall nicht gehört. Es gab ja durchaus gute Gründe für die deutsche Austeritätspolitik. Aber aus wie guten Gründen auch immer zuerst zig Millionen Südeuropäer ins persönliche Elend zu stürzen, um dann die Rettung einer Million Flüchtlinge zur gemeinsamen humanitären Aufgabe zu erklären - das konnte nicht funktionieren. Erst recht nicht, weil sie zuvor Italien in seiner Flüchtlingsnot im Stich gelassen hatte und auf die Migrationsprobleme Frankreichs und Englands ebenso wenig Rücksicht nahm wie auf die Bedürfnisse der jungen osteuropäischen Demokratien nach Souveränität und rechtsstaatlichem Grenzregime.
Wie schlimm sich dieser gutmenschliche Fehler eines Tages noch rächt, sei dahingestellt. Gewiss hat er jedoch schon beim Brexit eine große Rolle gespielt. Auch Trump, der vermutlich gar nicht weiß, in welcher Stadt der Kölner Dom steht, konnte die Kölner Silvesternacht als Exempel scheiternder Integrationspolitik missbrauchen, um den Hass seiner Wähler auf mexikanische Immigranten zu pushen.
Die Wahl des russlandfreundlichen neuen bulgarischen Präsidenten wäre ohne Merkels Flüchtlingspolitik schlechterdings nicht vorstellbar.
Den Einfluss auf das italienische Verfassungsreferendum sollten wir nicht unterschätzen, so wenig wie die Rolle bei der nachgebesserten Präsidentenwahl in Österreich. Da brauchen wir von der Steilvorlage für Le Pen und Wilders gar nicht zu reden.


Was also bleibt? Mir fällt nichts besseres ein als Heinrich Heines Gedicht

Doktrin

Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.

Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Trommle Reveille mit Jugendkraft,
Marschiere trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.

Das ist die Hegelsche Philosophie,
Das ist der Bücher tiefster Sinn!
Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit,
Und weil ich ein guter Tambour bin.

Köln, im Januar 2017

"Bertuccio Manini hielt die klassische Sonntagsrede." - so der letzte Satz von agrippas mund.
Genau das, die Sonntagsrede nämlich, will ich heute nicht halten. Überhaupt keine Rede. Nicht mal ordentliche Sätze, denn was ich zu sagen habe, passt in ein paar Wortfetzen: Heilen! Lindern! Trösten! Bisschen aufpassen! Ansonsten ein fröhliches Leben und den Sicherheitsbehörden eine gute Jagd!

Köln, im Februar 2017

Inzwischen sind so ungefähr hundert Tage herum, da darf man wohl mal fragen, wie sich die A5A, Agrippas fünf Archive, bewährt haben seit der Umstrukturierung Ende 2016.
Nach allem, was man hört, ist Köln für die EU zuständig.
Der (nach wie vor) Hauptsitz Venedig kümmert sich um den übrigen Raum der Gründer, einschließlich Russland, sowie den Mittelmeerraum, und den Nahen Osten. Außerdem natürlich um die Koordination der A5A.
Prag blickt nach Asien. Lissabon ist bei der Afrikapolitik federführend. London macht Amerika.

Ergo:

In Köln bereitet man die Wiederauflage des Polis-Projektes vor, weil man glaubt, dem Zerfall der EU nichts entgegensetzen zu können. Jedenfalls nicht mit dem jetzigen Führungspersonal der Mitgliedsländer. Und erst recht nicht mit dem, was uns in Europas diesjährigen Wahlen droht. Dieses Szenario, ergänzt um Trumps antieuropäische Politik, macht die Bildung einer Rückzugslinie zwingend erforderlich.

Vom Einfluss Venedigs auf Russland, etwa bei der Bombardierung Aleppos, war nicht viel zu spüren. Die Koordination der fünf Archive allerdings funktioniert reibungslos. Ebenso die Politik gegenüber der muslimischen Welt und der von dort drohenden Terrorgefahr.

Ob es auf Prags Konto geht, dass Chinas Staatschef sich in Davos zum Großanwalt des Freihandels ausrief, weiß ich nicht. Immerhin lässt diese Volte schmunzeln.

Lissabon zeigt gute Ansätze, durch eine verbesserte Afrikapolitik den Migrationsdruck Richtung Europa zu mindern.

Und das Londoner Archiv der Gründer? Beim Deal zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC hat es wohl eine Vermittlerrolle gespielt. Ob es jedoch zwischen dem vulgären Irren im Weißen Haus und Europa vermitteln kann, ist durchaus fraglich. Denn da ist ja auch noch Londons Funktion als Provinzialarchiv, das die Angelegenheiten der Gründer im Post-Brexit-Land managen muss. Der Gerichtsentscheid pro Parlamentsbeteiligung ist ein wichtiger Etappensieg. Und die Petition, Herrn Trump möge ein Besuch bei der Queen verwehrt werden, ist eine richtig feine Sache.

Schauen wir mal, ob zumindest der Euro den Sommer übersteht. Wenn es denn noch einen Sommer gibt! Trumps Entscheidung, im Nationalen Sicherheitsrat ausgerechnet den Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs zu entlassen und durch den rechtsradikalen Bannon zu ersetzen, lässt jeden, aber auch jeden Irrsinn denkbar erscheinen.

Auf das Schlimmste vorbereitet sein und das Beste versuchen, so lautet seit jeher die Regel für schwierige Zeiten.

Köln, im März 2017

Trumps Rede vor dem Kongreß war natürlich ein populistisches Meisterwerk, besonders da, wo er mit der weinenden Soldatenwitwe spielte, während nur die neutrale Kameraführung ganz kurz enthüllte, wie zeitgleich der Kommandeur des Marine Corps keinen Finger zum Applaus rührte, sondern in kalter Verachtung vor seinem Oberkommandierenden saß, der seine Jungs sinnlos verheizt hatte. Hatte wiederum Bannon geschrieben, in altbewährter Arbeitsteilung?
Trump der Narzisst und Steve Bannon der Soziopath, schlau genug, seine Krankheit zur heiligen Mission zu überhöhen.
Trump das verwöhnte Kind, das alle Knöpfe im Aufzug gleichzeitig drückt. Bannon der eingebildete Geschichtsphilosoph, ein Determinist, der das Weltgeschehen fein säuberlich in Abschnitte von siebzig Jahren zerlegt.
Der Wirrkopf und der analfixierte Präzisionsfanatiker.
Brisante Mischung. Zumal sie sich - inzwischen mit erfreulicher Eindeutigkeit - gegen die EU wendet. Amerika wie Europa werden kämpfen müssen, um nicht unwiderruflich verändert zu werden.

Breitbart News oder Bannons Propagandafilmchen sind nur professionell gemachte Kinderkacke, perfekt zugeschnitten auf ein geruchsblindes Publikum, das für Argumente längst nicht mehr erreichbar ist.
Demgegenüber tut Bannon durchaus elitär, sobald er per Skype an den Konferenzen faschistoider Kurienkardinäle teilnimmt. Trotzdem gerät ihm auch dort seine Rede zum wüsten Blabla aus Antiislamismus und rohestem Kapitalismus in religiöser Verbrämung. Die Pläne zur systematischen Aushöhlung staatlicher Institutionen spart er im Vatikan wohlweislich aus.
Glauben kann man ihm wohl, dass er seine sogenannte Religion ernst meint - kenne ich doch diesen Gemütswurm recht gut aus eigener Erfahrung. Schon von Heinrich Böll habe ich gelernt: Es ist leicht, den Jungen aus dem katholischen Dorf herauszukriegen. Sehr schwierig wird es, das katholische Dorf aus dem Jungen rauszukriegen.

Steve Bannon also, der katholische Abkömmling von Iren und Liebhaber des Krieges, möge doch einfach die Bilder eines größeren Unfalls anschauen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie ein Schlachtfeld aussieht. Und dann soll er noch mal gründlich überlegen, ob Wall Street den Menschen tatsächlich schlimmer zum Objekt erniedrigt als ein Stück Stahl in den Därmen. Merkwürdig, dass er als Marineoffizier unter Beschuss so gar nichts gelernt hat, außer Sun Tse!

Den kennen wir auch. So wie uns manch anderes Strategem und Kalkül durchaus geläufig ist. Wahrscheinlich schützt nur das genaue Betrachten leidender und sterbender Menschen davor, den Helfer IN der Not mit dem Retter VOR der Not zu verwechseln.

Die Gründer sind sich der islamistischen Bedrohung des freien Westens mindestens so bewusst wie der Amateur in Trumps Nationalem Sicherheitsrat. Die Gründer haben Konstantinopel verteidigt und die Angreifer bei Poitiers zurückgeschlagen. Sie haben die islamischen Besatzer aus Spanien vertrieben und zwei Mal auf den Mauern Wiens gestanden. Sie haben Seite an Seite mit den Rittern auf Malta gekämpft - das macht es besonders ärgerlich, wenn seit 2014 ausgerechnet Raymond L. Burke, einer von Bannons Gesprächspartnern, Kardinalpatron des Malteserordens ist. Die Gründer haben das ewige Athen vom Türkenjoch befreit. Und sie sind fest entschlossen, ihren Raum gegen diese Bedrohung weiterhin zu schützen. Aber sie haben auch gelernt, die Schlachten der Vergangenheit vergangen sein zu lassen.
So standen die Gründer zum Beispiel gegen Serbien, als die Serben das Kosovo zum unverzichtbaren heiligen Schlachtfeld gegen den Türkensturm für sich reklamierten, ein paar hundert Jahre zu spät.

Die Gründer haben gelernt, dass der Monotheismus das eigentliche Übel ist. Und so, wie sie die Aufklärung vor der katholischen Kirche gerettet haben, so werden sie Europas Erbe gegen den Islam beschützen. Aber nicht in einem verqueren Bündnis mit ultrakonservativen Kurienkardinälen, wie Bannon es vorhat. Sondern im Bund mit den Freien und Klugen und Trotzigen, mit den Traurigen, die eingesehen haben, dass Pazifismus und Liberalität alleine nicht gegen die Feinde der Freiheit helfen. Und mit den Hedonisten, die um ihre Freiheit fürchten.

So viel dazu. Was das Gejammer der Transatlantiker angeht, denen ihre Denkstruktur abhanden kommt, so stimme ich nur eingeschränkt in diese Töne ein. Die Denkstruktur passte nämlich schon eine ganze Weile nicht mehr zu den Fakten. Amerika hat im Irak, ganz ohne Not, die Büchse der Pandora geöffnet - und sich dann aus dem Staub gemacht. Die Folgen trägt Europa. Ähnlich kann man das für Libyen sagen. Oder für die zahllosen Versäumnisse Obamas in Syrien. Oder gegenüber Israel: In den letzten zwanzig Minuten einer Präsidentschaft den ebenso dummen wie bösartigen Siedlungsbau der Regierung Netanjahu zu verurteilen, das hat dem Frieden im Nahen Osten nun wahrlich nicht gedient. Mit den Folgen, mit der Not und den Flüchtlingsströmen wird Europa allein sein, so wie es heute schon im subsaharischen Afrika, etwa in Mali allein ist. Oder in Nordafrika, wo es mehr und mehr um die Steuerung der Flüchtlingsströme geht.
Und der Deal mit dem Iran? Es soll doch bitte niemand glauben, die ungemein raffinierten Ajatollahs ließen sich ebenso leicht kontrollieren wie weiland Saddam.
Was war mit der Ukraine? Zugegeben, hier hat Europa sich, obwohl viel zu schwach auf der Brust für solche Spielchen, in eine strategische Überdehnung vergaloppiert. Angetrieben und unterstützt übrigens von solchen US-Firmen wie Monsanto, die die stupend fruchtbaren Böden der Ukraine vielleicht nicht als geostrategischen, aber als ökonomischen Trumpf sahen. Man darf sich fragen, was aktuell im neu entstandenen Bündnis Bayer/Monsanto diesbezüglich gedacht wird.
Doch wo blieb damals die transatlantische Allianz? Alles, was man hörte, war Senator McCain, der Deutschland aufforderte, Waffen an die Ukraine zu liefern. Dann gibt es noch Sanktionen, die offenkundig nicht wirken. Inzwischen dürfte klar sein, das Russland die Krim nicht mehr hergibt, und unser Freier Westen kann sich glücklich schätzen, wenn die Ostukraine sich mit der aktuellen Frontlinie als Grenze zufrieden gibt, anstatt mit Putins Hilfe gen Westen zu marschieren.
Als Lehre bleibt: Wer nicht ernsthaft bereit ist, Krieg zu führen, der soll nicht machtpolitisch mit den Muskeln spielen! Außer er kommt locker damit klar, wenn man ihn mit Schimpf und Schande vom Hof jagt.
Ach ja: die paar neuen schweren Waffen in den baltischen Staaten hätte ich fast vergessen. Und Deutschlands Bataillon. Mehr bringt der Freie Westen nicht zustande.

Es ist aber auch vieles dran, dass sich meisten Europäer in der NATO, geborgen unter dem vermeintlich sicheren amerikanischen Nuklearschirm, zwanzig Jahre lang einen ziemlich schlanken Fuß gemacht haben. Allen voran Deutschland. Außer dem moralisch hoch erhobenen Zeigefinger sah man oft keinen europäischen Beitrag zur Lösung von Weltkrisen. Nicht einmal den Balkan konnten wir selbst in Ordnung halten.

Europa hat sich lange etwas vorgemacht, wurde natürlich auch permanent gestört von der britischen Obstruktionspolitik, die jede eigenständige europäische Verteidigungsanstrengung als Schwächung der NATO ablehnte. Nun ist es Zeit zu liefern. Finanziell kein Problem. Gemeinsam geben die EU-Staaten mehr als drei mal so viel für ihre Verteidigung aus wie Russland. Mit einer solchen finanziellen Überlegenheit müsste sich eine effektive Abschreckung leicht organisieren lassen.
Nur kommen jetzt leider die nationalen Egoismen ins Spiel, die alles vom hundertsten ins tausendste verkomplizieren. Jemand in der Peripherie von Madrid produziert Munition, die nicht zum MG aus dem Ruhrgebiet passt. Oder die Firma Airbus kann wunderbare zivile Flieger bauen. Nur die neuen Transportflugzeuge der Bundeswehr stehen im Augenblick, wo ich dies schreibe, allesamt einsatzuntauglich im Hangar. Brandneu und schon wartungsbedürftig. Wird Europa zum Opfer seiner kurzsichtigen nationalen Industriepolitiken? Dann sollte insbesondere Deutschland besser Trumps Angebot annehmen, Waffen bei den Amerikanern zu kaufen, um das deutsch-amerikanische Handelsbilanzdefizit zu reduzieren. Nutze, was der neue Feind dir geben will! Ansonsten keine Schnitte, kein Zurückweichen! Amerika soll Europa zunächst einmal besiegen, wenn es kann. Gelingt es ihm, wäre das keine Schande für Europa - wenn auch eine Katastrophe. Noch katastrophaler und schändlicher wäre es, würde Europa wie ein verschreckter Hühnerhaufen auseinander rennen, sobald Amerika mal in die Luft ballert.

Doch bleiben wir bei der Kernfrage: Ohne atomare Abschreckung bliebe ein auf sich allein gestelltes Europa jederzeit durch Russland erpressbar. Wir brauchen also atomare Abschreckung.
Die Briten wollen ihr atomares Potential als Verhandlungsmasse in die Brexit-Verhandlungen einbringen, worauf Europa nicht eingehen sollte. Die Insel jenseits des Kanals würde sowieso zuallerletzt angegriffen. Warum die Briten den Untergang von London riskieren sollten, um Litauen atomar zu schützen, will mir nicht einleuchten.
Frankreich hat den Deutschen in der force de frappe Unterschlupf angeboten - gegen finanzielle Beteiligung und politisches Wohlverhalten selbstverständlich. Gilt dieser Schutz auch für Polen? Und wenn ja: was wäre, wenn in vielleicht zehn Jahren der Front National die französischen Präsidentschaftswahlen gewönne? Keine leichte Entscheidung.
Deutschland könnte den skandinavischen und ostmitteleuropäischen Staaten atomaren Schutz anbieten. Jederzeit ... finanziell ... technologisch. Ich denke, hundert Tage genügen, um Deutschland atomar zu bewaffnen. Und ein paar U-Boote mit den geeigneten Abschussvorrichtungen ließen sich auch organisieren. Die Frage ist nur, ob die erhofften Partnerstaaten eine solche deutsche Führungsposition überhaupt noch akzeptieren würden, nachdem Frau Merkel Deutschland in Europa isoliert hat. Und die zweite Frage ist, ob Deutschland willens und in der Lage wäre, zurückzuschießen, und etwa den Untergang von Berlin zu riskieren, wenn Herr Putin Tallinn oder Riga erobern wollte - oder Polen wegen irgendwelcher Streitigkeiten an dessen ukrainischer Grenze bedrohte?

Alles unangenehm existentielle Fragen. Aber wenn wir uns diesen Fragen nicht endlich stellen wollen, dann bleibt uns nur, vertrauensvoll auf die Herren Trump und Bannon zu warten.

Unendlich viel wird davon abhängen, was Trump und die Seinen tatsächlich mit Russland verbindet und was die US-Nachrichtendienste davon durchsickern lassen. Ein Donald, der Moskauer Prostituierte anheuert, um sie in das Bett pinkeln zu lassen, in dem Barack und Michelle übernachtet haben, wäre einerseits ungeheuer erpressbar, andererseits möglicher Grund für ein Impeachment. Aber auch da wird die Sache natürlich wieder heikel. Denn was macht jemand wie Trump in den letzten zehn Minuten, bevor er aufgibt? Wen bombardiert er da?
Was wäre wohl, wenn ein unheilbar kranker amerikanischer Viersternegeneral zuerst seinem Oberkommandierenden und alsdann sich selbst neun Millimeter zwischen die Augen verpasste? Danach hätten wir es dann mit den Pence, den Mattis, Tillersons und McCains zu tun. Auch nicht schön, doch immerhin besser als der Ist-Zustand. Allerdings wohl eine trügerische Hoffnung.

Nein, ich denke nicht, dass Trump ganz bewusst die Demokratie abschaffen will. Er hat schlicht ein paar gemeingefährliche Ansichten über die Struktur des Staates und den Umgang mit anderen Mächten. Ein Unternehmer halt, der sich immer schon über die Bauaufsicht geärgert hat - und Kunden, Gläubiger wie Lieferanten brutalstmöglich betrügt. Darüber hinaus hat er keinen Plan, was gefährlich genug ist.
Richtig schlimm aber ist der Soziopath im Hintergrund, Stephen Bannon, der seinen Präsidenten als “ziemlich grobes Werkzeug” bezeichnet. Und genau hier sollten alle Gegner der neuen Administration ansetzen. Diesseits wie jenseits des Atlantiks. Das sollten sie unablässig in Trumps schwaches Kurzzeitgedächtnis hämmern und meißeln: Du lässt dich von einem beraten, der dich als Werkzeug betrachtet. Du Loser! Du bist kein Anführer, du bist nur Steve’s Puppe.
Das wird Trumps Ego auf Dauer nicht aushalten - und siehe, die Tage Bannon’s im Weißen Haus wären gezählt. Was man da jüngst beim gemeinsamen Auftritt mit Priebus beobachten konnte, was schlechtes Theater. Der Machtkampf tobt nicht nur draußen im Land und im Kongreß. Der Machtkampf tobt mitten im Weißen Haus. Und der Stabschef ist nicht Bannons Freund.
Ansonsten empfehle ich, vom russischen Präsidenten zu lernen. Der lässt zurzeit von Kognitionsforschern, Psychologen und Psychiatern ein Gutachten über Trump erstellen. Wär doch gar nicht schlecht, wenn auch die Europäer ein paar Psycho-Trigger wüssten, wenn es ans Verhandeln geht.

Zunächst wird die neue Administration versuchen, den widerwärtigen Ted Malloch als Botschafter bei der EU zu installieren. Dem sollten wir schlicht und ergreifend die Akkreditierung verweigern. Jemand, der erklärtermaßen unsere Union zerstören will, kann nicht Botschafter bei uns sein.

Danach wird die Administration - unter Umgehung der EU - bilaterale Verhandlungen mit Europas Ländern anstreben. Wenn sie so arbeiten wie bisher, gehen sie dabei zunächst einmal konfus vor. Sobald sie gelernt haben dann mit perfekt auf jedes Land zugeschnittener Drohung und Lockung. Hoffen wir, dass Europas Staaten widerstehen und sagen: Nein danke, die Tür befindet sich in Brüssel!

Zuletzt sind gezielte Angriffe auf Schlüsselbranchen oder einzelne Weltkonzerne denkbar. Die meisten davon sitzen in Deutschland. Fraglich, ob in der gegenwärtigen Stimmung Europa solidarisch sein wird mit dem Exportweltmeister. Da brauchen wir den spitzen Bleistift, um herauszufinden, wie hart es uns trifft. Die meisten Amerikaner, die sich einen BMW oder eine Stihl-Motorsäge leisten können, werden ihr Produkt auch kaufen, wenn es durch Zölle oder Steuern dreißig Prozent teurer wird. Es ist halt so, dass nach unseren Weltmarktführern ganz lange gar nichts kommt. Das Qualitätsgefälle zum Zweitplatzierten ist in aller Regel riesig. Viele Betriebe in den USA, die auf Lieferung oder auch nur Wartung aus dem deutschen Maschinenbau angewiesen sind, werden schlicht keine andere Wahl haben, als weiterhin deutsch zu kaufen, egal wie teuer. Amerika hat solche Industrien gar nicht mehr. Andere Wettbewerber haben die Industrien noch nicht. Es gibt auf dem Markt schlicht keine Alternative. Und wenn wir etwa an Medizintechnik oder Medikamente denken, dann wird automatisch Druck aus der amerikanischen Bevölkerung kommen, sobald die Versorgungslage sich spürbar verschlechtert oder auch nur verteuert.

Worauf wir fest rechnen können: Die betroffenen amerikanischen Firmen werden in Washington und ihren Bundesstaaten heftigste Lobbyarbeit machen. Vom BMW-Händler über die Baumarktkette Home Depot, die weiterhin Stihl-Motorsägen verkaufen will bis zum Joghurt-Produzenten in Dallas, dessen Abfüllstraße in Nürnberg gebaut und von dort gewartet wird.
Mehr noch als die Administration in Washington wird der Druck Republikaner und Demokraten in den betroffenen Bundesstaaten treffen: Was? Dein irrer Präsident macht mein Geschäftsmodell kaputt? Ich habe immer republikanisch gewählt und dir zuletzt viel gespendet. Damit ist jetzt Schluss! Die Midterm Elections für Senat und Repräsentantenhaus sind in zwei Jahren vorbei. Die Vorbereitung auf den Wahlkampf läuft schon jetzt auf Hochtouren. Das korrupte System, das wir kennen, kann viel Unheil verhindern oder wenigstens im Nachhinein korrigieren. Vielleicht denken wir noch mal über ein, zwei Dinge gemeinsam nach!

Wie werden die europäischen Länder reagieren? Solange Trump Griechenland nicht die Übernahme seiner Schulden anbietet, wird aus Griechenland nicht viel kommen. Die haben eben falsch gewirtschaftet und hängen nun am europäischen Tropf. Auch, wenn es höchst fragwürdig ist, dass die deutsche Verkäuferin mit ihren Steuern bürgt, damit der griechische Reeder keine Steuern zu bezahlen braucht, ist doch von entscheidender Bedeutung, dass im Frühjahr für Griechenland gesorgt wird. Europa kann sich im Moment keine lange Grexit-Diskussion leisten. Darüber hinaus sollten wir den dreckigen Flüchtlingsdeal mit der Türkei beenden und zwanzig Milliarden in die Hand nehmen, um in Griechenland für die Flüchtlinge Auffanglager zu schaffen. Wir wären nicht länger von Erdogan abhängig. Wir würden für die Flüchtlinge in menschenwürdiger Weise sorgen. Und wir könnten hunderttausende griechische Arbeitsplätze schaffen.

Bei Ländern wie Bulgarien oder Ungarn bin ich vollkommen ratlos. Bulgarien könnte man in seinem Drang nach Russland zur Not noch einfach abschreiben - aber Ungarn? Was veranlasst ein Land nach einem blutigen gescheiterten Aufstand gegen die Sowjetunion, ein Land das später für seinen Gulaschkommunismus berühmt wurde, sich jetzt mehr und mehr vom zahlenden Europa ab- und dem ausbeuterischen Russland zuzuwenden? Massenpsychologie ist echt nicht mein Fach!
Wie werden diese Länder also stimmen, wenn es gegen Trump auf Einstimmigkeit in der EU ankommt?

War es ein Fehler, diese Einstimmigkeit vertraglich zu verankern? Ja. In der Krise wird es offensichtlich.

Polen ist verständlich. Polen hat seine Schwanenritter geschickt, um Österreich vor den Türken zu retten. Dank hat es nie geerntet, wurde vielmehr, unter Mitwirkung des geretteten Österreich hundert Jahre später zerstückelt von den drei großmächtigen Herrschaften in Wien, Berlin und Petersburg. Nach 1918 kamen zwanzig Jahre Freiheit. Dann die erneute Unterjochung durch Deutschland und die Sowjetunion. Nach dem zweiten Weltkrieg eine Verschiebung des kompletten Staatsgebiets um zweihundert Kilometer westwärts. Schließlich das kommunistische Joch bis zum Fall des Eisernen Vorhangs. Die Polen werden bis zum letzten Mann zur NATO stehen. Warum sie als tief katholisches Land Schwierigkeiten haben, zur EU zu halten, anders etwa als Italien oder Spanien, hängt wohl größtenteils mit der Psychopathologie des überlebenden Kaczynski-Bruders und seiner PIS-Partei zusammen. Immerhin kann sich Jaroslaw K. inzwischen eine europäische Atombombe vorstellen. Und siehe: Das von Herrn Rumsfeld definierte neue Europa fängt an zu denken!

Denk ich an Tschechien, das geliebte Prag meines Kaisers Rudolf, so blutet mir einfach das Herz. Mehr mag ich dazu nicht sagen.

Mit den Balten und den Skandinaviern sollte Zentraleuropa zuverlässige Allianzen schmieden können. Im karolingischen Zentraleuropa hängt alles von den Wilders, Le Pen und Grillo ab. Um die AfD muss man sich diesbezüglich keine Sorgen machen. Egal, wie die Rechtspopulisten abschneiden, werden Schulz oder Merkel Last Man - oder Last Woman Standing sein.

Ziemlich bedauerlich ist, wie das Schicksal der iberischen Halbinsel mit Großbritannien verknüpft bleibt. Wäre es nicht wunderbar, Schottland vom Brexit-Gebilde abzuspalten und gemeinsam mit Irland in der EU zu halten? Aber nein: Immer wird Spaniens Zustimmung fehlen, weil es sich fürchtet, einen Präzedenzfall für Katalonien und das Baskenland zu schaffen.
Um Portugal hingegen mache ich mir keine Sorgen. Portugal hat ähnliche Fehler gemacht wie Griechenland. Es hat jedoch, im Gegensatz zu Griechenland, verstanden.

So sind wir also aufgestellt. So erbärmlich und so großmächtig. In keiner anderen Konstellation als dieser entscheidet sich unser Schicksal. Die Trumps und Bannons haben allen Anlass, auf ein leichtes Spiel zu hoffen.

Ich hingegen glaube an die Verträge von Rom, geschlossen am 25. März vor siebzig Jahren. Der fast dreitausendjährige Geist der Sieben Hügel, auch des vatikanischen, wird sich als mächtiger erweisen als die Fantasmen, die zurzeit in Washington DC ausgebrütet werden. Ich vertraue auf ein extrem kompliziertes Geflecht gegenseitiger Interessen und auf ein tiefes, unterschwelliges Gefühl kultureller Verbundenheit. Mein Begriff dafür heißt seit jeher: Strukturelle Kriegsführungsunfähigkeit.
Sollte ich mich irren, kommt die Zeit der Nationalstaaten zurück. Vor hundert Jahren, im März 1917, war seit ein paar Wochen die Schlacht von Verdun geschlagen und kam in ein paar Wochen, die Kriegserklärung der USA an Deutschland.

Anders als Stephen Bannon glaube ich nicht an die Zwangsläufigkeit solcher Zyklen, auch wenn ich schon vor vier, fünf Jahren auf beängstigend dunkle Wolkenformationen am Horizont hinwies. Wir haben es immer noch in der Hand, unser Europa. Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt? Wunderbar wäre, es gemeinsam mit dem liberalen Amerika zu verteidigen - traurig, es gegen Amerika verteidigen zu müssen. Verteidigt wird es jedenfalls, so oder so.

Ich möchte in diesen rauen Zeiten schließen mit einem chinesischen Sprichwort und wünsche unserer Schicksalsgemeinschaft diesseits wie auch jenseits des Atlantik: “Glück und zehntausend Jahre! Und Tod und Verderben all unseren Feinden!”

Köln, im April 2017

In Sankt Petersburg findet ein abscheulicher Sprengstoffanschlag statt. Hoffentlich irren wir, wenn uns die Bilder der Videoüberwachung an einen ukrainischen Priester erinnern!

Polen wird von Papst Franziskus am Nasenring zurück in die Solidarität der Römischen Verträge geführt.

Ungarn will die liberale Soros-Universität in Budapest ausschalten. Und ausgerechnet vom amerikanischen Außenministerium kommt Kritik.

Die Haartolle im Weißen Haus droht China mit einem Alleingang gegen Nordkorea. Interessanter sind wohl die Aussagen über Russlandkontakte, die der Ex-Sicherheitsberater dem Kongress im Austausch gegen strafrechtliche Immunität angeboten hat.

Während die türkische Wirtschaft auf den Abgrund zu taumelt, lässt Sultan Gaga über seine zukünftige Rolle abstimmen. Und Spaniens Banken machen sich als große Kreditgeber nur allzu berechtigte Sorgen.

Herr Macron und Frau Le Pen wetteifern um die erste Position im ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen. In Russland bereiten sich die Hacker darauf vor, unmittelbar darauf Fake News zu platzieren, die Macron den Sieg im zweiten Wahlgang kosten.

Klein-England schwimmen die Felle weg.

Die Niederlande haben eine gute Wahl getroffen.

Richard Lank, einst maiordomus von Karl Bucholtz und nach einem Attentat vom Halse abwärts gelähmt, kann wieder seine Arme gebrauchen.

Monica Ricasoli, langjährige Partnerin von princeps Karl Bucholtz, lässt es auf ihrem vierzigsten Geburtstag mal so  richtig krachen.

Köln, im Mai 2017

Sonderbar, wie zwei weltstürzende Ereignisse sich jeweils im Mai eines siebzehner Jahres angebahnt haben, um im Oktober zu reifen:
Im Mai 1517 schrieb Martin Luther an seinen 95 Thesen, um sie dann Ende Oktober an die Wittenberger Kirchentür zu nageln.
Im Mai 1917 hatte Lenins verplombter Eisenbahnwaggon längst das Deutsche Reich passiert und den Revolutionär in seiner Heimat abgeliefert. Wollen wir sagen, er „arbeitete“ an der Oktoberrevolution?

Sechshundert Jahre nach 1517 ist das lutherisch-reformierte Christentum mit all seinen theologischen Ab- und Verzweigungen immer noch eine gewaltige Macht auf Erden. Man schaue sich nur den amerikanischen Bible Belt an! Vielleicht ist ja im Oktober dieses Jahres, nach einem hypothetischen Impeachment gegen Donald Trump, sein jetziger Vize Mike Pence im Weißen Haus der Präsident, ein Mann, der von sich sagt: „Ich bin zuerst Christ, dann Konservativer und zuletzt Republikaner.“ Ob Martin Luther das als Erfolg verbuchen würde?

Hundert Jahre nach 1917 sind von Lenins Revolution im eigenen Land nur noch die psychologischen Folgeschäden übrig, während die proletarische Revolte in Ländern wie China oder Nordkorea als ideologisches Mäntelchen hängen geblieben ist - über ganz anderen, jeweils eigenen Staatsdoktrinen. Und im Oktober? Nach einem hypothetischen Präventivschlag der Amerikaner gegen Nordkoreas Atomrüstung? Müssten in jedem Fall ein protestantischer US-Präsident und ein postkommunistischer Chinese miteinander verhandeln.
 
Das siebzehner Jahr allgemein hat es in sich!

Und ganz speziell der Mai?

Er könnte 2017 Marine Le Pen in den Elyseepalast bringen. Der Oktober dann das Referendum über Frankreichs EU-Austritt. Und in hundert Jahren, sofern der Klimawandel uns bis dahin nicht erledigt hat, zählen Historiker die Toten neuer innereuropäischer Kriege.
Mit etwas mehr Glück könnten wir in unserem Mai die Präsidentschaft Emmanuel Macrons begrüßen, ein Datum, dem im Oktober möglicherweise die Bildung ener soliden parlamentarischen Basis folgte. (Ein paar Monate Verhandlung nach den Parlamentswahlen müssen wir ihnen schon zugestehen, den Franzosen.) Was dann allerdings unsere Nachfahren im Jahr 2117 für ein Jubiläum feiern oder betrauern - ist am allerwenigsten berechenbar.

Und mehr als diese sehr bescheidene Gewissheit wollte ich hier gar nicht zum Ausdruck bringen.

Köln, im Juni 2017

Was soll man halten von den Skandalen in Riad, Brüssel und Taormina?

Die neuen Waffen für Saudi-Arabien werden nach Implosion des Regimes vermutlich in die Hände wahabitischer Generäle fallen. Sich gegen den Westen, gegen den Iran und gegen Israel richten. Für neue Flüchtlingsströme sorgen. Die Straße von Hormus für das Öl unpassierbar machen. Der Iran dürfte wiederum ganz neu über das Atomabkommen nachdenken. Ihm bleibt ja gar nichts anderes übrig.

Herr Rasmussen sollte sich die Servilität wegtherapieren lassen. Nicht die Amerikaner sind sein Boss, sondern die Gesamtheit aller NATO-Mitglieder.
Und - nein: Niemand schuldet der NATO oder dem amerikanischen Steuerzahler Geld aus der Vergangenheit. Punkt.
Gleichwohl muss über die künftige Lastenverteilung im Bündnis geredet werden.
Der Rüpel ist eines Tages Geschichte. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, sollten die USA dann immer noch (oder wieder) unser Partner sein.

Herr Macrons Händedruck wäre noch eindrucksvoller gewesen, wenn er darüber schwiege und nur wissend lächelte. Trotzdem hat der Mann offenbar Eier. Vielleicht schafft das Gespann Merkel-Macron es ja, den europäischen Motor wieder anzuschmeißen.

Die Zeit wäre reif.

Und - spätestens - 2018? Urlaub in Montenegro! Mit der Bahn. Um das Klima zu schonen!

Köln, im Juli 2017

Tut mit leid: Im Juni-Editorial habe ich irrtümlich Herrn Rasmussen beschimpft, obwohl der seit drei Jahren gar nicht mehr Generalsekretär der NATO ist. Gemeint hatte ich die Servilität seines Nachfolgers Jens Stoltenberg gegenüber Trumps großkotzigem Auftritt vor dem Bündnis.

Mal sehen, wer nach dem G-20-Gipfel in Hamburg als devoter Lakai in die Geschichtsbücher eingeht. Mein persönlicher Favorit wäre Donald J. Trump himself - der Präsident als Lakai Putins. Das wäre wohl die einzige realistische Voraussetzung dafür, dass wir in absehbarer Zeit noch ein Impeachment erleben. Zwar wehren sich die Institutionen der USA redlich und tapfer. Aber zugleich beobachten wir die Wirkung eines der absurderen Weltgesetze: Wenn nämlich das Empörende zum Alltag wird, dann löst irgendwann sogar der größte Skandal nur noch Gähnen aus. Niemand regt sich mehr auf. Und ja, so traurig das ist, auch die Bereitschaft zur Korrektur, zur Gegenwehr schwindet. Hand aufs Herz: Fiebern Sie noch jeden Morgen dem neuesten peinlichen Tweet entgegen, wie im Februar?

Ziemlich oft peinlich war auch, das wollen wir nicht verschweigen, der jetzt so hoch verehrte Verstorbene Helmut Kohl. Von seinem ‘Blackout’ in der Flick-Affäre bis zur Portokasse, aus der die Bonner Republik angeblich die Sanierung der DDR bezahlen würde.
Warum ich die tatsächlichen oder erfundenen Ehrenworte gegenüber Parteispendern nicht aufzähle? Wenn sie tatsächlich gegeben wurden, kann ich Kohls Schweigen bis zu einem gewissen Grade nachvollziehen. Ohne jeden Zweifel war sein Verhalten kriminell. Aber doch menschlich verständlich.

Die deutsche Einheit? Wolf Biermann meinte in den Tagen nach Kohls Tod: Er hat die Ernte eingebracht.

Dabei will ich es belassen.

Ergänzen vielleicht um die Erinnerung an jene, die gesät haben: Willy Brandt, Egon Bahr, Walter Scheel. Und jene, die das Reifen der Ernte überhaupt erst zuließen: Michail Gorbatschow, George Bush senior und Francois Mitterand.
Hoffen wir, dass wir uns an der deutschen Einheit nicht irgendwann doch noch den Magen verderben! Und dass der halbwegs gelungene Staatsakt für Kohl ein gutes Omen für Europa ist. Das wäre dann der letzte Dienst, den der große Europäer Kohl seinem Kontinent erwiesen hat.

Wie sagte Macron in seiner Rede beim Staatsakt? Realistischer Optimismus. Stimmt. Nichts ist verloren. Aber die Zeit und mit ihr die Zahl der Chancen werden knapper.
Vor zwanzig Jahren, Prince Charles salutierte gerade, als der Union Jack über Hong Kong eingeholt wurde, feilte ich am Konzept dieser Website. Zu viel wurde seitdem versäumt.
 
Die immer verrücktere Welt wird nicht mehr lange auf Europa warten.

Köln, im August 2017

"Ist es verwerflich, von einem Selbstbetrug zu leben, wenn man ohne ihn stirbt?"
Interessante Frage vom Polen Adam B. Czartoryski gestellt in agrippas mund. Besonders dieser Tage. Oder - um genau zu sein - sie wurde  bereits vor vielen Jahren gestellt und wird heute erst veröffentlicht.
Um gleich zu Polen zu kommen: Noch ist das ewige Polen nicht verloren - es lebt auf jeden Fall länger als seine Kartoffeln. Doch im Augenblick liegt die größte Herausforderung der europäischen Politik am Grunde der Ostsee, nördlich der polnischen Hoheitsgewässer. Es geht um Rohre am Meeresboden, durch die Erdgas fließt, fließen sollen. Sie heißen Nord Stream und Nord Stream II.
Da hat das große Problem seine Wurzeln. Da - und nicht in der Rechtsstaatlichkeit Polens oder Ungarns oder der Türkei oder beim Brexit. Auch nicht bei den Menschen, die verführt durch verbrecherische Schlepper, im Mittelmeer ertrinken.

Sondern am Boden der Ostsee.

Ich habe diesen größten außenpolitischen Fehler der Regierung Schröder damals mitgetragen, weil auch ich die Konsequenzen nicht überblickte. Wir haben gedacht, Russland und Deutschland könnten gemeinsam Energiepolitik betreiben und dabei die Polen und Balten außen vor lassen. Warum auch nicht? Warum keine Pipeline durch die Ostsee? Vorbei an Polen? Was regten sich die Polen denn so auf? Wollten sie vielleicht eine Pipeline durch ihr Land, um sie gegebenenfalls unterbrechen zu können und Deutschland zu erpressen?
Manches sprach damals dafür, zum Beispiel Polens Verhalten bei den Vorverhandlungen zum Vertrag von Lissabon. Polen war schon damals alles andere als dankbar für Deutschlands Mühen, es auf dem Weg in ein geeintes Europa mitzunehmen und die vielen Milliarden, die es vom deutschen EU-Nettozahler bekam.

War auch kein Wunder! Dankbarkeit zu erhoffen, war idiotisch! Nicht weil Polen grundsätzlich undankbar wären. Aber viel zu viel stand nach wie vor zwischen Polen und Deutschen - von den polnischen Teilungen unter preußischer Mitwirkung über die Gräuel, die Deutsche den Polen im Zweiten Weltkrieg zugefügt hatten, bis hin zur Tatsache, dass Solidarnosc, der polnische Aufstand gegen das kommunistische Regime, die strategische Voraussetzung zur deutschen Wiedervereinigung geschaffen hatte - wofür sich die Deutschen nie richtig erkenntlich gezeigt haben.

Aus alledem abgeleitet, hatten die Polen sich schon in den zweitausendnuller Jahren eine Haltung angewöhnt, in der auf unabsehbare Zeit alles, was Deutschland für sie tat, als kleine, eigentlich lachhafte Anzahlung auf die Schlussabrechnung der Völker galt.
Und nun wollte Deutschland sich mit dem großen Russland zusammentun, und sich von Pipelines über polnisches Gebiet unabhängig machen.
Die Polen waren ja nicht generell gegen Pipelines - die sollten eben nur durch Polen führen. Warum? Ganz einfach: So wie wir die polnische Erpressung fürchteten, so fürchtete Polen die russische. Nord Stream eröffnete nämlich für Russland die Möglichkeit, Westeuropa ausreichend mit Energie zu versorgen, und gleichzeitig Polen erfrieren zu lassen. Dieses Kalkül Putins hat sein Männerfreund Schröder damals wohl nicht richtig zuende gedacht - ich übrigens auch nicht. Viel zu froh waren wir über die guten neuen russisch-deutschen Beziehungen und sahen nicht das enorme Spaltungspotential für Europa.

Jetzt haben wir den Salat mit der Kartoffel.

Nachdem Herr Kaczynski beim tragischen Flugzeugabsturz auch noch seinen Bruder verloren hat, beherrscht ihn die Paranoia vollends. Er schwelgt nicht nur in Verschwörungstheorien, Putin habe den Flieger absichtlich zum Absturz gebracht. Nein, er will sein Land hinaus führen aus der libertären westeuropäischen Gemeinschaft - wobei er das Geld des vermeintlich sittenlosen Haufens als Ratenzahlung durchaus noch gerne mitnimmt. Er will den Rechtsstaat abschaffen. Die Gerichte als dritte Gewalt im Lande sollen künftig ganz von der Regierung abhängen. Gewinnt Kaczynski den Machtkampf, ist Polen keine Demokratie mehr.

Die logische Reaktion Brüssels wäre: Wer unsere Werte nicht mit uns teilt, mit dem teilen wir unser Geld nicht. Und: Wer unsere bittende, warnende Stimme nicht hört, der verliert sein Stimmrecht an unserem Tisch. Sehr bedauerliche, aber doch auch ganz unaufgeregte Konsequenzen.

Wie auch im Falle der Briten, der Ungarn. Und ganz weit draußen, an Europas Peripherie: der Türkei.

Nur wird das so nicht klappen, denn Ungarn hat jetzt schon erklärt, es werde nicht dabei mitmachen, Polen das Stimmrecht zu entziehen. Die Gelder für Polen jedoch sind längst bis 2020 festgelegt und einstimmig beschlossen. Womit Brüssel faktisch machtlos ist, während sich die Autokraten gegenseitig beschützen und in die Hände spielen. (Bei Ungarn wäre über South Stream und Nabucco zu reden.)

Jetzt liegt es allein bei den Polen. Entweder der Präsident stoppt den Wahnsinn - was ja zu einem gewissen Teil schon geschieht. Oder das Volk stoppt den Wahnsinn und sorgt dafür, dass Herr Kaczynski es schlicht mit der Angst zu tun bekommt.

(Was man ja als Deutscher nur ganz leise sagen darf, weil sich die leidgeprüften Polen sonst sofort wieder um ihre Regierung scharen. Dass die deutsche Außenpolitik hier so still bleibt, während sie gegenüber Sultan Gaga in der Türkei endlich klare Kante zeigt, erweckt den Eindruck, dass sie langsam erwachsen wird, die deutsche Außenpolitik. Aber das nur am Rande.)

Wenn wir vom schlimmsten denkbaren Fall ausgehen, wenn nämlich weder Präsident noch Volk Herrn Kaczynski stoppen, dann sitzt demnächst ein autoritäres Regime am europäischen Tisch, das gleichberechtigt mitbestimmt. Zum Beispiel bei allen Fragen des Brexit mit seinen unabsehbaren Folgen. Was wäre dieses Regime bereit zu tun, zum Beispiel um ein Bleiberecht polnischer Staatsbürger in Großbritannien zu bekommen - zu Lasten von wem ...?

Und die Autokraten lernen ja voneinander. Einer macht nach, was beim anderen funktioniert hat. Wenn Kaczynski ausgerechnet jetzt wieder Weltkriegsreparationen von Deutschland verlangt, dann hat er sich Erdogans dummfreche Nazivergleiche zum Vorbild genommen. Beides dient nur dem Zweck, Deutschland zur scharfen Antwort zu provozieren, sei es, damit sich die Polen um ihre Regierung scharen oder damit die in Deutschland lebenden Türken noch aufgebrachter gestikulieren als jetzt. Ein bisschen erwachsen ist Deutschlands Außenpolitik durchaus, weil sie das meiste davon abperlen lässt.

Was, wenn Nord Stream damals durch Polen verlegt worden wäre? Was das mit der Stimmung in Polen gemacht hätte, kann niemand im Rückblick sagen. Ob Polen jemals sein Erpressungspotential genutzt hätte, ebensowenig.  Aber zumindest ein aktuelles Problem hätten wir heute nicht. Nun hat der Kongress der Vereinigten Staaten ein neues Sanktionsgesetz an den Präsidenten weitergereicht. Es betrifft den Iran, Venezuela und Russland. Trump wird abzeichnen oder hat schon, trotz seiner Furcht vor den Pinkel-Bildern aus dem Moskauer Hotel. Und in der Folge wird jede Reparatur an Nord Stream und jeder Handschlag (mehr als eine Million Dollar) für Nord Stream II zum Verstoß gegen die Gesetze der USA. Das wäre niemals passiert, führte die Trasse über polnischen Boden.

Jetzt hat zwar Putin einen kleinen Schaden von diesen Sanktionen, aber ansonsten kann er sich beglückwünschen, Europa erfolgreich entsolidarisiert zu haben. (Sie merken, ich träume immer noch davon, Europa wäre jemals miteinander solidarisch gewesen. So viel zum Thema Selbstbetrug.)

Amerika tut so, als wollte es streng sein gegenüber dem Räuber von Krim und Ostukraine und dem Manipulator des jüngsten US-Wahlkampfes. De facto jedoch will Amerika ein europäisch-russisches Energiebündnis zerstören, um Märkte zu schaffen für seine eigenen Flüssiggastanker. Und dagegen muss jetzt Europa solidarisch auftreten - immer mit dem verdammten Kribbeln eines polnischen Vetos im Nacken.
Das Thema ist für uns aber existenziell. Die Gegenwehr kommt, wenn wir uns nicht selbst aufgeben wollen. (So viel zum amerikanischen Selbstbetrug.)

Frau Merkel führt wahrscheinlich derzeit wütende Telefongespräche mit Herrn Schröder. (So viel zum deutschen Selbstbetrug.)
Oder Frau Merkel führt derzeit verzweifelte Telefongespräche mit Herrn Schröder, um ihn zu bitten, seinen Einfluss auf Putin geltend zu machen, damit Nord Stream II nicht gecancelt wird. (So viel zum russischen Selbstbetrug.)

Und die Kartoffel träumt von einem gut katholischen Polen mit braver, fügsamer Bevölkerung. Vielleicht wie das Spanien unter dem späten, schon altersmilden Franco. Mit nur halb so vielen Folterkellern. (Das ist der ewige Selbstbetrug der Autoritären.)

Nein, es ist nicht verwerflich, vom Selbstbetrug zu leben, wenn man ohne ihn stirbt. Doch ziemlich dumm ist, an einem Selbstbetrug festzuhalten, der einen überhaupt nicht weiterbringt, liebe Deutsche, Europäer, Polen, Amerikaner und Russen.

Was das kollektive Überleben angeht, sehe ich Anlass zur Hoffnung. Sie treiben Trump in die Enge, ohne dass er es merkt. Man kann sich - auch als Präsident  - nicht gleichzeitig mit CIA, FBI, den Republikanern, der demokratischen Opposition und jedem halbwegs intelligenten und anständigen Staatsbürger anlegen. Vom Ausland ganz zu schweigen.

Sie hegen ihn ein: mit Generälen.

Wenn dann der entscheidende Augenblick kommt, und der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird ausgeknipst, wie auch immer, legal, illegal ...

... dann ist es sehr effektiv, wenn die neue Befehlskette so funktioniert:

- Soldat, lass mal die Finger vom Atomkoffer, hier spricht nicht nur der Verteidigungsminister, sondern General James Norman Mattis.

- Soldat, lass mal die Finger vom Atomkoffer, hier spricht nicht nur der Nationale Sicherheitsberater, sondern General H. R. McMaster.

- Soldat, lass mal die Finger vom Atomkoffer, hier spricht nicht nur der Stabschef des Weißen Hauses, sondern General John Kelly.

Soldaten stehen auf so was.

Zum Schluss kommt dann: Soldat, hier spricht der Vizepräsident ...

(Das Problem mit der Pipeline wäre damit immer noch nicht vom Tisch. Die Flüssiggastanker, die jetzt ihre Märkte suchen, wurden schon unter dem guten, grundgütigen Präsidenten Obama gebaut.)

Aber was soll’s? Meiner Ansicht nach erleben wir zurzeit in Amerika ein Hochamt der Demokratie. Alle checks und balances arbeiten daran, Trump fertig zu machen. Und offenbar werden sie unterstützt von einem Militär, das dem Land gegenüber loyal ist. Nicht einem Zufallspräsidenten.

Wenn euch das gelingt, Jungs, dann werdet ihr mich eingefleischten Zivilisten zackig salutieren sehen.

Einstweilen beste Grüße aus Köln!

Köln, im September 2017

Gehört ein Land, dessen Gesetze und Präsidialerlasse eine siebenjährige Untersuchungshaft ohne Anklageerhebung erlaubt, in die Gemeinschaft zivilisierter Staaten? Nein.

War es ein strategischer Fehler, Europa in der Flüchtlingsfrage von der Türkei abhängig zu machen? Ja.

Müssen wir gegen einen geisteskranken Präsidenten vorgehen, der unsere Staatsbürger willkürlich in Geiselhaft nimmt und es unseren Parlamentariern verwehrt, deutsche Soldaten zu besuchen? Soldaten, die in der Türkei ihr Leben riskieren, um exakt jener Bedrohung zu begegnen, die Erdogan selbst durch seine jahrelange Unterstützung des IS erst geschaffen hat? Ja.

Bleiben uns trotzdem all jene verbunden, rund die Hälfte der Türken, die gegen die Politik ihres Präsidenten opponieren? Bleibt die Türkei unser Geschäftspartner, dank geostrategischer Position, wirtschaftlicher Rolle und der Millionen türkischer Staatsbürger auf deutschem Boden? Ja.

Kann die Bundesrepublik Deutschland sich den türkischen Unverschämtheiten gegenüber auf die Solidarität der meisten EU- und NATO-Partner verlassen? Nein.

Letzte Frage: Wie leiten Deutschland und Europa aus dieser Ausgangslage eine konsistente Türkeipolitik ab?

Erstens: An den Gesetzen der Türkei können wir nichts ändern. Es ist auch gar nicht unser Recht oder unsere Mission, dies zu tun. Unser gutes Recht ist es hingegen, all jene türkischen Individuen und Organisationen zu unterstützen, die diese Gesetze ändern wollen.

Zweitens: Europa und Deutschland sollten schrittweise der Türkei die Mittel für die Aufnahme der syrischen und irakischen Flüchtlinge entziehen. Diese Mittel sollten verdoppelt und verdreifacht werden, um sie an Griechenland zu zahlen, und ausgewählte griechische Inseln damit mittelfristig als Auffanglager für Flüchtlinge auszubauen. Das Geld fehlt dann der türkischen Regierung, kommt dafür jedoch den Flüchtlingen und einem loyalen EU-Partner Griechenland zugute. Falls der türkische Präsident und Lakaien in der sogenannten türkischen Justiz unter diesem finanziellen Druck beginnen, nachzudenken - umso besser! Wer sich unseren Interessen gewogen zeigt, dem können auch wir uns gewogen zeigen.

Drittens: Sultan Gaga in seinem Tausend-Zimmer-Palast kann nur durch religiösen Wahnsinn, nationalistische Hetze und wirtschaftlichen Erfolg punkten. Gegen den religiösen Wahn sind wir machtlos. Den wirtschaftlichen Erfolg Erdogans können wir schmälern. Reduzierung von Hermes-Bürgschaften, Reisehinweise bis hin zur Reisewarnung, Einfrieren der EU-Mittel für die Heranführung der Türkei an Brüssel - all das sind probate Mittel, immer versehen mit dem Hinweis: Lasst unsere Leute bedingungslos frei, lasst unsere Parlamentarier zu den Soldaten, und wir können wieder über alles reden.
Die nationalistischen Hasstiraden gegen Deutschland werden mit jeder oben genannten Maßnahme schriller und lauter werden und ihren Teil dazu beitragen, Deutsche und Türken weiter zu entfremden. Leider sind wir über den Punkt hinaus, bis zu dem wir die Hetze geduldig hinnehmen konnten, um größeren Schaden zu vermeiden. Wir sind jetzt an dem Punkt, wo vonseiten Deutschlands kühle Interessenpolitik angesagt ist - bei strikter rhetorischer Disziplin. Es kommt nicht infrage, verbal auf das Niveau dieses vulgären türkischen Präsidenten zu sinken.
Es war jedoch absolut der richtige Weg, die deutschen Einheiten aus Incirlik nach Jordanien zu verlegen. Bei den deutschen AWACS-Besatzungen sieht das etwas anders aus. Hier würde ein Abzug unsere Solidarität mit sämtlichen NATO-Partner beschädigen - was nicht im Sinne deutscher Staatsräson ist.
Stattdessen sollten wir jeden Diplomaten Erdogans ausweisen, der sich auf deutschem Boden mit der Bespitzelung und Drangsalierung unserer türkischen Nachbarn und türkischstämmigen Mitbürger befasst. Türkischstämmige deutsche Mitbürger, die in Erdogans Diensten dieses Hobby pflegen, sollten die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekommen und mit Paragraphen gegen Volksverhetzung, Verleumdung, Nötigung, Erpressung bis hin zur Zugehörigkeit zu einer terroristischen oder kriminellen Vereinigung konfrontiert werden.
Was die jahrelange Unterstützung Erdogans für den IS angeht, so sollten wir dem BND befehlen - unter Berücksichtigung des Quellenschutzes - sämtliche Erkenntnisse öffentlich zu machen.
Die Gülen-Bewegung, angeblich Urheberin des Putsches im letzten Jahr, ist sicher keine demokratische, proeuropäische Organisation. Wenn man so lange so eng mit Herrn Erdogan befreundet war, wie Herr Gülen, dann ist man entweder sehr dumm oder zutiefst unanständig. Dumm wirkt Herr Gülen nicht.
Trotzdem sollte den deutschen Behörden eine bewiesene Zugehörigkeit zur Bewegung ebenso gleichgültig sein wie die bloß behauptete Zugehörigkeit. Alle geflohenen Diplomaten, Offiziere, Journalisten, Hochschullehrer - wer auch immer unter dem Vorwurf, zu Gülen zu gehören, Schutz sucht in Deutschland - sollte diesen Schutz erhalten.
Solange die Türkei nicht zu rechtsstaatlichem Verhalten zurückkehrt, sollte dem Erdogan-Regime jede politische Agitation auf deutschem Boden verwehrt sein. Gegen das, was die Türkei gegen unseren Willen in ihren exterritorialen Botschaften und Konsulaten treibt, können wir gemäß Völkerrecht nichts tun. Aber wir können jedes dieser Gebäude weiträumig absperren, sobald und solange dort ein Dummschwätzer auf dem Balkon steht und hetzt.
Es ist tief traurig, dass in Deutschland immer noch die türkische Parallelgesellschaft existiert, in der niemand des Deutschen ausreichend mächtig ist. Da wir dies auf die Schnelle nicht ändern können, sollte die Bundesregierung türkischsprachige Medien gründen und finanzieren.

Viertens: Wo europäische Solidarität mit Deutschland fehlt, muss man halt um Unterstützung werben.
Zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, dass Roms Position eine völlig andere wäre, würde sich Deutschland in der Flüchtlingsfrage entschlossen und solidarisch an die Seite Italiens stellen.
Ganz gewiss wäre Paris zu Konzessionen bereit, unterstützte umgekehrt die Regierung Merkel Herrn Macrons Initiative für Ansätze einer europäischen Fiskalpolitik. Der französische Präsident will ja gar keine Vergemeinschaftung von Schulden. Er will lediglich die Erhebung europäischer Steuern für europäische Aufgaben.
Beides, die Hilfe für Rom wie die Solidarität mit Paris wäre ohnehin im wohlverstandenen deutschen Interesse.

Solange die Regierung Merkel selbst Deutschlands Interessen schadet, braucht sie umgekehrt nicht über mangelnde Unterstützung gegenüber der Türkei zu jammern.

Aber der absehbare Wahlsieg besagter Dame lässt wenig Hoffnung auf ein wenig mehr Vernunft.

Köln, im Oktober 2017

Wann gedenken wir der großen, gleichwohl schmählichen Oktoberrevolution? Im gregorianischen Oktober oder im julianischen November?
Wann kündigt Trump den Atomdeal mit dem Iran? Nach der Einigung mit Nordkoreas Kim oder vor Kriegsausbruch?
Wann wird die AfD demokratisch weggeputzt? Vor einer verfehlten Flüchtlingspolitik oder nach dem natürlichen Ableben von Alexander Gauland?

Alles sehr schwierig.

Andere Fragen lassen sich erfreulich leicht beantworten. Wann sollen Deutschlands Politiker auf Macrons Angebot für einen neuen Anlauf in Europa eingehen? Wann geben wir wieder dem Europa der Cafés die Ehre - eine wunderbare Formulierung, die er in Athen geprägt hat? Wann streben wir gemeinsame Verteidigungs-, Sicherheits-, Finanz- und Asylpolitik an, und wagen große industriepolitische Kooperationen, sei es auch spät, wie bei der Bildung des neuen Schnellzugkonzerns?
Und wann müssen wir verhindern, dass historische Lichtgestalten wie Christian Lindner oder Horst Seehofer all das in den Berliner Koalitionsverhandlungen kaputtmachen?

Noch einmal: Wann?

Jetzt!

Sonst sind nicht nur vier weitere Jahre verloren.

Dabei wird über die Höhe der jeweiligen Zahlungen durchaus zu diskutieren sein. Nur nicht länger über‘s Prinzip.

Man kann nicht groß genug planen, siehe agrippas mund.

Köln, im November 2017

Nun nähert sich allmählich das Jahr 2018. Dreihundert Jahre nach dem Beginn des dreißigjährigen Krieges - und hundert Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs. Was soll man dazu sagen, außer: Lesen Sie Herfried Münkler! Vielleicht allenfalls noch: Lesen Sie Golo Mann!

Hinsichtlich der Lektüre von agrippas mund bin ich selbst ein wenig ratlos. Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass Adam Bonaventura Czartoryskis nachgelassene Texte, aus denen diese Rubrik rund ein Jahrzehnt lang bestückt worden ist, langsam zur Neige gehen.

Wir erinnern uns: Der Mann reiste als princeps nach China und sprengte sich dort gemeinsam mit seinem chinesischen Kollegen vom Orakelrat in die Luft. Obwohl tot, war er anschließend immer noch mächtig genug, um Karl Bucholtz, den heute regierenden princeps, zu bewegen, seinen Nachlass in der Rubrik agrippas mund zu publizieren. Es hieß, er habe mit diesen Texten nicht mehr zu überbietenden Weitblick bewiesen. Es hieß, diese Texte wären für den operativen Einsatz der Gründer-legaten in aller Welt von allergrößter Wichtigkeit. Ich kann das nicht beurteilen.

Was den Weitblick angeht, so hat Czartoryski in einem Punkt gegenüber Bucholtz Recht behalten: Anders als in dessen Blütenträumen, wird die Türkei in der Realität wohl niemals Teil der Europäischen Union werden.
Bei zwei weiteren Punkten hat sich etwas faktisch manifestiert, was zwischen den beiden niemals strittig gewesen ist:
- Europa muss sich in eine Weltordnung fügen, in der nicht für alle Zeit ein halbwegs umgänglicher Hegemon USA unsere Sicherheit garantiert.
- Wie wir heute sehen, ruhte kein Segen darauf, den besiegten Feind UdSSR so sehr in die Ecke zu drängen, wie im letzten Vierteljahrhundert geschehen.

Doch auch Czartoryskis Blütentraum ist mittlerweile zerstoben. Dem Ziel seiner Chinareise - wenn auch mit Sprengstoff! - die personellen Grundlagen dafür zu schaffen, dass Chinas unaufhaltsamer Aufstieg mit einer gewissen Demokratisierung einhergeht, oder zumindest mit fortschreitender Rechtsstaatlichkeit im Reich der MItte, diesem Ziel ist die Welt kein Stück näher.

Da hätte er sich den Sprengstoff auch sparen können, der kantige Pole. Nur zu schreiben wäre humaner gewesen!

KEIN UPDATE IM DEZEMBER 2017

Köln, im Januar 2018

Kein Rückblick, kein Ausblick, nur ein kurzer Einblick in die A5A, die fünf Archive Agrippas! So hat man es von mir verlangt. Ich erlaube mir dennoch den Hinweis, dass im achtzehner Jahr vor hundert Jahren der Erste Weltkrieg endete, während vor vierhundert Jahren der Dreißigjährige Krieg begann.

Aus Venedig, nach wie vor dem Sitz von Karl Bucholtz, werden die fünf Archive absolut geräuschlos koordiniert. Was man dem Hauptsitz als spezielles Verdienst anrechnen könnte, ist die Entwicklung im Ukraine-Konflikt. Obwohl hier im letzten Jahr 4.000 Verstöße gegen das Waffenstillstandsabkommen gezählt wurden, hat der Krieg doch seine Dynamik eingebüßt. Er tritt auf der Stelle, was für die Menschen, die an dieser Stelle leben müssen, immer noch schlimm genug ist. Aber zumindest weitet er sich nicht mehr aus.
Im Nahen Osten sind die Gründer ebenso ohnmächtig wie Russen und Amerikaner. Jedenfalls solange sich niemand findet, der Herrn Assad erschießt, in die Luft sprengt oder vergiftet. Oder den Konflikt zwischen dem schiitischen Iran und den wahabitischen Saudis einhegt, vorzugsweise im Jemen. Oder die selbstmörderische Siedlungspolitik der israelischen Regierung Netanjahu beendet.

In Köln hat man es derzeit leicht, vernünftige EU-Politik auf den Weg zu bringen, jedenfalls solange Macron seinen Elan nicht verliert und man die englischen Fesseln auf dem Müllhaufen liegen lässt, die - etwa verteidigungspolitisch - mit dem Brexit abgefallen sind. Ungebremst von der Flankenmacht Großbritannien tut sich hier einiges im Osten und Süden der Union. Und das ist nicht nur gut so, sondern überlebenswichtig, angesichts der Art und Weise, wie Amerika seine Rolle neu definiert.
Ob die Gründer des Kölner Archivs auch eine fiskalpolitische Vertiefung hinbekommen, wissen sie wahrscheinlich selber noch nicht.
Tatsache jedoch ist, dass das Hin und Her zwischen Macron, Merkel und dem Duo Gabriel/Schulz während der deutschen Koalitionsverhandlungen zur Blaupause einer europäischen Innenpolitik werden könnte.
Vom neuen Polis-Projekt habe ich seit Monaten nichts mehr gehört.
Begrüßenswert fände ich die konsequente Anwendung des Volksverhetzungsparagraphen - auch auf muslimische Migranten, die ihren antisemitische Dreck neuerdings in Deutschland absondern.
Und Katalonien? Natürlich machen die Katalanen momentan das Dümmstmögliche. Aber dass sie endlich ein Autonomiestatut wollen, mit dem sie fiskalisch die gleichen Rechte erhalten wie etwa Navarra und das Bakenland, sollte man schon verstehen. Wie Madrid diese saftigste Frucht des Landes auspresst bis zum Gehr-Nicht-Mehr, während es zugleich von staatspolitischer Verantwortung faselt, ist nur noch verachtenswert. Schon spannend, ob die Gründer zwischen den Dummen von Barcelona und den Bösen von Madrid am Ende vermitteln.


Was man aus London mit Blick auf Amerika leistet, ist unsichtbar bis nicht vorhanden. (Man müsste aber auch erst einmal überhaupt leisten können. Gar nicht so einfach mit der Administration Trump als Gegenüber.)
Den Brexit sabotieren sie gar nicht so schlecht, wie ich finde. Inzwischen wächst die Hoffnung, er könnte de facto ausgehebelt werden oder zumindest sehr sanft gestaltet. Ein wirtschaftlich und juristisch integriertes Großbritannien ohne nerviges Stimmrecht in Brüssel wäre doch gar nicht so übel. Und wenn die Briten es tatsächlich auf die harte Tour wollen, kann man mittlerweile zuversichtlich sein, dass Brüssel ebenfalls hart genug ist, jeden potentiellen Nachahmer nachhaltig zu verschrecken.

Lissabon zeigt vielversprechende Ansätze in der Afrikapolitik. Alles entscheidend wird sein, ob die Flüchtlingszahlen nachhaltig sinken.

Nicht viel zu merken ist derzeit von Prags Zuständigkeit für den asiatischen Kontinent minus Russland. Ich habe es von Anfang an für einen Konstruktionsfehler gehalten, dass ein Subarchiv der Gründer den Kontakt zu gleich allen drei ungeheuer mächtigen asiatischen Räten halten soll: dem chinesischen Orakelrat, dem Indischen Rat und dem japanischen Bergrat. Ein Fall von struktureller Überforderung. Aber wer weiß, vielleicht gibt es sie ja doch, die subtile Vermittlung im Koreakonflikt etwa.
Prags erklärtes Ziel für die nächsten dreißig Jahre ist die Geschichtspolitik. Der Versuch, für Europa Lehren zu ziehen aus dem Dreißigjährigen Krieg, der nach üblicher Zählung am 23. Mai 1618 begann - mit dem Prager Fenstersturz der Herren Martiniz, Slawata und Fabricius.

Lesen Sie hierzu das neue Buch von Herfried Münkler! Bitteschön, das neue Jahr hat gerade erst angefangen! Und wenn ich alles Gute wünsche, dann gehört dieses Buch unbedingt dazu!

Köln, im Februar 2018

Ein Jahr Trump, immerhin jetzt ohne Bannon – Glückwunsch Mr Brodkey! Die Kurden wieder mal verraten – Schande über Sultan Gaga in allen tausend Zimmern! Immer noch keine deutsche Regierung – meine Verehrung, die Herren Lindner und Schulz! Vor der Tür mutwillig herbeigeführten italienischen Wahlen – grazie, Signore Renzi! Brexit-Prozedere nach wie vor unklar – ein Hoch auf die Völker Kleinenglands! Macron allein in Paris – herzliches Beileid Europa!

Alles in allem kein Gute-Laune-Programm. Da muss dann als Gemütsaufheller herhalten, dass meine Damen und Herren Chefs Plumbum Agrippae 2.0 androhen. Mehr hab ich nicht zu bieten.

Köln, im März 2018

Schon merkwürdig, dass am selben Wochenende Italien in den quälendsten Regierungsbildungsprozess nach dem Krieg stürzt, während Deutschland die SPD entscheiden lässt, ob es zur Groko kommt. Ganz im Stillen verflucht  Macron inzwischen wahrscheinlich beide großen Nachbarländer. Da will er den europäischen Jupiter geben - und im Süden streben die Clowns an die Macht. Da kann er vielleicht sogar die Jupiter-Rolle - aber östlich des Rheins addieren sich Schwarz und Rot zu Bleigrau.
Spanien fällt aus wegen Katalonien.
Griechenland wird bald wieder zum Thema.
Ob die EU im Brexit einig bleibt, hängt wesentlich davon ab, wie sie sich zur Abschaffung des Rechtsstaates in Polen verhält.
Aber Serbien, dieses trojanische Pferd Putins, holen wir stolz heim nach Europa, und verkaufen das als geostrategischen Plan. So als gäbe es noch nicht genug Konfliktlinien in der EU!
Kluge Leute haben einmal die Frage gestellt, ob man nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die EU erweitern wolle oder doch lieber zunächst vertiefen. Dann kamen dumme Leute und erklärten im Brustton der politischen Korrektheit, beides zugleich wäre möglich. Wohin wir so geraten sind, erleben wir zurzeit. Die Tatsache, dass wir nun trotzdem noch einmal den gleichen Fehler machen, erübrigt zumindest die Frage nach der Intelligenz des handelnden Personals.

Köln, im April 2018

Und da ist sie wieder – die gute alte Wertegemeinschaft zwischen Europa und Amerika. Rußland hat Gift gespritzt und nun stehen wir alle in Treue fest zum Bündnispartner England. Pech nur, dass bisher niemand Beweise für Rußlands Schuld liefert! Denn eigentlich basiert unsere Wertegemeinschaft ja unter anderem darauf, dass jedermann bis zum Beweis seiner Schuld als unschuldig zu gelten habe. 

Damit wir uns hier recht verstehen: Zuzutrauen wäre der Anschlag auf Skripal den Russen durchaus, umso mehr, als jetzt die Wohnung als ursprünglicher Ort der Vergiftung identifiziert worden ist. Das sieht deutlich professioneller aus, nach einer gezielteren Vorgehensweise als etwa die Parkbank – wobei dann immer noch etwas aus dem Ruder gelaufen sein müsste. Müsste, wäre, hätte, könnte. Eine Orgie aus Konjunktiven, die Moskau tief beleidigt zurückweist. Wie bei den herrenlosen grünen Männchen, die die Krim eroberten und später im Kreml hoch dekoriert wurden. Wie beim abgeschossenen Flug MH17 mit 298 ermordeten Passagieren und Besatzungsmitgliedern. Bei den Cyberattacken im Baltikum, auf deutsche Behörden oder die amerikanischen Demokraten. Beim systematischen Doping. Wie damals bei Litvinenko und dem Polonium oder beim Gesicht des ukrainischen Politikers Juschtschenko nach dem Dioxinanschlag oder dem Strick um Beresowskis Hals ...

Auch in Salisbury wieder: Warum? Cui bono? Entweder ...

Rußland hat den Anschlag vor der Präsidentschaftswahl durchgezogen, um die Wahlbeteiligung seiner patriotischen Bevölkerung zu pushen.
Oder inkompetente russische Dienststellen sind außer Kontrolle geraten.
Oder Großbritannien selbst hat den Anschlag inszeniert, um die verheerenden Brexit-Folgen diplomatisch abzufedern.
Oder eine dritte Partei wollte Putin einen Gefallen tun.
Oder die dritte Partei wollte Putin schaden und hat ihm dabei unabsichtlich einen Gefallen getan.
Oder es fand ein persönlicher Racheakt unter alten Geheimdienstlern statt, fernab aktueller Politik.

Alles denkbar. Nichts bewiesen. Und so ist das vergleichsweise einige Auftreten des alten Westens weniger Beleg einer Wertegemeinschaft als vielmehr Ausdruck stetig wachsender Frustration über Rußlands aggressive Politik, die der Westen durch sein rücksichtlos antirussisches Vorgehen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion selbst provoziert hat. Man erinnere sIch: Seitdem hat Rußland tausend Kilometer strategische Tiefe eingebüßt. Ferner erinnere man sich: Es gab mal Zeiten, da hat Rußland friedlich zugeschaut, wie die NATO Belgrad bombardierte.

Das hat die transatlantische Wertegemeinschaft gründlich verkackt. Im Moment können wir nur hoffen, dass nach dem Abgang von Tillerson und McMaster nicht auch noch die Kooperationsbereitschaft Chinas für immer und ewig verspielt wird. Da sitzt jetzt ein Präsident auf Lebenszeit. Wer den verärgert, der macht richtig nachhaltige Politik.

Köln, im Mai 2018

Nein, man kann wirklich nicht sagen, dass sich das Prager Archiv mit Ruhm bekleckert hätte in diesen Wochen, da sich der Beginn des Dreißigjährigen Krieges zum vierhundertsten Mal jährt. Naturgemäß – insofern eben die Anordnung der Länder zur Natur gehört, aber vielleicht ist ja auch das schon politisch unkorrekt – erstreckt sich Prags Zuständigkeit auf Ungarn und Polen und deutlicher brauche ich wohl gar nicht zu werden. Steht mir auch überhaupt nicht zu, solange auf Berliner Straßen ein Kippa-Träger mit dem Gürtel verprügelt wird, während die Polizei sich nicht um biodeutsche Nazis oder islamistisches Antisemitenpack kümmert, sondern am überwiegend gesetzestreuen siebzigjährigen Falschparker die geballte Staatsmacht exekutiert.

Prag also! Wir müssen wohl langsam einsehen, dass die Völker Ostmitteleuropas ihrer politischen Souveränität, deren Gebrauch wie deren Missbrauch, größere Bedeutung beimessen, als es unseren beamteten Schicksalslenkern in Brüssel lieb ist. Ob‘s den Ostmitteleuropäern dabei am Ende besser geht, wenn sie den Souveränitätsverzicht verweigern, bleibt abzuwarten. Ob sie aus dem 23. Mai 1618 und den Folgen der Defenestration Jaroslaws von Martiniz und Wilhelms von Slavata gelernt haben? Kaum. Sie neigen, wie andere Völker auch, zum Vergessen und Verdrängen der Katastrophen, siehe die Geschichte von der Kippa und dem Gürtel.

Zum dritten Mal: Prag! Kein Ruhm also für das Archiv. Aber doch Neugier. Während die Weisungen des versprengten Adam Bonaventura Czartoryski in der Version Zwei Punkt Null erscheinen und Venedig fesseln, rekonstruiert Prag die Kunstkammer Kaiser Rudolfs II..

f. 59 628 H. 1 quadretto von seiden, wie Jupiter den fröschen den storchen zum könig gibt, in ebiner ram und fürschieber, in der groß wie obigs.

Ansonsten im Westen nichts Neues.

Köln, im Juni 2018

Man kann es ja mit den historischen Parallelen übertreiben, aber nur mal angenommen, wir setzten den Böhmischen Majestätsbrief Kaiser Rudolfs II. gleich mit Obamas Iran-Atomabkommen ...

... dann kommt eine Betschwester namens Ferdinand an die Regierung in Wien oder eine Föhnfrisur ins Weiße Haus ...

... und erklärt jeweils alles für null und nichtig.

Anschließend wundern sie sich, dass die geschädigte Partei nicht wirklich fröhlich ist und ein paar Beamte aus dem Fenster wirft, beziehungsweise atomar aufrüstet.

Dann führt man Krieg, das Kriegsglück schwankt, Drittmächte mischen mit ...

... bis am Ende alles in Schutt und Asche liegt. Ein Drittel der Menschen ist tot. Und man muss schon über dreißig sein, um auch noch was anderes zu kennen als Krieg.

So kann’s kommen. Und ob sich dann noch irgendwer erinnert, dass vor dreißig Jahren ein bizarres Parteienbündnis Italien aus dem Euroraum katapultierte, woran schließlich ein Präsident Macron scheiterte und bei der nächsten Wahl von einer Rechtsradikalen geschlagen wurde oder ob die Föhnfrisur und der dicke Raketenboy sich damals nun getroffen haben oder nicht ...

... bevor man auch diesmal wieder die libysche Lösung aus dem Hut zauberte, um Mr Vice President Pence und seine jüngste historische Parallele zu würdigen ...

... oder ob Föhnfrisur bei Kriegsausbruch längst von Pipi-Gate erledigt war und überhaupt alles nur dem Zweck diente, noch ein paar Tage länger im Amt zu bleiben ...

... wer weiß?!

Fortgeschrittenes Lebensalter kann ein Privileg sein.

(Und die libysche Lösung wird demnächst auch in Zett verhandelt, wo man Frau Peeters in Aktion sehen wird und manches mehr.)